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Erinnerung lastet - Eugen d'Albert: DER GOLEM - Oper Bonn, Premiere 25.1.2010
Welch ein Stoff für eine Oper: Das Sagen umwobene Prag Kaiser Rudolfs II., der mystische Rabbi Löw als Herrscher über das Ghetto, Zufluchtsort der von der spanischen Inquisition verfolgten Juden, die dienende Lehmgestalt - der "Golem". Kabbala, jüdische Zahlen- und Wort-Mystagogie, unerfüllte Liebe, Heraufbeschwören alt testamentarischer Gestalten: Dieses Thema gehörte Mitte der Goldenen Zwanziger zu den beliebtesten Stoffen. Angeregt durch das Drama Arthur Holitschers von 1908 und der Stummfilmtrilogie von Paul Wegener ließ sich Eugen d'Albert für sein Golem-Opernprojekt von Ferdinand Lion das Libretto verfassen. 1926 sollte allerdings dessen Textbuch für Hindemiths "Cardillac" größerer Erfolg beschieden sein. Meistens sind es auch die Libretti, die für das Wohl und Wehe einer Oper entscheidend sind. "Drum wo ein Körper ist, lässt sich einmeißeln auch Seele!" Mit solch kryptisch parataktischem Wortfetzen Gestanze konnte Hindemith seine schroff kantige "Cardillac"-Partitur trefflich veredeln, dem hoffnungslosen Postspätromantiker d'Albert stehen sie hinderlich im Wege, wie die jetzige Aufführung an der Oper Bonn leidvoll unterstrich.
Hier hätte eine Inszenierung konsequent gegen arbeiten können, aber Andrea Schwalbach hatte anderes im Sinn. Sie scherte sich nicht um literarische und historische Vorgaben, sondern pfropfte verkopft ihre intellektuelle Gutmensch-Philosophie der Oper auf, mit dem Ergebnis, dass Libretto, Musik und Szene autark nebeneinander herlaufen und keines zum anderen findet. Anne Neuser stilisiert des Rabbi Studierzimmer zum panoptischen Mausoleum der Menschenversuche. Der Kuppelbau, der auch etwas von einem Observatorium hat, atmet durchaus etwas Mystisches, ist aber so diesseitig grau ausgeleuchtet (Licht: Max Karbe), dass nach spätestens einer Viertelstunde die Augen schmerzen. Akustisch ist er alles andere als ideal, da er vor tückischen Löchern und Echoeffekten nur so zu wimmeln scheint. Eine Augenweide im Negativen sind die geschmacklosen Fetzen, die sich Kostüme nennen (Stephan von Wedel), aber im Ghetto herrschte ja bekanntlich Armut. Der Chor scheint von einer Kleiderspende aus dem Dörfchen Anatevka großzügig bedacht worden zu sein...
Spätestens seit seinem fulminanten "Krol Roger"-Dirigat weiß der Musikkenner den schwelgerischen Ton, den GMD Stefan Blunier dem Beethoven Orchester Bonn angedeihen läßt, zu schätzen und bei d'Albert ist es jetzt kaum anders. Man merkt dem Schweizer an, dass ihm die Trouvaille eine Herzensangelegenheit ist. Alles klingt perfekt, schwelgt in den erdenklichsten Farben, nur etwas weniger Weichzeichner hätte es schon sein dürfen, die expressiven Stellen klingen nach Zemlinsky und Strauss, meistens wallt es aber postwagnerisch wabernd aus dem Graben, so als hätten sich Massenet und Humperdinck vereint. Seinem Sängerensemble macht er es auch nicht gerade leicht, haben die schon mit dem Wortgewölle des Librettos zu kämpfen in einem akustisch mehr als heiklen Raum, deckt der direkte Orchesterklang Feinphrasierungen gnadenlos zu. Wenigstens im Wiegenlied der Lea gonnt Blunier Ingeborg Greiner Ruhe und so darf man ihrem innigen Vortrag genießend lauschen. Sie ist die große Entdeckung des Abends, die - obwohl die Regie es ihr eher versagt - als einzige menschliche Regungen zeigt. Ihrem lyrisch dramatischen Sopran verlangt sie Unmenschliches ab, weiß aber von Anbeginn so klug zu haushalten, dass man ihr ein Ermüden kaum anmerkt. Dafür dem Gast aus Frankfurt - Alfred Reiter - leider umso mehr. Läßt er im ersten Akt noch seinen profunden Baß verströmen, so wirkt der Rabbi im zweiten zunehmend blasser. Mark Morouse trumpft als Golem mit viril nobem Bariton auf, für schmachtende Tenorkantilene sorgt souverän Tansel Akzeybek als Jünger. So blaß wie ihn die Regie zeichnete, bleibt Kaiser Rudolf II als weißgewandeter Dandy, im bemühten Spiel Giorgos Kanaris.
Masse wuchtend präsentiert sich der Chor des Theater Bonn in der Einstudierung von Sibylle Wagner.
Angesichts dieser zähflüssig dargebrachten Trouvaille, dankte das Publikum brav allen Beteiligten.
Dirk Altenaer |
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