WIENER STAATSOPER: „BORIS GODUNOW“ am 10. Januar 2009
Für mich war dieser Abend die klassische Bestätigung meines Artikels über die Wichtigkeit der Finali (Leitartikel im Heft 12/08). Es standen ausschließlich gute Sänger auf der Bühne, es stimmte die musikalische Wiedergabe, und dennoch wanderte ein gutes Viertel aller Besucher in der Pause ab – auf allen Rängen sowie im Parkett waren danach beträchtliche Lücken zu konstatieren – und der Applaus plätscherte, wenn überhaupt, nur spärlich nach jeder Szene, die Umbaupausen wurden als Löcher im dramatischen Gefüge empfunden, und erst das wirkliche, krönende Finale –nach Umstellung der letzten Szenen – mit dem Tod des Boris brachte der Aufführung dann doch noch Jubel ein, obwohl sich auch da der Vorhang nicht an der – musikalisch – richtigen Stelle geschlossen hatte. Aber der Titelrollensänger hatte die Szene an sich gerissen.
Leider hat der Chor nicht die Möglichkeit, die den Sängern mitunter gegeben ist: gegen den Willen des Regisseurs zu agieren. Sowohl die Solisten als auch das singende Plenum büßen in dieser von Yannis Kokkos allein verantworteten Produktion enorm an Wirkung ein durch die faden, grauen oder schwarzen Alltagskleider von 2007, die das Auge des Zuschauers ermüden. Dazu die meist dunkle Bühne, wenig zielführende Bewegung, nicht erkennbare Schauplätze. Außer dem Titelhelden konnte man von Maske und Kostüm her keinen Bühnenakteur einer bestimmten Rolle zuordnen.
So war es Ferruccio Furlanetto vergönnt, auch von der Optik her, zuerst im Krönungsornat, dann im goldenen Königsmantel, als dominierende Persönlichkeit die Titelrollenehren zu rechtfertigen, auch wenn Boris nur in 3 Szenen vorkommt. Furlanetto ist eine interessante, italienische Variante zu den großen Boris-Darstellern vornehmlich slawischer Herkunft. Obwohl sein Stimmvolumen ins Unendliche zu wachsen scheint, hat er sich die erlernte Gesangslinie bewahrt. Auch in den großen, explosiven Gefühls- und Stimmeruptionen sind es schöne, runde, volle Töne, die er produziert. Und voll drinnen ist er auch in der Rolle. Majestätisch wie als spanischer König Philipp tritt er uns auch als russischer Herrscher über ein Weltreich entgegen; umso packender und ergreifender gerät der seelische und zuletzt auch körperliche Zusammenbruch des Boris infolge unbewältigter Gewissensqualen.
Eine ebenbürtige Hauptrollenbesetzung gab es außerdem noch in Gestalt von Elisabeth Kulman als Marina Mnischek. Sie wusste ihr einfaches schwarzes Cocktailkleid mit Geschick so zu tragen, dass sie darin die erotische Faszination, die Marina ausstrahlt, glaubhaft machen konnte. Wie sie sich auf Dimitrij mit wiegendem Gang und strahlendem Gesicht zubewegte, konnte diesen nicht kalt lassen. Noch dazu mit diesem prachtvollem Gesang! Von den Kontraalt-Tiefen bis zu den dramatisch leuchtenden metallischen Höhen war ihr Singen Verführung sowohl als auch Machtansspruch pur. Das war mehr als eine „Hausbesetzung“! Beinah ist zu fürchten, dass man uns diese Parade-Marina weg-engagiert...
Besonders hervorzuheben ist noch eine Nebenrollenbesetzung, die ein lange schmerzlich vermisster Publikumsliebling zu einer Hauptrolle machte: Alfred Šramek, der nach langer Krankheitspause an diesem Abend erstmals wieder auftrat, war in der Schenkenszene als Hauptmann, der den flüchtigen falschen Dimitrij zu stellen hat, obwohl ziemlich erschlankt, voll auf dem Posten: eine von Šrameks köstlich skurrilen und doch so menschlichen Bühnenfiguren, noch dazu mit voller, Gott sei Dank völlig intakter Stimme effektvoll gesungen. Wir wünschen ihm und uns, dass er das Wiener Publikum auch bald wieder mit seinen Dulcamaras und Bartolos beglücken kann!
Die Sänger der übrigen Rollen waren durch die Inszenierung mehr oder weniger geschädigt. Die Tenorstimme des Moldaviers Marian Talaba hat die slawische Träne und die sichere, leuchtende Höhe, zwei Charakteristika, die dem Schmachten des verliebten Grigorij so sehr entgegenkommen. Die Liebesszene mit Frau Kulman hatte auch eine gewisse Spannung, zumal die beiden Solisten sich die leere Bühne zu eigen machen konnten. In der Szene mit Pimen kann ja für den Tenor darstellerisch nicht viel schief gehen. Wohl aber in der Revolutionsszene: Dass da ein junger Fürst, den Volk und Klerus zum Gegenkandidaten des Zaren machen wollen, armselig in einem schäbigen dunkelgrauen Rock hereinkommt und prompt in den Menschenmassen optisch untergeht, sich szenisch behaupten soll, überfordert wohl jeden Sänger.
Durch ein ähnliches Manko geschädigt war der zweite Tenor des Abends: Jorma Silvasti, in ebenso dürftiger Aufmachung als intriganter Schuiski. Stimmlich adäquat, kann der Sänger ohne jegliche Unterstützung durch Kostüm und Maske den gefährlichen Einfluss auf die Psyche des Boris nicht über die Rampe bringen. Heinz Zednik hingegen reussiert als Gottesnarr, trotz altersbedingt recht dünn gewordener Stimme, noch immer als Figur.
Auch die anderen Bässe, Baritone und Bassbaritone konnten sich hören lassen: Kurt Rydl, mit Riesenorgan und mittlerem Tremolo als Pimen im Einsatz , durfte zudem sogar mit langem weißen Mönchshaar in Erscheinung treten. Egils Silins als Jesuit Rangoni in grauen Fetzen – mehr als bedauerlich, zumal er mit prächtigem Heldenbariton (der glauben machte, dass er an anderen Bühnen als Wotan erfolgreich ist) dem Machtanspruch des Klerikers auf eindringliche Weise Gehör verschaffte. Als Bettelmönche profilierten sich Ain Anger, zwar kein komischer Warlaam, aber ein durchtriebener Kraftlackel von Format, und Benedikt Kobel als Missail mit klangvollem Tenor. Viel Temperament und Stimme investierten auch Clemens Unterreiner (Schtschelkaloff), Marcus Pelz (Mitjuch), Alexandru Moisiuc (Nikititsch) und Wolfram Igor Derntl (Leibbojar).
Während Aura Twarowska eine sowohl teilnahmsvolle als auch verschreckte Schenkwirtin mit wohlklingendem Mezzo veredelte, Zoriana Kushpler eine nicht nur attraktive, sondern auch stimmschöne Amme darstellte und Laura Tatulescu den Klagen der Zarentochter Xenia warmstimmigen Ausdruck verlieh, blieb der Zarewitsch durch Roxana Constantinescu, trotz männlicher Adjustierung, vokal und persönlichkeitsmäßig unterbelichtet. Die Erbfolge schien gefährdet...
Thomas Lang hatte mit dem Riesenchor ganze Arbeit geleistet. Der tönte schon ganz mächtig, ebenso wie das Orchester unter der inspirierten Leitung von Sebastian Weigle, dem es gelang, den Klang immer wieder aufzurauen und zwischen trügerischen Harmonien die Abgründe spüren zu lassen, die in Mussorgskys Volks- und Herrscherdrama mitkomponiert sind.
Kaum zu glauben für den Außenstehenden, dass trotz der vielen Positiva, die der Abend zu bieten hatte, keine befriedigende Aufführung zustande kam. Jeder Szenenschluss war fad, jede neue Szene begann so unauffällig wie nur möglich, und dazwischen passierte auch nichts von Belang auf der Bühne –von den erwähnten solistischen Eigenleistungen abgesehen. Das muss der Wiener Staatsoper auch erst einmal jemand nachmachen...
Und dabei hatten wir doch eine ganz wunderbare Inszenierung von Otto Schenk!
Sieglinde Pfabigan |