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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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Wiener Staatsoper: „DER ROSENKAVALIER“ - 2.2.2010

Standort bzw. Sitzplatz: Parterreloge 1, rechts, 2. Reihe. Für mich als überzeugter Galerie (=4.Rang)- Besucherin ungewohnt.
Aber da ich bei meiner „Dienstvorstellung“ am 7.2. dann sowieso oben sitze, wählte ich mir für diesen Abend ganz bewusst diesen Dirigentenbeobachtungsposten. Was ich da sah, war mindestens so faszinierend und vergnüglich wie das, was ich hörte. Gerade bei Richard Strauss mit seiner oft fein verästelten, aber auch dichten, üppigen Orchestrierung gibt es ja für den Dirigenten ungeheuer viel zu tun, um sowohl der Bühne als auch der Musik in allen Facetten gerecht zu werden. Da bekanntlich in Opernvorstellungen die meisten Zuschauer in erster Linie auf die Bühne achten (außer es steht ein sogenannter „Stardirigent“ am Pult), merken sie oft gar nicht, was der Dirigent zu einem so stimmigen Bühnengeschehen beiträgt (oder auch nicht).

Dass das an diesem Abend so ungemein vergnüglich war, ist zu einem großen Teil mit ein Verdienst von PETER SCHNEIDER.  Er hat schon unzählige hervorragende „Rosenkavaliere“ dirigiert, scheint aber immer noch neue Feinheiten in der Partitur zu entdecken und herauszuarbeiten. Soooo elegant, soooo beschwingt, soooo locker und mit derart weit gespannten, wunderbaren lyrischen Melodiebögen glaube ich ihn aber noch nicht gehört zu haben.

Der oft überlaute Beginn des 1. Aktes kam mit schlankem, aufs Wesentliche konzentriertem Ton aus dem Orchester, und sobald die Singstimmen einsetzten, deutete Schneiders dämpfende linke Hand unmissverständlich an, wer nun das „Sagen“ hat. Und so blieb es den ganzen Abend. Bei den lärmenden Ensembles, wo es auch auf der Bühne drunter und drüber geht, wurde mit Genuss aus dem Graben in philharmonischer Qualität groß aufgespielt - immer im Bewusststein, dass das zur großen Komödie dazu gehörte. Aber wo Sologesang stattfand, hatte der den Vorrang. Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: Die Begleitung der Sänger-Arie begann mit einer schwelgerisch breit ausschwingenden lyrischen Einleitung. GERGELY NÉMETI brauchte seinen Qualitätstenor dann einfach nur draufzusetzen, konnte sich in die Melismen freudvoll hineinlegen und mühelos die Höhen erklimmen, ganz ohne Druck, immer von der Musik getragen; und die der Arie folgenden Schlusstakte führten das italienische Melos fort - man fühlte sich wirklich nach jenseits der Alpen versetzt. Allerdings hatten die Lyrismen der Marschallin, des Octavian und der Sophie ähnliche Qualität - „cantare...cantare...cantare“, wie es Verdi der Desdemona abverlangt, tut auch Richard Strauss über alle Maßen gut - ist es doch Ausdruck der Seelenbefindlichkeit seiner Heroinen. Nicht nur die nun schon lange Rollen-erfahrene SOILE ISOKOSKI konnte mit ihrem warmen, gehaltvollen Sopran der Marschallin Geist und Seele einhauchen, sondern auch das junge Liebespaar ließ sich von den leicht bewegten Orchesterwogen tragen: MICHAELA SELINGER, deren hübscher, recht heller Mezzo sicher noch im Lauf der Jahre an Volumen gewinnen wird, behauptet sich schon sehr tapfer in der anspruchsvollen Titelrolle, nicht zuletzt durch ihren schauspielerischen Volleinsatz, und die Rollendebutantin DANIELA FALLY schwebte gleich auf Anhieb in Sophies  Extremhöhenbereichen, als wär sie in diese hineingeboren. Mit ebenso weicher, voller Mittellage und herrlichem Wohlklang in allen Vokaläußerungen konnte sie es sich auch noch leisten, ganz auf Ausdruck zu singen!

Dass KURT RYDL, bis auf ein paar Phrasen zu Beginn des 1. Akts, fast gar nicht auf die Stimme drücken musste, um allezeit gehört zu werden, und mit unglaublicher Lockerheit eine Komödie abzog, in deren Verlauf er sich alle möglichen Gags akustischer und gestischer Art erlaubte, die beim Publikum spontane Lacher hervorriefen, wäre ohne einen derart einfühlsamen und rücksichtsvollen Dirigenten auch nicht möglich gewesen. Nach einem wunderschönen, - stückgemäß - ernsteren 1. Akt bescherten uns der 2. und 3. Akt so viel Vergnügen, wie es in „Rosenkavalier“-Aufführungen  - auch in Wien - nur selten vorkommt. Da muss eben alles zusammenstimmen.

Hier war es der Walzer-Grundton, der das Geschehen beherrschte, in hunderterlei verschiedenen Nuancen, von breit ausschwingend bis zart anklingend, einmal nur floskelhaft, einmal keck, einmal ironisch, ein andermal derb auftrumpfend, beim Abgang des Ochs aus dem „gottverfluchten Extrazimmer“ mit einem Justament-Aufstampfen des Lerchenauers, als wollte er sagen: Mich kriegt ihr ja doch nicht klein! seiner lebensbejahenden Philosophie die Krone aufsetzend.

Das Wichtigste ist in meinen Augen (nicht zuletzt infolge anderwärtiger „Rosenkavalier“-Erfahrungen zwischen Salzburg und Hannover), dass das Strauss-Hofmannsthalsche Meisterwerk, wie ja auch Wagners „Meistersinger“, letztlich eine liebenswerte Komödie bleibt, an deren Ende Lebensbejahung steht. So sagt es die Musik. So wurde sie wiedergegeben. So lebten alle Mitwirkenden ihre Rollen aus. So empfand sie das Publikum hör- und sichtbar.
Die Rezensentin freut sich auf die nächsten beiden Aufführungen!

Die Sänger mögen mir verzeihen, dass ich diesmal nicht auf alle eingehe. Das können jene Besucher besser, die halb oder ganz oben saßen und besser hörten und sahen, was auf der Bühne vorging.
Ich werde das Versäumnis bei der 3. Vorstellung nachholen.

Sieglinde Pfabigan
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