Der neue Merker
blank
blank
blank
   
blank
blank
blank
STARTSEITE
AKTUELLES
BILDERGALERIE
KÜNSTLER-INFO
THEATER-INFO
INTERVIEWS
SPIELPLÄNE
KRITIKEN
blank Musiktheater
blank Ballett
blank Konzert
blank Sprechtheater
blank Ausstellungen
REVIEWS
WIEN-INFOS
TANZ-NEWS
JUBILÄEN
CD/DVD/BUCH
FILM/TV
FORUM
ARCHIV
BESTELLEN
EVENT-SEITEN
KONTAKT
WERBEPARTNER
IMPRESSUM
Merker 2002-2007
blank
blank
blank
blank
blank
blank
22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
blank
blank
blank
blank
Kritiken  
Die Kritiken früherer Ausgaben sind unter dem entsprechenden Menüpunkt "Merker 2002-2007" abrufbar, auf unserer neuen Website finden Sie die älteren Kritiken wie gewohnt unter dem Menüpunkt "Archiv" - auch nach Jahren! Keine Kritik geht daher verloren.
 
Besuchen Sie auch die Site unseres Kooperationspartners www.deropernfreund.de
 
blank

Berlin:  Konzerthaus wagt Kreneks „ORPHEUS und EURYDIKE", 6.2.10



Lothar Zagrosek. Photo: Christian Nielinger

 

„Krenek, who?“ fragt ein Plakat im Eingang des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Zu Recht, ist doch der Wiener Komponist Ernst Krenek (1990-1991) ein weitgehend Unbekannter geblieben. Er gilt zwar als ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, dennoch werden seine Werke äußerst selten aufgeführt. Ein Grund dafür mag sein, dass er als von den Nazis Verfemter 1939 in die USA auswanderte.

Die Veranstalter sahen jedenfalls Nachholbedarf und widmen dem fast Vergessenen im Februar eine eigene Reihe, bestehend aus Konzerten, einer Ausstellung und einem zweitägigen Symposium. Als Attraktion wagt man eine konzertante Aufführung von Kreneks Oper „Orpheus und Eurydike“, die erste szenische Einrichtung dieser Oper seit 17 Jahren und die dritte überhaupt seit ihrer Uraufführung.

Die Oper basiert auf dem gleichnamigen Stück von Oskar Kokoschka. Dieses aber nutzt die antike Sage nur als Vehikel, um die eigene gescheiterte Liebesbeziehung aufzuarbeiten, nämlich die mit Alma Mahler.

Drei Jahre, von 1912-1915, währte diese „amour fou“ zwischen  Oskar und Alma, einer „femme fatale“ der Wiener Gesellschaft, deren Bett vielen Berühmtheiten als „Durchgangsstation“ diente. In diesem Umfeld war Almas Beziehung zu Kokoschka mal Hölle, mal Paradies, wie sie später schreibt.

Freiwillig, vielleicht auch von Alma getrieben, hat sich Kokoschka 1915 zum Militärdienst gemeldet und eine schwere Kopfverletzung erlitten. Während der von Halluzinationen geprägten Rekonvaleszenz entsteht seine höchst persönliche Fassung von „Orpheus und Eurydike“, mehr die Schilderung eines Kampfes der beiden Geschlechter als eine Lovestory. Denn Kokoschkas Orpheus ist genau so eifersüchtig und damit ebenso zerstörerisch wie er selbst, und seine Eurydike ist eine selbstbewusste Frau wie Alma Mahler, die sich nicht gängeln lässt, die sich weigert ihn zu heiraten und das Kind abtreiben lässt.

Entstanden ist daraus ein Drama in einer expressionistischen Sprache, die es mit all’ ihren Ausschweifungen schwer macht, dem Geschehen zu folgen. Überdies hat Kokoschka diese veränderte Sage, in der Eurydike schließlich Orpheus tötet (!), noch mit der Geschichte von Amor und Psyche verbunden, die positiv endet. Vermutlich sein Wunschtraum.

Ernst Krenek hat sich ab 1922 mit diesem Stoff beschäftigt und ihn in eine ebenso expressionistische Tonsprache gekleidet, die uns heutzutage weit weniger atonal erscheint, als sie es seinerzeit gewesen ist. Die Uraufführung des Dreiakters am 27. November 1926 im Staatstheater Kassel wurde ein voller Erfolg, doch von Dauer war er nicht.

Das Konzerthaus versucht nun, diesem Konglomerat neues Leben einzuhauchen und das Geschehen verständlich zu machen. Auf einer Art Baugerüst sind in drei Etagen das Konzerthausorchester Berlin und der Ernst Senff Chor (Einstudierung Steffen Schubert) übereinander angeordnet. Beide Ensembles leisten unter der engagierten Leitung von Lothar Zagrosek, der von einem hohen Podest aus dirigiert, Außerordentliches.

Regisseur Karsten Wiegand hat vor dieses Gerüst drei Video-Leinwände gehängt, die diese Geschichte assoziativ bebildern und in Stichworten verdeutlichen. Wir sehen Liebesszenen aus alten Filmen, Geier, die auf eine neu geborene Giraffe herabstoßen, Kriegssequenzen, Fotos des jungen Kokoschka und schließlich die berühmte Alma-Puppe, die Kokoschka letztendlich köpft, um sich damit von den Erinnerungen an diese Frau zu befreien. Das Publikum hat also viel zu schauen und zu rätseln, vielleicht mehr, als der Musik gut tut. Die kommt teils fiebrig, schrill und weit ausladend daher, besitzt aber auch schöne lyrische Passagen und endet zu guter Letzt – bei der Wiedererweckung Amors durch Psyche - fast choralartig. Der hochversierte Krenek hat hier das ganze Kaleidoskop seines Könnens dargelegt.

Lothar Zagrosek, die Seinen und die Solisten verknüpfen die diversen musikalischen Fäden zu einem in der Tat stimmigen Ganzen, obwohl einige Sängerinnen und Sänger dem harschen Winterwetter Tribut zollen mussten. Umso mehr sind die Einspringer zu loben, die sich die anspruchsvollen Rollen in nur wenigen Tagen mit Herz und Können angeeignet haben.

So imponiert Daniel Kirch mit markigem Tenor als Orpheus, Claudia Barainsky bringt als Psyche ihr mädchenhaft schelmisches Talent und einen leuchtenden Sopran ins Spiel. Christoph Schröter als Matrose ersetzt ebenso einen kranken Kollegen wie der Schauspieler Christian Koerner, der die Alma-Puppe be- und entkleidet. Als selbstbewusste Eurydike dominiert die österreichische Sopranisten Brigitte Pinter diesen denkwürdigen Abend.

Die Mezzosopranistinnen Barbara Senator, Christa Mayer und Kismara Pessatti singen tonschön ihre Terzetts als Unheil bringende Furien. Einen Krieger bzw. Narren gibt der Bariton Christian Immler, einen Betrunkenen Christoph Sökler (Bass).

Das Publikum belohnt dieses andersartige Opernerlebnis und alle Mitwirkenden mit heftigem Beifall. Bleibt nur die Frage, ob dieses psychologisch aufgeheizte Werk auch als „echte Oper“ wieder eine Chance auf deutschsprachigen Bühnen haben könnte. Einen Versuch wäre es wert.    


Ursula Wiegand

Diese Seite drucken
blank
 
Adminblank Copyright 2009 DER NEUE MERKERblankHosted by KingBill Rechnungenblank