„Merker“-Gespräch mit Andrea Bogner
Es muss auch Zweitbesetzungen geben!
Andrea Bogner, eine der sympathischsten Erscheinungen auf der Bühne der Volksoper, ist ein wunderbares Beispiel menschlicher Ausgewogenheit. Uneitel zufrieden damit, zu singen und gute Leistungen zu erbringen, ist ihr laute „Popularität“ nicht wichtig. Das mag auch damit zusammen hängen, dass eine Mutter von zwei Söhnen andere Prioritäten hat, als den Blick starr auf eine Karriere zu fixieren
Das Gespräch führte Renate Wagner
Frau Bogner, ein Interview um 9 Uhr früh im Café bei der Volksoper, das heißt, Sie gehen zu einer Probe. Aber Sie sind doch im „Rigoletto“ gar nicht angesetzt?
Nein, es geht um die „Fledermaus“, Kristine Kaiser steigt neu in die Vorstellung ein, und dazu proben wir. Mir ist schon klar, dass das nicht an jedem Haus der Fall ist, aber in der Volksoper wird wirklich genug geprobt. Wir haben da ja auch eine Inszenierung, die zwar einmal aufgefrischt wurde, aber letztlich doch 30 Jahre alt ist – aber für das Publikum soll sie sich jedes Mal anfühlen wie neu.
Ist die Adele eine Lieblingsrolle?
O ja, es ist die perfekte Operettenpartie, sie stellt höchste Anforderungen an den Gesang, aber auch an das Spiel, an das Transportieren des Witzes, da kann man viel zeigen. Für mich war die Rolle auch der Einstieg der Volksoper. Ich habe in der Direktion von Rudolf Berger als Adele gastiert, man nennt so etwas ein „informatives Gastspiel“, das heißt, man wird in Hinblick auf ein Engagement begutachtet. Für einen Sänger ist das natürlich viel angenehmer als Vorsingen.
Das Engagement hat geklappt, und seither gibt es für Sie viel Operette, zuletzt die Briefchristl in einer Uniform der fünfziger Jahre.
Ja, seltsam nicht wahr, dass jetzt so viele Inszenierungen diesen Trend zu den fünfziger Jahren zeigen. Es würde mich wirklich interessieren, warum. Wenn sich Leute über das hässliche Bühnenbild im „Vogelhändler“ beschweren – wir Sänger merken davon weniger als das Publikum da unten, und es macht die Arbeit auch nicht wirklich schwieriger. So extrem war es für uns nicht. Ich musste einmal in Darmstadt eine Punk-Musetta spielen, mit blauem Haar und Domina-Klamotten, das war schwierig. Aber diese Christl ging. Ich habe die Rolle zum ersten Mal gemacht, sie ist wunderschön zu singen und zu spielen, denn sie ist ein interessanter Charakter, eine Frau, die ihr Leben plant – und sich außerdem mit dem Sturkopf Adam auseinandersetzen muss.
Als Sie an die Volksoper kamen, haben Sie es auch wegen der Operette getan?
Ja, schon. Die Volksoper ist ein Operettenhaus Nr. 1, dafür entscheidet man sich bewusst. Ich habe unter Berger meinen Jahresvertrag unterschrieben und bin jetzt schon drei Spielzeiten unter Robert Meyer am Haus, der für uns Sänger natürlich ein besonders guter Direktor ist. Man steht mit ihm auf der Bühne – ich beispielsweise in der „Fledermaus“ -, er ist ein Kollege, beurteilt uns also ganz anders als ein Direktor, der nicht weiß, welche Nöte und Ängste man hat. Und es gibt hier neben der Operette ein wirklich breit gefächertes Repertoire von Rollen, die man singen kann.
Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, den Beruf einer Opernsängerin zu wählen?
Da war ich von Zuhause her vorbelastet. Mein Vater war Sängerknabe, meine Mutter sang im Staatsopernchor, meine Teenagerzeit habe ich auf dem Stehplatz verbracht und Oper lieben gelernt. Das erweckt dann auch den Wunsch, einmal dort oben zu stehen… Ich habe selbst im Extrachor gesungen, war auch bei wunderschönen Konzerten dabei mit Solti oder Abbado. Dann hatte ich Stimmbildung bei Gottfried Hornik, im Opernstudio war ich Schülerin von Waldemar Kmentt und später in Mainz habe ich dann bei Claudia Eder weiterstudiert.
Wie haben Sie überhaupt Ihr erstes Engagement bekommen?
Ich habe vielen Agenten vorgesungen, und am Ende konnte ich mich zwischen Erfurt und Koblenz entscheiden und ging nach Koblenz. Das waren drei wundervolle Jahre, wo ich viel Mozart und Händel gesungen habe. Der Intendant hat mich dann nach Mainz mitgenommen, und dann kamen fünf Jahre Darmstadt.
Sie sind als Wienerin nach Wien heimgekehrt. War der Weg über die „deutsche Provinz“ richtig?
Ich bin sehr froh, dass ich weg war, ich habe die so genannte „Provinz“ richtig lieben gelernt und verstehe völlig, dass es Kollegen gibt, die eigentlich immer dort geblieben sind und nie weg wollten. Ich habe dort auch sehr viel gelernt. Das sind menschliche und berufliche Erfahrungen, die man mitbringt – und dann kann man auch die Lage „daheim“ mit der nötigen Distanz betrachten.
Distanz, wenn etwa jetzt an der Volksoper Rollen wie Zerbinetta oder Gilda an einem vorübergehen, die Ihnen doch passen müssten?
Nein, so war das gar nicht. Als die „Ariadne“ kam, hat man mich wegen der Zerbinetta gefragt, die ich ja schon gesungen habe, und es war meine Entscheidung, nein zu sagen, weil diese Partie einfach zu sehr an die Grenzen geht. Das war eine freiwillige Entscheidung, ebenso wie ich damals die Rosina abgelehnt habe – da war man am Haus recht enttäuscht -, weil diese dramatischen Koloraturen nichts für mich sind. Und an die Gilda würde ich nicht einmal denken. Die Arie, ja, aber der dramatische Rest? Ich meine: Ich bin lieber länger ein gutes Blondchen als zu früh eine Konstanze.
In „Fra Diavolo“ durften Sie die Zerline nur in zweiter Besetzung singen und hatten so für Ihre wirklich schöne Leistung kaum Presseresonanz. Stört das nicht?
Also, ich bin überhaupt niemand, der im Mittelpunkt stehen muss. Wenn Leute mir sagen: „Du bist als Christl auf dem Titelbild der U-Bahn-Illustrierten!“, dann freut mich das gar nicht so. Wichtig ist doch, dass man gute Leistungen erbringt. Was Zweitbesetzungen betrifft, so sind sie viel „entspannender“ als die Premieren zu singen, aber ich gebe zu, dass es einem vielleicht nicht recht wäre, wenn man immer als Zweite angesetzt würde. Aber ich habe beim „Vogelhändler“ die Premiere gesungen und es ist auch für die „Entführung aus dem Serail“ so vorgesehen. Außerdem probt man in der Volksoper als Zweitbesetzung genau so wie die „erste“. Und man muss doch einmal überlegen – jedes Opernhaus müsste auf der Stelle zusperren, wenn es nur „Stars“ gäbe und niemanden, der auch bereit ist, als Zweiter eine Rolle zu singen.
Sie sind ein lyrischer Sopran mit Koloraturen, waren an der Volksoper u.a. Susanna, Ännchen, Gretl, Nuri, und haben erwähnt, dass Sie noch lange ein gutes Blondchen sein wollen. Aber was überlegt man sich in Ihrem Fach für die Zukunft?
Ich bin jemand, der sich gerne in gutem Sinn zurücknimmt. Und ich habe gute Berater, vor allem meinen Mann Matthias Wohlbrecht. Er ist Tenor, derzeit als Mime und Loge in Deutschland erfolgreich. Wir haben uns in Darmstadt bei einer „Madame Pompadour“ kennen gelernt, nach drei Wochen waren wir verlobt, nach drei Monaten verheiratet. Unsere Söhne Sebastian und Maximilian sind jetzt 7 und 5 Jahre alt, und wir leben in Wien. Wenn mein Mann nicht bei seinen Engagements in Deutschland ist, arbeiten wir viel zusammen, er ist ein guter Pädagoge und gibt mir die richtigen Ratschläge.
Sie gehören also nicht zu den Sängerinnen, die ihre Familiengründung auf den St. Nimmerleinstag verschieben, wie es viele Kolleginnen aus Karrieregründen tun?
Jeder hat eine andere Priorität im Leben, und im Idealfall kann man Familie und Beruf verbinden. Wobei ich es leichter finde, zwei Kinder zu handhaben, also sie mit dem Babysitter zurück zu lassen, wenn ich arbeite, weil sie sich dann auch ein wenig gegenseitig kontrollieren… Natürlich geht nicht alles, wenn man Kinder hat: Ich hätte gerne die Titania im „Sommernachtstraum“ gesungen, aber es ging nicht. Aber es ist doch nur eine Rolle! Und wenn man davon ausgeht, dann ist es immer eine Rolle, die da ist, wartet und für oder gegen die man sich dann entscheiden muss.
Das bedeutet also, wenn etwa Ihre Volksopern-Kollegin Jennifer O´Loughlin an die Met gehen wird, um dort die Zerbinetta zu singen, erweckt das in Ihnen nicht den Wunsch, das auch zu tun?
Eigentlich nicht. Man soll natürlich nie nie sagen, aber ich bin an der Volksoper so ausgelastet, dass sich gar keine Zeit zum Gastieren ergäbe. Außerdem ist das ein wunderschönes Haus, an dem man auch reifen und – ich sage das einmal so – alt werden kann. Ich finde, die Volksoper war für mich ein wunderbares Karriereziel, und ich werde gerne hier meinen Weg weitergehen wie es etwa eine Kollegin wie Edith Lienbacher tut, die ich sehr bewundere. Sicher muss ich in etwa den nächsten fünf Jahren die Weichen für einen Fachwechsel stellen. Aber das hängt natürlich auch davon ab, wie die Stimme sich entwickelt.
Sie haben die Punk-Musetta in Darmstadt erwähnt. Sind Ihnen viele solche Inszenierungskunststücke untergekommen?
Es gibt auch viele gute Erfahrungen, etwa wenn ich an „Fra Diavolo“ mit Josef Ernst Köpplinger denke – der war unglaublich anstrengend, da schwimmt einem der Kopf, aber auch großartig, eine sehr konzentrierte Arbeit. Ich gehöre zu den Sängern, die gerne erst einmal gesagt bekommen, was sie tun sollen. Der schlimmste Regisseur-Satz für mich ist: „Bieten Sie mir etwas an!“ Ich habe tolle Kollegen, die sich selbst inszenieren können wie etwa Kurt Schreibmayer, der hat so viele Ideen, dass er gar keinen Regisseur brauchen würde. Ich hingegen habe gerne ein Konzept, weiß über meine Rolle Bescheid und auch über die Beziehung zu den anderen auf der Bühne. Dann kann man selbst noch das eine oder andere dazu erfinden.
Kritiken werden von Sängern ganz unterschiedlich aufgenommen. Tun Ihnen schlechte Kritiken weh?
Also, ich bin selten schlecht behandelt worden. Wenn ja, schmerzt es natürlich, aber ich versuche dann immer, in der Kritik ein Körnchen Wahrheit zu finden, mit dem ich etwas anfangen kann. |