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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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Großer Orff-Abend in Darmstadt

 

Uraufführung von „Gisei“ (Das Opfer)

plus „De temporum fine comoedia“ (Premiere: 30. 1. 2010)

 

Das Staatstheater Darmstadt, das unter der Intendanz von John Dew seit Jahren eine exquisite Orff-Pflege betreibt, brachte am 30. Jänner 2010 einen wahren Leckerbissen für Liebhaber des großen deutschen Komponisten: die Uraufführung seines Erstlingswerks „Gisei“ (Das Opfer), das er während seines Studiums an der Münchner Akademie 1913 im Alter von 18 Jahren vollendet hatte. Gekoppelt war dieses Musikdrama – so die Bezeichnung des Komponisten – mit seiner letzten Oper „De temporum fine comoedia“, die 1973 in Salzburg unter Karajan zur Uraufführung gelangt war. Eine gelungene Idee, Orffs Erstlingswerk seinem „Alterswerk“ gegenüberzustellen!

 

Carl Orffs Jugendwerk „Gisei“, das musikalisch unter dem Einfluss Debussys steht und Anklänge an Puccini und Mahler aufweist, erlebte seine späte Uraufführung in einer Inszenierung von John Dew, dem es wunderbar gelang, die japanische Atmosphäre des Musikdramas im Stil des Kabuki-Theaters auf die Bühne zu bannen.

 

Der Inhalt des Werks, das Orff nach dem japanischen Drama „Terakoya“ (Die Dorfschule) von Takeda Izumo verfasste: Im Hause des Lehrers Genzo werden die Kinder des Dorfes unterrichtet. Chiyo bringt einen neuen Schüler, ihren Sohn Kotaro. Genzo bemerkt sogleich die erstaunliche Ähnlichkeit Kotaros mit seinem eigenen Sohn Kwan Shusai, der in Wahrheit der an Kindesstatt angenommene Sohn des ermordeten Kanzlers Michizane ist. Die Gefolgsleute des neuen Machthabers Tokihira – Gemba und Matsuo –, die die Wahrheit in Erfahrung gebracht haben, verlangen den Kopf Kwan Shusais. Scheinbar gehorsam übergibt Genzo ihnen einen abgeschlagenen Kopf, allerdings nicht den Kwan Shusais, sondern den Kotaros. Zu Genzos Erleichterung wird er von Matsuo akzeptiert. Während Genzo und seine Frau Tonami den Göttern danken, dass sie Kwan Shusais Leben bewahrt haben, kommt Chiyo zurück und fragt nach ihrem Sohn. Genzo erhebt sein Schwert gegen sie. Um den Schwertstreich abzuwehren, schützt sie sich mit einem Koffer, aus dem ein Sterbekleid fällt. Genzo ist fassungslos. Chiyo beschwört ihn, ihr zu sagen, ob ihr Sohn den Opfertod gestorben sei. Dadurch wird eine erstaunliche Wendung offenbar: Chiyo ist die Ehefrau Matsuos. Beide haben die kommenden Ereignisse vorausgesehen und ihren Sohn zu Genzo gebracht – in der Absicht, ihn zu opfern. Damit ist Matsuos schuldhaftes Verhalten, seine Untreue gegenüber Michizane, gesühnt. Tief bewegt nehmen Matsuo und Chiyo Abschied von ihrem Kind. Dabei verlassen Chiyo die Kräfte, sie stirbt.

 

John Dews feinfühlige Regieleistung fand eine kongruente Ergänzung durch Heinz Balthes, dessen Bühnenbild das Publikum nach Japan versetzte, und durch José-Manuel Vázquez, der für die japanischen Kostüme sorgte. Den Lehrer Genzo gab der Tenor Oleksandr Prytolyuk, der mit kräftiger Stimme und nuancierter Darstellung überzeugte. Hervorragend auch Susanne Serfling als sein Weib Tonami, deren weich klingender Sopran mit ihrem demutsvollen Spiel und trippelhaften Gang im harmonischen Einklang stand. Ihre klassische Ballettausbildung kam bei der Gestaltung dieser Rolle gut zur Geltung. Ergreifend die niederländische Sopranistin Anja Vincken in der Rolle der Chiyo, trefflich auch Andreas Daum als ihr Gatte Matsuo mit seinem sonoren Bass. Deren Sohn Kataro und Kwan Shusai wurden von der Sopranistin Aki Hashimoto dargestellt.

 

Nach einer auf 45 Minuten verlängerten Pause, in der unter anderem die Orchesterbesetzung auf 14 Schlagzeuger erweitert wurde, kam Orffs Spiel vom Ende der Zeiten „De temporum fine comoedia“ zur Aufführung. Es ist in griechischer, lateinischer und deutscher Sprache verfasst und gliedert sich in drei Teile: Die Sibyllen – Die Anachoreten – Dies illa.

 

Die Handlung: Im ersten Teil verkünden und beklagen die Sibyllen, im antiken Griechenland die Prophetinnen des Untergangs, das Ende der Welt. In  ihren apokalyptischen Visionen sehen sie die ewige Finsternis, wenn Gottes letztes Gericht angebrochen ist. Jeder werde für seine Taten gerichtet. Den Verkündigungen der Sibyllen setzen die Anachoreten, Einsiedler der Wüste, ihr  beharrliches „Nein“ entgegen. Nur in irdischer Zeit gebe es Schuld und Sühne. Niemand werde auf ewig verdammt. Sie sehen etwas anderes vorher: „Das Ende aller Dinge wird aller Schuld Vergessung sein.“ Um Sicherheit zu erlangen, rufen sie Gott um einen klärenden Traum an. Im dritten Teil irren die letzten Menschen verloren und verlassen auf der Erde umher, nachdem der Himmel eingestürzt und die Sonne verschwunden ist. „Mach ein Ende“, flehen sie zu Gott. Selbst Lucifer, der einst ein Engel war, bereut: „Vater, ich habe gesündigt!“ Der gefallene Engel wird wieder aufgenommen, das Weltgericht bleibt aus. Das Werk endet mit einem Violenkanon, der von der Aufnahme der Deutschen Grammophon unter Herbert von Karajan in der Besetzung der Uraufführung eingespielt wird.

 

Bei dieser „Choroper“ bot John Dew dem Publikum eine sehr bunte, farbenprächtige Inszenierung mit beeindruckenden, der Musik ebenbürtigen Bühneneffekten, die allerdings mit zu viel mystischem Beiwerk angereichert war. Auch driftete die letzte Szene gefährlich nahe an den Sektenwahn, was wohl kaum Orffs Dichtung entspricht, aber vom Regisseur möglicherweise mit voller Absicht so krass gestaltet wurde. Großartig in dieser Szene jedenfalls seine Personenführung, die beklemmend gut zur Geltung kam und ihre Wirkung aufs Publikum nicht verfehlte.

 

Die Sibyllen wurden von Susanne Serfling, Katrin Gerstenberger, Anja Vincken, Aki Hashimoto, Niina Keitel, Gundula Schulte, Margaret Rose Koenn, Yun Jeong Cho und Elisabeth Hornung eindrucksvoll gesungen, die Anachoreten von Lucian Krasznec, Sven Ehrke, Jeffrey Treganza, Oleksandr Prytolyuk, David Pichlmaier, Malte Godglück, Andreas Daum, John In Eichen und Thomas Mehnert beeindruckend dargestellt. Den Chorführer gab Thomas Mehnert mit beachtenswertem Einsatz, den Lucifer Andreas Daum. Das Alt-Solo sang Elisabeth Hornung, das Tenor-Solo Lucian Krasznec.

 

Carl Orffs einzigartige Klangwelt kommt in seinem letzten Werk – 60 Jahre nach seinem Erstlingsdrama – in allen ihren gewaltigen Formen zum Ausdruck und wurde vom Staatsorchester Darmstadt unter der Leitung des jungen Generalmusikdirektors Constantin Trinks eindrucksvoll wiedergegeben. Der minutenlange Applaus des begeisterten Publikums, in den sich einige Bravorufe mischten, endete in Standing Ovations fast des gesamten Hauses für das große Sängerensemble, den stimmgewaltigen Chor sowie für das Orchester und seinen Dirigenten.

 

Udo Pacolt, Wien – München

 

PS: Im Rahmen der Uraufführung von „Gisei“ wird im Staatstheater Darmstadt im Foyer des Großen Hauses die sehenswerte Ausstellung „Carl Orff – Humanist gegen den Strom der Zeit“ bis 15. März 2010 gezeigt.

 

 

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