Lulu / Alban Berg, Premiere vom 4. Februar 2010 am Grand Théâtre de Gèneve
Die Genfer Oper präsentierte Alban Bergs grandiosen Reigen von Eros und Tod in der von Friedrich Cerha fertig gestellten dreiaktigen Version.
Eine form vollendete Interpretation die das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Marc Albrecht angedeihen liess, darf mit Recht als sehr gelungen betitelt werden.
Der Maestro ging an dieses nicht ganz einfache Stück besonnen heran und hatte die üppigen, süffigen Klänge aus der Partitur wundervoll heraus gearbeitet und verstand es ebenfalls grosse musikalische Gefühle zu transportieren.
Mit grosser Spannung wurde das Rollendebüt von Patricia Petibon in der Titelpartie erwartet und sämtliche Erwartungen wurden erfüllt. Mit Lulu hat sie sich eine Erfolgsrolle eingeheimst die zu begeistern vermochte, denn es ist nicht zuviel, hier von einer Idealverkörperung zu sprechen. Sie hat genau jenen Charakter, einer lichten, nicht allzu grossen und doch sehr beweglichen Stimme. Ihre Leichtigkeit für die Koloraturen verband sie mit einem in allen Lagen ausgewogenen Stimmmaterial, Glanz und Strahlkraft in den Höhen, und einer französisch akzentuierten angenehmen Diktion, welche diese Lulu sehr sympathisch erscheinen liess und eine filigraner Zerbrechlichkeit vermittelte.
Dass sie diese Rolle auch darstellerisch meistern würde, war ohnehin ausser Frage, mit einer rassigen Erotik und ihren wunderschönen roten Haaren war sie das Ideale Hauptbestandteil der Bühnenwirkung aller ihrer Rollenportraits.
Schade vertraute Oliver Py der Musik nicht ganz und überzeichnete alle Figuren, liess der Handlung und der Musik keinen Spielraum und übermalte das ganze Werk mit viel zu vielen Geschehnissen. Um die Erotik und den Sex noch stärker herauszustreichen wurden alle Praktiken der Sexualität auf der Bühne hemmungslos aber lächerlich ausgelebt und visualisiert. Lulu als integrale schöne Nacktheit, Lulu als Playboyhäschen im pinkfarbenen Häschenkostüm, Lulu als züchtiges Spielobjekt, um nur einige plumpe Einfälle zu nennen.
Die Handlung (Bühnenbild und Kostüm Pierre-André Weitz) fand im Rotlichtmilieu statt und die riesigen Bühnenbilder, in bunten Farben leuchtenden Neonwände und windmühlenartigen Räder waren stetig in Bewegung, es herrschte Betriebsamkeit, viel Licht und buntes Treiben, es wurde viel geschossen und viel getanzt.
Dabei ging vieles von der Regie verloren; in seiner Personenführung vermisste man die Wandlung Lulus, des lebendig gewordenen Spiegelbild unzähliger Männerfantasien, vollkommen ausgeblendet/vergessen wurde die anfängliche Zurückhaltung bis hin zu vollkommener Gleichgültigkeit.
Julia Juon begeisterte neben grosser darstellerischer Intensität auch durch eine gute Gesangsleistung. Die üppig dunkle Stimme war Ideal für die Partie der tragischen Gräfin Geschwitz. Dem Schigloch gab Hartmut Welker stimmlich die nötige Verschlagenheit.
Auch das übrige Ensemble hatte gutes Formt. Pavlo Hunka bot einen mühelosen und darstellerisch überzeugenden Dr. Schön. Die Leistung des Alwa Gerhard Siegel war überzeugend. Bruce Rankin als Maler/Neger war gefällig und auch Jonathan Veira zeigte als Athlet vokal guten Charakter.
Zu übertrieben war die mediale Ankündigung einer nicht ganz jugendfreien Aufführung. Hier kann man nicht von einem Schocker oder gar Skandal reden, da Bilder geboten wurden die zwar etwas provokativ waren aber doch allzu brav daher kamen. Die Gemüter haben sich nicht gross aufgeregt und die Aufführung hat szenisch stattgefunden, that’s it!
Marcel Paolino |