Berlin, Staatsoper: Ovationen für „AGRIPPINA“, 07.02.2010

Anna Prohaska als Poppea. Photo: Monika Rittershaus
René Jacobs als Dirigent, die Akademie für Alte Musik Berlin und eine Händel-Oper. Da sind interessante Stunden programmiert. Wenn dann noch die Sänger mit barocken Koloraturen brillieren und sich sogar das Auge übers Bühnengeschehen freuen kann, verwandelt sich das erhoffte Erlebnis in ein wahres Wunder. So bei „AGRIPPINA“ in der Staatsoper Unter den Linden.
Die fabelhaften Kostüme des Modedesigners Christian Lacroix, die einfallsreiche Menschenführung durch Regisseur Vincent Boussard und das Bühnenbild von Vincent Lemaire verschmelzen an diesem Abend zu einem Gesamtkunstwerk. Liebe, Intrigen, Verdächtigungen, mal auf dem Laufsteg vor der Bühne, mal hinter einem glitzernden Perlenvorhang. Großartig!
Hauptperson ist Agrippina, eine Mutter, die nur eines im Sinn hat: Nerone (Nero), ihren Sohn aus erster Ehe, auf den römischen Thron zu bugsieren. Zunächst scheint das zu funktionieren, ist doch ihr Gatte, Kaiser Claudius, angeblich bei einem Sturm auf dem Meer ertrunken. Pech gehabt. Der treue Ottone konnte ihn retten, triumphierend kehrt Claudius nach Rom zurück. Seinem Retter hat er den Thron versprochen.
Nun muss sich Agrippina etwas einfallen lassen, um ihr Ziel doch noch zu erreichen. Sie initiiert die gemeinsten Intrigen, um den braven Ottone zu diskreditieren. Vor nichts schreckt sie zurück, nicht einmal vor einem Mordauftrag. Sie schafft es aber immer, selbst als die Unschuldige dazustehen, wenn die Angelegenheit brenzlig wird.
Alexandrina Pendatchanska singt und spielt diese smarte Managerin ganz vorzüglich. Im schmalen kurzen Kleid und mit langen roten Handschuhen fädelt sie alles ein, stolziert auf „high heels“ über den Laufsteg. Nerone, das Muttersöhnchen, lutscht als Zwanzigjähriger noch am Finger und folgt den Weisungen der Mama aufs Genaueste. In dieser „Strumpfhosenrolle“ zieht die junge Amerikanerin Jennifer Rivera als begabte Komödiantin alle Register. Ihr lyrischer und gelenkiger Mezzo ist für Berlin eine Entdeckung.
Zu den Perlen der Staatsoper gehört dagegen Anna Prohaska. Die Rolle der von drei Männern begehrten Poppea ist ihr wie auf den Leib geschneidert. Eine Verliebte und gleichzeitig ein kleines Luder, das alle Männer kühl berechnend becirct. Vor allem im letzten Akt wickelt sie mit Charme und lockerer Kehle das Publikum im vollbesetzten Haus um den Finger, noch mehr aber Ottone, ihren Geliebten. Der aber wird durch Agrippinas Intrigen vom Retter des Kaisers zum scheinbaren Verräter und weiß gar nicht, warum.
Wie der international gefragte Countertenor Bejun Mehta diese abrupten Gefühlswechsel gestaltet, das ist sensationell. Seine Stimme besitzt Farbreichtum, Kraft und lyrische Dimensionen. Von der stolzen Erwartung der Kaiserwürde bis zur Verzweiflung im feinen Piano reicht seine wohllautende Scala. Bei ihm bräuchte man keine Obertitel, um zu wissen, was er gerade fühlt.
Als die Missverständnisse geklärt sind, geht er – nun rehabilitiert - hinter dem leuchtenden Perlenvorhang (Licht: Guido Levi ) Schritt für Schritt auf Poppea zu. Ein Regieeinfall, bei dem das Publikum den Atem anhält. Ihretwegen verzichtet er, der einzige honorige Charakter in dieser verdorbenen Römerwelt, gerne auf den Thron. Doch ein bisschen Gerechtigkeit gibt es doch noch: zweifellos ist er der Star dieser Aufführung!
Als lächerlicher Typ agiert dagegen Kaiser Claudius, und Marcos Fink macht das gut gelaunt mit. Doch Alter schützt auch hier vor Torheit nicht, will er doch – obwohl fast ständig von seinem Diener Lesbo (Daniel Schmutzhard) umher getragen – unbedingt Poppea verführen. Sein markiger Bassbariton triumphiert über sein Kasperle-Kostüm und alle Verwicklungen, die er gar nicht kapiert. Bei dieser Händel-Adaption darf oft geschmunzelt oder leise gelacht werden. Dazu tragen mit gesanglichem und schauspielerischem Können auch die beiden Diener Agrippinas bei, nämlich Neal Davies als Pallante und Dominique Visse als Narciso. Zwei mit Schirm, Witz und Melone. Charly Chaplin lugt um die Ecke.
Zuletzt geht erst mal alles komplett durcheinander, kommt dann aber im zweiten Anlauf doch noch ins Lot. Kaiser Claudius erklärt Nerone zu seinem Nachfolger und übergibt Poppea dem glücklichen Ottone. Agrippina hat ihr Ziel erreicht. „Nun, da Nerone regiert, kann ich zufrieden sterben,“ ist der erstaunliche letzte Satz dieser attraktiven Frau. Gemeinsam brechen jetzt alle in einen (vielleicht ironisch gemeinten) Jubelgesang aus.
Noch mehr jubeln die Zuhörer über diesen Augen- und Ohrenschmaus. Nach viel Zwischenbeifall gibt es nun „standing ovations“ und begeistertes Getrampel.
Ursula Wiegand |