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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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Rameau zum ersten Mal an der Rheinoper.

 Rameau, Hair und die Montagsmaler - Jean-Philippe Rameau: LES PALADINS - Rheinoper Düsseldorf DEA & Premiere 28.1.2010
 
Fast auf den Tag genau nach 250 Jahren kam ein Werk an der Rheinoper Düsseldorf zu seiner deutschen Erstaufführung, das als eines der schillerndsten Werke des französischen Barock zählen darf. Rameaus Antwort auf dei italienische Buffa "Les Paladins". Spätestens seit dem grandiosen Monteverdi-Zyklus während der Ära Richter, wissen Barock-Kenner die Camerata der Düsseldorfer Hofmusik zu schätzen und mit ihrer Umsetzung der Partitur des Hofkomponisten Ludwig XV. erwiesen sich die Musiker nun auch als gewiefte Sachwalter der französischen Barockmusik.

Mit Konrad Junghänel konnte aber auch ein Spezialist der Sonderklasse verpflichtet werden. Mit frischer Brise fegt Junghänel durch die höchst artifizielle Partitur, die in ihrer Kühnheit schon manch jüngeres Werk vorwegnimmt. Geschwinde Takt- und Rhythmenwechsel gehören ebenso dazu wie eine ausgeklügelte brillante Instrumentierung mit deren Effekten Rameau wie in einer Alchimistenküsten herumexperimentiert. Seltsamste Perkussionsinstrumente, exotische Außenseiter, wie die Musette - ein barocker Dudelsack, der sich vor allem in den modischen Schäferspielen besonderer Beliebtheit erfreute, zählen dazu, wie, die süperbe Behandlung des Streicherapparates. Aus dem Graben der Rheinoper sprudelten immer neue, immer überraschendere Klangkaskaden, die die akustischen Geschmacksnerven mit nie geahnten Amuse gueules aufs Sanfteste reizten und umschmeichelten, daß es die Laune auf mehr Rameau wachsen läßt.

Dazu ist es Intendant Christoph Meyer wieder gelungen aus dem Stand ein junges Solistenensemble zusammenzustellen, das die hierzulande nicht gerade alltägliche französische Barockschule aus dem ff beherrscht und das Erstaunlichste dabei ist, daß keiner der Beteiligten aus der "Grande Nation" stammt.

Mit dem jungen Schweden Anders J. Dahlin konnte ein seltener Vertreter des Haute Contre, einem extrem hohen Tenor, nicht zu verwechseln mit Countertenören, gewonnen werden. Dahlin scheint sich in den himalayischen Höhen seines Parts, dem schmachtenden Liebhaber Atis, besonders wohlzufühlen. Selbst in den extremsten Lagen dieser Tessitura sitzt die Stimme noch im Fokus und besitzt eine Koloraturgeläufigkeit, die einem schier den Atem stocken läßt. Um seine Geliebte Argie schließlich in die Arme schließen zu können, gilt es einige Abenteuer zu bestehen. Die Fee Manto ist ihm dabei besonders dienlich, von Thomas Michael Allen mit Witz und geschmeidigem Buffotenor köstlich dargeboten. Argie liegt in der koloraturgeschulten Kehle Anna Virovlanskys. Deren große Arie im zweiten Akt zu den schönsten Stücken der Partitur zählt. Mit obligater Flötenbegleitung nimmt dieses Rameausche Juwel schon große Belcantoarien vorweg und atmet in ihrer Melancholie auch schon die Luft der Pamina-Arie. Die Virovlansky interpretiert das in natürlicher Innigkeit mit souveräner Bewältigung des hohen Anspruchs. In ihrer Quirligkeit schon ein barockes Blondchen, erfreut die junge Rumänin Iulia Elena Surdu als deren Freundin Nerine, vor allem wenn sie Orcan, den strengen Diener Anselmes zu becircen sucht. Mit Laimonas Pautienius (Orcan) und Adrian Sampetrean (Anselme) standen gleich zwei erfrischend junge Baßbuffi zur Verfügung.

Etwas zu stimmlastig wirkte der Rheinoperchor in der Einstudierung Gerhard Michalskis. Musikalisch gab es also barocken Hochgenuß, doch leider fand das Ganze nicht in konzentrierter Konzertathmosphäre statt, sondern wollte auch szenisch bebildert und bewegt werden.

Mit der Palucca-Schülerin Arila Siegert glaubte man die ideale Kombination von Regie und Choreographie in einer Person engagiert zu haben, zumal Rameaus Comedie lyrique auch als Ballettoper bezeichnet werden kann. Hätte die Rheinoper mit Martin Schläpfer nicht einen der renommiertesten Ballettkünstler am eigenen Haus, könnte man das, was Frau Siegert Choreographie nennt, verschämt mit dem Deckmäntelchen des Schweigens verhüllen, aber so wirkt es besonders peinlich, wenn sich der Bewegungstanz in Turnstundenaufwärmeübungen a la Hopserlauf und Bi-Ba-Butzel-Mann-Gelaufe erschöpft. Zeitweilig hat man das Gefühl, wenn sich Statisterie, Bewegungs- und richtiger Chor in den kunterbunten Kostümfummeln Marie-Luise Strandts in den Aerobicübungen ergeht, hier fände eine Hair-Aufführung einer TheaterAG auf die Musik eines gewissen Rameau statt, schreibt die Siegert doch allen Ernstes auf ihrer Homepage von einem Ba-Rock Spektakel einer Flower-Power Gesellschaft. Bestenfalls feierte das Monty Python- "Ministery of Silly Walk" wieder fröhliche Urständ. Aber wahrscheinlich war das Ganze nur eine Reminiszenz an das DDR-Fernsehballett, wie überhaupt die "Glotze" im Mittelpunlt stand. Der von Frank Philipp Schlößmann entworfene Portalrahmen ahmte ein altes Wohnzimmertabernakel nach und die von "Live-Maler" Helge Leiberg entworfenen Zeichnungen hatten den Charme der "Montagsmaler" mit Sigi Harreis und erinnerten bestenfalls an Schnellzeichner Oskar aus Rosenthals "Dalli-Dalli". Wer jetzt allerernstes noch glaubte, in diesem bunten Malevent hätte auch nur ansatzweise so etwas wie Personenführung stattgefunden oder hätte anhand der Regie der Handlung, so wie Rameau und Duplat de Monticourt sie entwarfen, folgen können , der sah sich im Mauerwerk von Tetris und Packman gefangen.

Für die in Zukunft geplanten Rameaus von hier aus die Bitte: Gebt der grandiosen akustischen Interpretation eines Junghänel mit der Düsseldorfer Hofmusik bitte ein visuelles Adäquat zur Seite. Wie soetwas aussehen kann, hat meisterlich Christof Loy an der Rheinoper mit seinem Monteverdi-Zyklus bewiesen und zeigte bei ihren Gastspielen mit ihren Gluck-Arbeiten die unvergessene Pina Bausch auch an diesem Institut.

Dirk Altenaer

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