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BUDAPEST/Lustspieltheater (Vígszínház): DIE ZAUBERFLÖTE am 27.12.2009
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Istvan Racz (Sarastro) und Gabriela Fodor (Pamina). Photo: Vera Éder
Wenn man in Budapest in die Oper geht, denkt man in erster Linie an die ehrwürdige Staatsoper in der Andrássy út., danach an das erst nach dem Krieg erbaute und derzeit im Umbau befindliche Erkel-Theater und natürlich an die Opernaufführungen im noch relativ neuen Musikpalast MÜPA. Aber da gibt es noch ein anderes Theater, das nun erstmals die Pforten für die Oper öffnete, und zwar das Lustspieltheater Vígszínház, wie viele andere Operntheater um die Jahrhundertwende von dem Österreicher Ferdinand Fellner und dem Preußen Hermann Helmer erbaut (1896). Hier werden normalerweise Komödien und Musicals aufgeführt.
ÁDÁM FISCHER kam nun erstmals mit seinem Ensemble von der Staatsoper herüber, um Mozarts „Zauberflöte“ in einer ganz ungewohnten, aber erfrischenden Neuinszenierung von LÁSZLÓ MARTON zu zeigen, und dazu noch auf Ungarisch. Das kam jedoch dem zum großen Teil sehr jungen Publikum bei dieser Matinee entgegen. Viele der Kinder waren sicher zum ersten Mal überhaupt in der Oper. Und es begann gleich ganz verständlich für sie und mit aktuellem Bezug zum Fußballjahr 2010, als die drei Knaben wie die Jungs vom Sportplatz nebenan mit einem Fußball noch während des Vorspiels auf die Bühne stürmten und unter dem Vorhang verschwanden. Marton zeigte in den einfachen, aber effektvollen Bühnenbildern von MICHAEL LEVINE die Sorgen und Nöte, aber auch die Glücksmomente der Protagonisten unmittelbar aus heutiger Perspektive. Tamino war wie ein mittelloser Student in einem einfachen Zimmer zu erleben. Es drehte sich im Laufe des Stückes nach und nach einmal um die eigene Achse, bildete also im wahrsten Sinne des Wortes einen surrealen Rahmen für das ja auch nicht immer ganz reale Geschehen. In diesem virtuellen Zimmer fanden bisweilen sehr intensiv inszenierte Auseinandersetzungen statt, die den sonst durch allzu viel Traditionalismus zum Zuschauer entstehenden Abstand auf ein Minimum reduzierten. Hierzu gehört auch die Aufwertung der drei Damen, die in ultra-schicken Kostümen (MARI BENEDEK) agierten und Tamino einmal erotisch ganz schön zusetzten (sehr gut auch bei Stimme SZILVIA RÁLIK, KRISZTINA SIMON und ATALA SCHÖCK). Dass dieser zu Beginn lange nur in einer Unterhose agieren musste, überzeugte weniger bis gar nicht. Der junge ZOLTÁN NYÁRI sang den Tamino gut intonierend mit einem sehr lyrischen Timbre und agierte jugendlich forsch und energisch - eine gute und unmittelbar nachvollziehbare Rollenstudie. GABRIELLA FODOR war eine zu ihm bestens passende Pamina mit wohlklingendem Sopran und viel gestalterischem Ausdruck. Leider fiel ihre Mutter, die Königin der Nacht von KLÁRA KOLONITS, trotz ihres energischen Auftretens von diesem stimmlichen Niveau sehr ab. Ein starkes Vibrato und Probleme mit den Höhen machten sie für diese so kritische Partie eigentlich zu einer Fehlbesetzung. ZSOLT HAJA war ein agiler und in Studentenmanier agierender Papageno mit gutem stimmlichem Material, ebenfalls ein junges Nachwuchstalent wie man so manches andere an diesem Morgen im Vígszínház erleben konnte. Seine Partnerin GABRIELLA GÁL war als Papagena komödiantisch eine Sondernummer und stimmlich ebenbürtig.
Sehr gut gelang dem Regisseur und seinem Bühnenbildner, aber auch dem immer wieder Stimmungen mit effektvoller Lichtregie verstärkenden Lichtdesigner GÁBOR KOMORÓCZKY die Priesterversammlung unter Leitung von Sarastro, den ISTVÁN RÁCZ mit seinem warmen Bass kultiviert sang und souverän gestaltete. Die Antworten auf die Fragen kamen getragen aus den Publikumsrängen, was sie umso intensiver und eindringlicher wirken ließ. Dennoch hatte auch diese Szene nie eine pathetische Schwere, unterstrich hingegen, auch durch den Alltagsanzug Sarastros, ihre direkte Relevanz für das Heute. CSABA DEBRECZENY gab dazu als lederbeschürzter Exot mit seiner schwarzen Chaotentruppe einen guten Kontrast. Er sang den Monostatos mit ansprechendem tenoralen Timbre. Auch die übrigen Nebenrollen waren gut besetzt und von der intensiven Personenregie ebenso gut geführt. MÁTÉ SZABÓ SIPOS hatte den transparent und mit guter Diktion singenden Chor hervorragend choreografiert. Auch der von GYÖNGYVÉR GUPCSÓ geleitete Kinderchor klang gut und agierte engagiert.
ÁDÁM FISCHER leitete das ORCHESTER DER UNGARISCHEN STAATSOPER versiert und mit Umsicht. Er unterstrich bisweilen das abwechslungsreiche und manchmal übermütige Geschehen auf der Bühne mit gesteigerter Akzentuierung und Rhythmik. Diese „Zauberflöte“, die im Vígszínház noch bis in den Mai 2010 hinein zu erleben sein wird, zeigt einmal mehr, was ein großes Kunstwerk wie dieses ausmacht: es ist mit wenigen Mitteln von seiner klassischen Aufführungs-Ästhetik zu lösen und in eine aktuelle Realität zu übersetzen, ohne dass dabei etwas von seiner Grundaussage verlogen geht. Das hat auch schon Michael Haneke mit seinem „Don Giovanni“ an Mozarts 250. Geburtstag am Palais Garnier in Paris demonstriert.
(Fotos in der Bildergalerie)
Klaus Billand
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