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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Februar/März
2010
164
- - - - -
Anton Cupak
18.03.2010
18:39:16
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MONTE-CARLO: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN - Premiere am  23.1.2010


Wundervoll im Finale: Neill Shicoff. Copyright: Opera Monte Carlo

Der Direktor der Opéra de Monte-Carlo, JEAN-LOUIS GRINDA, hatte selbst die Regie für diese mit Spannung erwartete Neuinszenierung von Jacques Offenbachs Abschiedswerk „Les contes d’Hoffmann“ übernommen. Selbst Monegasse, leitet Grinda die Opéra, die in der relativ kleinen und wunderschönen, von 1878-79 erbauten Salle Garnier im prunkvollen Empire-Stil im berühmten Spielcasino des Fürstentums Monaco untergebracht ist, seit 2007. Im Jahre 2009 hat er hier „Don Giovanni“ und „Die Zauberflöte“ inszeniert, und ein neuer „Falstaff“ steht an. Von 1996-2007 leitete Grinda die Opéra royal de Wallonie in Lüttich, die in seiner Direktionszeit u.a. Wagners „Ring des Nibelungen“ heraus brachte.

Mit Spannung erwartet wurde diese Gala-Premiere aber auch wegen NEIL SHICOFF, der den Hoffmann verkörperte und einen tiefen Eindruck hinterließ. Man sollte es kaum glauben: Schon 1988 hatte er seinen ersten Hoffmann unter Sylvain Cambreling auf CD eingespielt. 2002 folgte eine Einspielung auf DVD unter Jesús López Cobos, und dennoch schafft Shicoff  es immer noch, das ganze Publikum in seinen Bann zu ziehen. Zunächst blicken wir in das einfache Kellergewölbe Luthers und gewahren im Hintergrund Stella, die Donna Anna in der „Don Giovanni“-Aufführung spielend. Wie in einem Spiegelbild singt sie in das Publikum der Opéra de Monte-Carlo, womit das Bühnenbild (LAURENT CASTEINGT) weit nach hinten vertieft scheint. Immer wieder sind in allen Bildern seitlich Stuhlreihen zu sehen, von denen aus die Freunde Hoffmanns seinen Erzählungen lauschen.

Nach den kurzen Dialogen zwischen Lindorf und Andreas sowie den anderen um Luther, und nachdem der stimmlich hervorragende CHOR DER OPERA DE MONTE-CARLO, der von STEFANO VISCONTI äußerst interessant und dynamisch choreografiert wurde, seine erste Visitenkarte abgegeben hat, kommt im Dunkel des Zuschauerraumes Unruhe auf. Shicoff tritt als Hoffmann mit seiner Muse Niklaus seitlich herein und geht, offenbar schon leicht angetrunken, durch die Reihen auf die Bühne. In diesem Moment gewinnt das Geschehen dort eine andere Dimension. Er zieht alle in seinen Bann, polarisiert sofort im Dialog mit Lindorf, ja selbst die kurze Szene mit Stella gewinnt eine so selten gesehene Intensität. Shicoff wirft wie immer seine ganze Persönlichkeit in die Darstellung des Charakters, hier also in die Verzweiflung und Gespaltenheit des Dichters Hoffmann, in dessen Seele er das Publikum tief blicken lässt. Und auch stimmlich ist er an diesem Abend, von einem kleinen Erschöpfungsmoment am Schluss abgesehen, in Hochform. Das Lied „Es war einmal am Hofe von Einsenack“ singt Shicoff mit enormer Emphase und menschlicher Bewegung. Die Höhen, und auch die später folgenden, gelingen ihm gut. Sein tenorales Timbre mag dabei nicht jedem gefallen, aber in Verbindung mit seinen darstellerischen Qualitäten verschafft Shicoff der Titelfigur den ganzen Abend über eine unglaubliche Intensität und Authentizität. Im zur Seite steht eine ebenso überzeugende Muse Niklaus, welche die Rumänin CARMEN OPRISANU mit einem warm timbrierten und völlig höhensicheren Mezzo bei bester Intonation singt. Oprisanu kann auch mit ihrer darstellerischen Leistung wichtige Akzente setzen. Die auf der Entstehungszeit der Oper anspielenden Kostüme von DAVID BELUGOU unterstreichen auf vorteilhafte Weise die Charakterisierung der Personen und sorgen somit für Harmonie im optischen Gesamteindruck.

Ein interessanter Regieeinfall gelingt Grinda, die Olympia als Doppel auftreten zu lassen. Die bildhübsche Russin EKATERINA LEKHINA sieht mit ihrem Blondschopf aus wie eine Barbiepuppe, bleibt aber bis zuletzt agierende Person. Die Trennung von ihr wird für Hoffmann damit umso schwerer und erschütternder. Sie erreicht mit Leichtigkeit die geforderten Höhen, die Tongebung ist aber nicht immer ganz klangrein - dennoch ein hoffnungsvolles junges Talent. Der „Automat“ wird einer jüngeren (stummen) Doppelgängerin überlassen, die immer an ihrer Seite ist und aufgedreht werden muss. Um die Skurrilität des Olympia-Aktes anzudeuten, lässt der Bühnenbildner allerlei prähistorisches Getier und Skelette aus dem Schnürboden herab. Eine ganz gute Idee, die das fantastische Geschehen unten symbolisch verstärkt. ERIC HUCHET ist ein kräftiger und klangschöner Spalanzani.

Der Antonia-Akt fällt von der Spannung her ab, wohl auch, weil Neil Shicoff die meiste Zeit nicht auf der Bühne ist. Ein hier auch nicht ganz zwingendes Bühnenbild, das insbesondere mit Schattenspielen arbeitet, kann trotz der stets effektvollen Beleuchtung von LAURENT CASTEINGT nicht die zwingende Atmosphäre erzeugen, die das Ableben Antonias durch ihre Leidenschaft zu singen, nachvollziehbar machen würde. MICHELLE CANNICCIONI singt die Künstlerin mit viele Verve und einem schön timbrierten Sopran. MARCEL VANAUD als ihr Vater Crespel ist solide. Einen kleinen Lokalverweis gibt es, als ihre Mutter aus dem Grabe aufsteigt und in ihrem Outfit unmissverständlich der Fürstin Gracia Patricia ähnelt. CHRISTINE SOLHOSSE verleiht ihr eine gute Stimme.

Der Giuletta-Akt beginnt etwas trist in einem alles umfassenden schwarz, aber es kommt dann doch noch ein gewisses Venedig-Feeling auf, u.a durch einige Karnevalsmasken aus der Höhe. Aber der Stanniol-Papierboden weckt nicht unbedingt Assoziationen zum Canale Grande. MARIE-ANGE TODOROVITCH singt mit ihrem klangvollen Mezzo eine charakterstarke Kurtisane. So kommt es zu intensiven Momenten mit Shicoff, die zu den besten des Abends gehörten. Leider enttäuscht der bis dahin den Lindorf, Coppélius, Mirakel und nun Dapertutto singende und äußerst souverän agierende NICOLAS CAVALLIER damit, dass er die finale Höhe der Diamanten-Arie nicht singt. Das kam nach der guten Leistung doch etwas überraschend. RODOLPHE BRIAND als Andreas, Cochenille, Pitichinaccio und Franz besticht hingegen mit einem prägnanten und ausdruckstarken Tenor sowie schauspielerischem Talent, womit  er sich für größere Aufgaben empfahl. Die weiteren Nebenrollen wie ALAIN GABRIEL als Nathanael, PIERRE DOYEN als Student und Schlemihl, ANTOINE GARCIN als Luther und ANTONELLA CESARIO als Stella singen ihre Parts bestens, so dass man sagen kann, dass es an diesem Abend keinen einzigen stimmlichen Ausfall gab. Man hatte in Monte-Carlo das Ensemble sorgsam ausgewählt, und alle harmonierten gut miteinander.

JACQUES LACOMBE leitete das PHILHARMONISCHE ORCHESTER VON MONTE-CARLO und erzielte ein plastisches und zu jedem Zeitpunkt dynamisches Klangbild. Immer wieder waren wunderbare Soli der Celli und Violinen zu hören, manchmal in kammermusikalischer Qualität. Die Akustik des relativ kleinen Hauses ist sehr gut und der Klang dennoch nie zu laut, zumal ein erheblicher Teil des Orchesters einige Meter unter der Bühne sitzt. Dieses Orchester hat großes Potenzial, auch für Wagner und R. Strauss.          
(Fotos in der Bildergalerie)              

Klaus Billand


 

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