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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Stuttgarter Ballett

„CRANKO / KYLIAN / FORSYTHE / SCHOLZ“ 5.2.(WA-Premiere) – Beethoven reißt alles mit:

 

Ganz simpel als Aneinanderreihung der Choreographen-Namen ist dieses Programm mit vier Wiederaufnahmen betitelt – so einfach kann die Dramaturgie sein. Es bedarf nicht immer verbindender Themen, wenn es so wie hier klar und deutlich um John Cranko und einige seiner wichtigsten Epigonen und deren Weiterentwicklungen geht. Außer dem abschließenden Beethoven-Scholz-Klassiker wurden alle anderen Stücke seit vielen Jahren hier nicht mehr getanzt, so dass die fast komplett aus Rollen-Debutanten bestehende Tänzer-Schar die Etikettierung als Premiere rechtfertigte.

Daß ausgerechnet der Cranko-Beitrag „OPUS 1“ das schwächste Echo bekam, obwohl es sich dabei historisch gesehen um eine seiner wichtigsten abstrakten Schöpfungen handelt, dürfte nicht an der beeindruckenden körpersprachlichen Wiedergabe, sondern in der heute etwas verhalteneren Einschätzung der damaligen (1965) choreographischen Bedeutung sowie der nicht immer auf den Punkt gebrachten spätromantischen Passacaglia von Anton Webern liegen. So brauchte es einige Zeit, bis sich die Qualitäten wie auch die Aussage des Werkes ausdrucksvoller verdichteten. In einer knappen Viertelstunde liegt hier ein ganzes Leben von der Geburt bis zur Verdämmerung und zum Zurücksinken ins Nichts. Der Mensch wird geboren, indem er langsam aus einer Gruppe von sechs Jungen auf den Händen zutage gefördert und in die Höhe gehoben wird. Das Auf und Ab des Daseins manifestiert sich in vielen Hebungen, bei denen die Mädchen wie Trophäen erhoben, hinaus- und wieder hereingetragen oder über den Rücken  nach oben gezogen werden. Das Hauptpaar wird schließlich wieder auseinander gerissen, vom Schicksal oder Tod getrennt und läßt den Menschen allein und in sich gekrümmt am Boden kauernd zurück. Der als einziger mit freiem Oberkörper tanzende und dabei immer eine besonders ausdrucksvolle Aura erzielende jason reilly und die mit beispielhafter Schwerelosigkeit transzendenten Charakter gewinnende alicia amatriain behaupteten sich wieder einmal als ideale Paarung. Auch das 12köpfige Corps war von georgette tsinguirides zwingend auf Crankos Intentionen eingeschworen worden. Mangelnde künstlerische Umsetzung wie auch die klassische Zeitlosigkeit konnten für die etwas flaue Publikums-Würdigung also nicht verantwortlich sein.

Vielleicht erschien es für heutige Augen nach dem den Abend eröffnenden Jiri Kylian-Stück „VERGESSENES LAND“ doch etwas zahm und weniger zwingend. Denn die 1981 geschaffene Choreographie zu Benjamin Brittens hinreichend expressiver „Sinfonia da Requiem als Reaktion auf den Tod seiner Eltern vereinnahmt uns wie das hier vom Wasser umspülte Land als Metapher für die bedrohte Existenz des Menschen. Den imaginären Raum, nach hinten begrenzt von zu einem Eisblock erstarrten Wellen, füllen sechs Paare quasi als Insel der Erinnerungen an ein Stück zerstörte Natur. Weit sind ihre Schwingungen, abrupt und teilweise rasant ihre Hebungen, wie zu großen Vögeln mutiert die flügelartig gekrümmten Arme. Am Anfang und Ende Momente des Schreitens mit dem Rücken zum Publikum, dazwischen noch völlig überraschende Sequenzen wie die nacheinander der Länge nach zu Boden stürzenden Körper, akustisch hinreichend unterstützt von fallbeil-gemäß knallenden Skalen. Angeführt vom zentralen, in geschmeidiger Übereinstimmung und reifem Bewusstsein wirkenden Paar sue jin kang und filip barankiewicz haben fünf weitere neue Paare einen auf Anhieb erfreulich komprimierten Zugang zu diesem sehr persönlichen und wertvollen Stück gefunden. elizabeth mason , die in einem langen schlank geschnittenen Kleid und mit beseelter Technik als Lichtfigur heraus leuchtet und die mit feiner lyrischer Note bezaubernde myriam simon sind noch vor angelina zuccarini, katja wünsche, miriam kacerova, damiano pettenella, marijn rademaker, alexander zaitsev, roland havlica und laurent guilbaud zu nennen.

Ein enormer Erwartungsdruck lastete auf den fünf Solisten, die an diesem Abend in William Forsythes „THE VERTIGINOUS THRILL OF EXACTITUDE“ ihre Premiere hatten. Denn alles an diesem 1996 uraufgeführten und 2001 erstmals in Stuttgart präsentierten gut zehnminütigen, zum letzten Satz aus Schuberts Großer C-Dur Sinfonie und in kurzen Tellerröcken und Hosen getanzten Werk ist absolut, verlangt ein Höchstmaß an klassischer technischer Schulung, Präzision und in Anbetracht des beschleunigt durchzuhaltenden Tempos enorme Kondition. Dazu kommt noch eine Ironisierung, die sich in der Betonung gewisser Formeln wie auch der mimischen Präsentation äußern sollte. Stilistisch gesehen die fortgesetzte reine Linie eines Balanchine und erweitert durch die spielerischen Freiräume am Ende des 20. Jahrhunderts. Kurzum: ein gewisser Spaß sollte den Ausführenden bei aller eisernen Kondition noch anzusehen sein. Und das vollbrachten besonders hyo-jung kang  und marijn rademaker mit einer Leichtigkeit und Spritzigkeit, die der im Prinzip auf die Spitze getriebenen akademischen Choreographie eine vergnügliche Note einbrachten. evan mckie punktete wie immer mit Eleganz und kavalierhafter Haltung, elizabeth mason in ihrer Feingliedrigkeit, anna osadcenko durch kraftvolle Vitalität. Wenn alle drei sicher noch an Lockerheit gewinnen werden, hätten wir hier ein Quintett, das dem früheren Besetzungsstandard komplett gerecht werden würde.

Wo bei Forsythe die Choreographie eigenen Gesetzen gehorcht, ist sie bei Uwe Scholz so untrennbar mit der Musik verbunden, wie es übereinstimmender kaum mehr denkbar ist. Die „SIEBTE SINFONIE“, 1991 für die Stuttgarter Kompanie geschaffen, ist eine strahlend dankbare Reverenz an die Göttlichkeit von Beethovens Symphonik. Von Anfang an gehörte dieses Werk zu den Glanzlichtern im Repertoire und auf zahlreichen Tourneen. Viele Aufführungen in geschlossenster Ensemble-Wiedergabe haben sich in der Kategorie schönster Erinnerungen verewigt. Bei dieser Neueinstudierung war das Stück von einer neuen Seite kennenzulernen. Zur Aufrichtigkeit und tiefen Empfindung des Tanzes kam noch eine Heiterkeit und gute Laune hinzu, wie sie nie zuvor aus den Gesichtern der Tänzer blitzte. Da wurden untereinander anstachelnde Blicke zugeworfen und mit noch erhöhtem Schwung in die Bewegungen übertragen. In besonders guter Stimmung wie überhaupt in bester Verfassung befand sich an diesem Abend marijn rademaker, der ebenso wie william moore in hervorstechenden Soli und Duos mit laura o’malley bzw. magdalena dzigielewska neckisch übersprudelte. Die Solo-Paare myriam simon / alexander jones und miriam kacerova / nikolay godunov fügten sich mit präziser und klarer Linie in den Ablauf. An der Spitze stand wie schon bei den letzten Aufführungen maria eichwald, die makellos und federleicht die entsprechenden Akzente setzte (und dies auch dank ihres vorzüglichen Partners jason reilly  konnte) und aus deren Augen eine Dankbarkeit für diesen Part leuchtete, die zu Freudentränen rührte.

Mitgerissen von Beethovens Musik warf sich das größtenteils neue Ensemble, eine junge Generation von Tänzern mit einer Lust ans Werk, die folgerichtig in einem Jubelschrei des Publikums mit zuletzt rhythmischem Klatschen endete. So beschwingt, positiv aufgeräumt und zufrieden mit der Welt sollte das Theater öfter verlassen werden können.

                                                                                                                      Udo Klebes   

    

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