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Wochenende in Gießen

mit amerikanischer Oper und österreichischer Operette

 

„Vanessa“ von Samuel Barber (Premiere: 16. 5. 2009) und

„Die drei Musketiere“ von Ralph Benatzky (Vorstellung: 17. 5. 2009)

 


Innige Beziehung: Sabine Paßow (oben, Vanessa) und Odilia Vandercruysse (Erika)

Am 16. Mai 2009 fand im Stadttheater Gießen die Premiere der Oper „Vanessa“ des amerikanischen Komponisten Samuel Barber (1910 – 1981) statt, die 1958 an der Metropolitan Opera in New York (in 4 Akten mit Nicolai Gedda als Anatol) uraufgeführt wurde und noch im selben Jahr bei den Salzburger Festspielen zu sehen war. Die 2. Fassung, die aus drei Akten besteht und auch in Gießen gespielt wird, wurde 1964 an der Met uraufgeführt. Das Libretto des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werks stammt von Gian Carlo Menotti, dem Lebensgefährten von Samuel Barber.

 

Die Handlung der Oper: Auf ihrem Landgut harrt Vanessa seit zwanzig Jahren auf die Rückkehr ihres Geliebten Anatol. Gemeinsam mit ihrer Nichte Erika und ihrer alten Mutter erwarten sie einen Gast, von dem Vanessa annimmt, er sei Anatol. Stattdessen erscheint sein Sohn, der ebenfalls Anatol heißt und von dem Erika sofort fasziniert ist. – Ein Monat später gesteht Erika ihrer Großmutter, dass sie die Nacht mit Anatol verbrachte. Sie spüre aber, dass er nicht an die wahre, große Liebe glaube. Inzwischen fassen trotz des Altersunterschiedes Vanessa und Anatol Zuneigung zueinander. Als Erika Anatol zur Rede stellt, wiederholt er seinen Heiratsantrag und ermutigt sie, den Augenblick zu leben. Ihr Verlangen nach ewiger Liebe kann er nicht verstehen. Gegen den Rat der Großmutter lehnt Erika Anatols Antrag ab und überlässt ihn ihrer Tante Vanessa. – Als Vanessa auf einem Ball ihre Verlobung mit Anatol bekannt gibt, bricht Erika, die ein Kind von Anatol erwartet, zusammen, was nur der Hausdiener wahrnimmt. Die Gesellschaft feiert fröhlich weiter, Erika läuft in die Winternacht hinaus. Die ganze Nacht wird nach ihr gesucht. Vanessa, die fürchtet, auch Erika könnte Anatol lieben, wartet mit dem Doktor, einem alten Freund der Familie, unruhig auf eine Nachricht. Im Morgengrauen findet Anatol Erika im Schnee, sie überlebt. Einen Monat später haben Vanessa und Anatol geheiratet und erklären, künftig in Paris leben zu wollen. Wie zuvor die Tante, wird nun Erika auf die Erfüllung ihrer Liebe warten.

 

Die Regisseurin Cathérine Miville, seit 2002 Intendantin des Stadttheaters Gießen, erzeugte mit ihrer Inszenierung eine dichte, stimmungsvolle Atmosphäre, in der sich die Sängerinnen und Sänger – alle typengerecht besetzt – wunderbar entfalten können. Dazu trugen auch die Bühnengestaltung mit scherenschnittartigem Dekor auf dem beweglichen Plafond und der Drehbühne sowie die modisch-eleganten Kostüme (für beides zeichnete Lukas Noll verantwortlich) und die raffiniert eingesetzte Beleuchtung (Licht: Christopher Moos) wesentlich bei. Witzig die Choreographie (Paul Zeplichal) des Chors (Leitung: Jan Hoffmann), deren Tänze den Bewegungen von Puppenspielern nachempfunden war.

 

Die Sopranistin Sabine Passow gestaltete die Titelrolle sowohl stimmlich wie darstellerisch hervorragend. Die Wandlung von der bang auf ihren Geliebten Wartenden zur in Liebe aufblühenden Frau spielte sie auf beeindruckende Weise. Die Mezzosopranistin Odilia Vandercruysse als ihre Nichte Erika stand ihr kaum nach. Auch sie gab ihrer Rolle sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch farbige Konturen. Das geschmeidig-charmante Auftreten des Tenors Dan Chamandy als Anatol ergab zu seiner metallisch klingenden Stimme einen interessanten Kontrast. Beeindruckend der Bariton Edward Gauntt als Hausdoktor, der lieber Poet geworden wäre. Er bereicherte das „Kammerspiel“ um Traum und Wirklichkeit, um Illusion und Desillusion vor allem durch seine schauspielerische Leistung in der köstlich parodistischen „Schwips-Szene“. Die weiteren Rollen füllten die Altistin Cornelia Wulkopf als mehr stumme denn beredte Großmutter sowie Tomi Wendt als Majordomus und Rodica Badircea-Mitrica als Hausdame aus.

 

Das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Herbert Gietzen spielte die der europäischen Spätromantik und dem Verismo verpflichtete Musik Samuel Barbers, die auch lyrische Passagen aufweist, zündend und mitreißend. Das Publikum schien begeistert und spendete dem gesamten Ensemble, aber auch dem Leadingteam minutenlang Beifall. Eine Premiere, die mit keinem Misston endet und alle zufrieden stellt, muss in der heutigen Zeit der abenteuerlichsten Regiedarbietungen schon als Rarität gewertet werden.

 

 

Am 17. Mai stand im Stadttheater Gießen die Operette „Die drei Musketiere“ des österreichischen Komponisten Ralph Benatzky (1884 – 1957) auf dem Programm, die im Jahr 1929 in Berlin mit sensationellem Erfolg uraufgeführt wurde. Für Gießen erstellten Markus Hertel und Christian Steinbock eine neue Fassung, in der neben einer Opernparodie – vom Publikum mit heller Begeisterung aufgenommen! – auch einige Lieder von Benatzky („Die Hosen der Jungfrau von Orleans“, „Sag mir’s beim Tanz, dass du mich liebst“, „Einmal kommt der Tag“) eingebaut wurden, die Herbert Gietzen, der musikalische Leiter der Aufführung, instrumentierte.

 

Der Inhalt der Revue-Operette nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas:

Mit einem Empfehlungsschreiben seines Vaters macht sich D’Artagnan nach Paris auf, um Musketier und damit Leibgardist bei König Ludwig XIII. zu werden. Zwar freundet er sich mit den Musketieren Athos, Porthos und Aramis an, wird als Kadett in deren Regiment aufgenommen und findet in der Kammerzofe Constance seine große Liebe, doch schneller, als ihm lieb ist, wird er in eine Staatsintrige verwickelt und muss sich bewehren, steht doch die Ehre der Königin auf dem Spiel. Kardinal Richelieu, machthungrig und skrupellos, brachte in Erfahrung, dass Königin Anna ihrem Geliebten, dem Engländer Lord Buckingham, eine Brosche als Liebespfand schenkte, die sie einst von ihrem Ehemann König Ludwig XIII. geschenkt bekommen hatte. Um die Königin der Untreue zu überführen, lässt der Kardinal einen Ball arrangieren, bei dem sie diesen Schmuck tragen soll. D’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis machen sich auf den Weg nach England, um das Schmuckstück zurückzuholen. Doch im Auftrag Richelieus sind auch die gefährliche Lady de Winter und ihre dubiosen Nonnen hinter der Brosche her. Für die Musketiere beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, den sie schließlich nach vielen Abenteuern erfolgreich gewinnen.

 

Regisseur Markus Hertel gelang mit dem Giessener Ensemble eine tolle Produktion, die vor allem durch mitreißende Fechtszenen, die man in dieser Perfektion sonst nur in Filmen zu sehen bekommt, das Publikum begeisterte. Die Choreographie dieser Szenen lag in den Händen von Klaus Figge, der nicht nur die Musketiere, sondern sogar einige Balletttänzerinnen zu Fechtkünstlern ausbildete. Kompliment! Auch die gelungene Gestaltung der Bühne (Bernhard Niechotz) und die prächtigen Kostüme (Lukas Noll) trugen wesentlich zum Erfolg bei. Einziger Wermutstropfen der Aufführung waren die Mikrophone, die den Darstellern auf Stirn oder Wangen geklebt waren. Hätte der Dirigent das Philharmonische Orchester Gießen auf normal übliche Lautstärke zurückgenommen, wären diese „Stimmkrücken“ unnötig gewesen, zumal die Sängerinnen und Sänger mit guten Stimmen ausgestattet waren. Schade, dass diese leidliche Unsitte, die offenbar von Musical-Produktionen übernommen wurde, immer mehr überhand nimmt.

 

Auch wenn es wenig Sinn macht, bei Verwendung von „Stimmkrücken“ die Gesangsleistungen zu bewerten, mögen doch die Hauptdarsteller genannt werden, die alle mit bemerkenswertem Einsatz ihre Rollen hervorragend meisterten: Matthias Ludwig als das Publikum begeisternder D’Artagnan, Frerk Brockmeyer, Tomi Wendt und August Schram als die drei oftmals akrobatisch fechtenden Musketiere Athos, Porthos und Aramis, Simone Schwark als in D’Artagnan verliebte Constance, Odilia Vandercruysse als majestätisch agierende Königin Anna und Henrietta Hugenholtz als attraktive, hinterhältige Lady de Winter. Schauspielerische Glanzlichter setzten noch Harald Pfeiffer als Kardinal Richelieu und Christian Steinbock, der auch für die Dramaturgie zuständig war, als spionierender Mönch Père Joseph.

 

Udo Pacolt, Wien - München

 

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