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Berlin: Koopman erstmals mit den Berliner Philharmonikern, 28.1.2010
Nun also auch Ton Koopman – der strenge Verfechter der historischen Aufführungspraxis! Die Chance, in der Philharmonie und mit den Berliner Philharmonikern Musik zu machen, war sicherlich ein sehr großer Anreiz, zumal schon andere renommierte Vertreter der Alten Musik - von Nikolaus Harnoncourt bis Trevor Pinnock - mit diesem Spitzenorchester gearbeitet haben.
Es ist nicht Koopmans erster „Sündenfall“, hat er doch schon mit dem Concertgebouw-Orchester, dem Chicago Symphony Orchestra und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks konzertiert. Koopman selbst erklärte dazu in einem Interview: „Immer mehr moderne Symphonieorchester spielen Mozart, Bach und Haydn zwar mit ihren üblichen Instrumenten, glücklicherweise aber mit einer gewandelten Ästhetik. Ich denke, es ist wichtig, dass wir in diesem Sinne Brücken bauen.“ In Berlin gibt er sein Debüt mit Bach und Haydn. Mit von der Partie ist der RIAS Kammerchor, der gerade erneut prämiert worden ist.
Der Abend beginnt mit der effektvollen „Orchestersuite Nr. 3“ D-Dur BWV 1068 von Johann Sebastian Bach. Mit gewohnt zackigen Gesten geht Koopman das Werk an. Geschaffen hat es Bach vermutlich 1718 während seiner Zeit in Köthen. Die Pauken, Trompeten und 2 Oboen hat er- ein Meister des Recycling - 1730 oder 1731 als Thomaskantor in Leipzig hinzugefügt und so dieser Suite ein festliches Gepräge gegeben. Außerdem trug er dem Geschmack der damaligen Hörer Rechnung, die französische und italienische Musik gleichermaßen mochten.
Heutzutage ist diese Orchestersuite die typische „Weihnachtsmusik“. In Leipzig war das seinerzeit anders. Dort wurde sie zum Gefallen reicher Bürger nicht nur in feiner Umgebung gespielt, sondern im Sommer im Freien und im Winter im Kaffeehaus. Denen wäre aber wohl bei Koopmans Dirigat dieses Stückes der Kuchen von der Gabel gerutscht. Denn der Niederländer schlägt ein ungemein forsches Tempo an.
Bach sollte man zwar nicht zerdehnen oder weichspülen, doch Koopman hetzt fast durch die Partitur, so dass die schönen Linien der Fugen vorbeirauschen, ohne sich richtig entwickeln zu können. Ist das Premieren-Nervosität? Nur das berühmte „Air“ darf sich ohne Drängen entfalten. Die Philharmoniker in kleiner Besetzung lassen die Instrumente wunderbar singen, ohne süßlich zu werden, und bescheren uns eine „Himmelsmusik“.
Auch Joseph Haydns „Symphonie Nr. 98 B-Dur“ geht Koopman forsch an, wirkt aber insgesamt gelassener. Den melodiösen Charakter des Adagios arbeitet er fein heraus, bringt das Menuett hübsch tänzerisch und macht sich schelmisch die von Haydn eingebauten Scherze zunutze.
Nach der Pause die Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“. UnterBWV 230 wird sie Bachs Werken zugeordnet, obwohl seine Urheberschaft nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Nur von der Orgel und dem Basso continuo begleitet gestaltet sie der RIAS Kammerchor, einstudiert von Hans-Christoph Rademann, in einprägsamer Weise und stimmt ein auf das Hauptwerk des Abends: Johann Sebastian Bachs „Magnificat“ D-Dur BWV 243.
Es wird auch zum Höhepunkt. Von den Solisten übertreffen die Damen Klara Ek (Sopran), Rachel Frenkel (Mezzosopran) und Ingeborg Danz(Alt) die Herren Werner Güra (Tenor) und Klaus Mertens (Bass) an Wohllaut und Ausdruck. Der Sopranistin glaubt man die mädchenhafte Bescheidenheit, wenn sie sich als „ancilla“, als niedere Magd, bezeichnet. Gut fügen sich die Stimmen der Altistin und des Tenors beim Duett „Et misericordia…“ zusammen.
Großartig spielen die Philharmoniker. Innig tönen die Violinen, fein und einfühlsam die Bläser. Celli und Kontrabässe bieten den satt-samtenen Untergrund. Auch Koopman reiht sich unter die Musiker ein.
Sie alle – das Orchester nun in größerer Besetzung - vereinen sich nachdrücklich bei diesem Dankesgebet der Maria an den großen Gott. Das Chor-Terzett, gebildet aus den Sopranen I und II (Mezzo-Lage) und den Altistinnen - wird zum Ereignis. Ruhig und wunderbar rein singen die Damen die Zeilen: „Suscepit Israel puerum suum recordatus misericordiae suae.“ Bach, der seinerzeit mit mageren Mitteln auskommen musste, hat sich sicherlich für die Zukunft eine solche Aufführung erträumt und hätte wohl nach diesem „Magnificat“ ebenso gejubelt wie Maria. Und genau das tun nun auch die Zuhörer.