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21. Jahrgang
Juni/ Juli
2009
158
- - - - -
Anton Cupak
07.09.2009
14:33:58
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Interview, 03/2008: Miljenko Turk, Ich bin ein Bühnenmensch!

 

 

 (F: Helge Strauss)

 MILJENKO TURK 
- „ICH BIN EIN BÜHNENMENSCH!“ -
 
In der Wiener Volksoper hat man Miljenko Turk schon als Grafen von Luxemburg, Dr. Falke und Ottokar gesehen. Nun steht ihm hier wieder eine Premiere ins Haus, der Figaro im „Barbier von Sevilla“. Längerfristige Gespräche mit der Volksoper ergaben schon Termine für den Papageno und den Danilo. Wir haben den ungemein sympathischen 32jährigen, der exzellent Deutsch spricht (mit kaum mehr einem Hauch kroatischen Akzents), über Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit befragt
 
Das Gespräch führte Renate Wagner
 
 
Herr Turk, Sie singen in der Volksopern-Premiere des „Barbiers von Sevilla“ die Titelrolle. Ist das Ihr erster Rossini-Figaro?
 
Ja, und gleich auf Deutsch! Das bin ich nicht gewöhnt, denn an der Kölner Oper, wo ich engagiert bin, singen wir alle Opern in der Originalsprache. Aber ich sehe natürlich die Überlegungen von Direktor Robert Meyer ein: Gerade eine komische Oper wie diese gewinnt ungemein, wenn das Publikum den Text versteht. Natürlich bringt auch die deutsche Sprache ihre Probleme mit sich – etwa in meiner Arie. Da sind Passagen darin, die in dieser Geschwindigkeit auf Deutsch nicht zu bewältigen sind, das würde vollkommen unverständlich. Da haben wir alle zu einem Kompromiss gegriffen, ich singe die Arie halb Deutsch, halb Italienisch.
 
Die Inszenierung stammt von Josef Ernst Köpplinger. Was hat das Publikum zu erwarten?
 
Nun, das Stück spielt hier in der Franco-Ära, das heißt nicht, dass jetzt großartig der Faschismus beschworen wird, aber Köpplinger spielt ganz amüsant damit, etwa, dass Bartolo in dem System verankert ist oder dass Almaviva am Ende des ersten Aktes in einer Uniform wie General Franco auftritt. Aber das ist eigentlich nur lustig gemeint, und es macht uns auch die Arbeit irrsinnigen Spaß, weil Köpplinger zu jedem Takt etwas einfällt. Wir haben eine tolle Atmosphäre, es sind auch lauter Kollegen mit Humor beteiligt, und ich denke, wir können die gute Laune, die wir bei den Proben haben, dann bei den Aufführungen ins Publikum vermitteln.
 
Es dirigiert Karel Mark Chichon, der eine sehr berühmte Gattin hat…
 
Ja, Elina Garanca! Leider bin ich ihr noch nie begegnet, zu meinem Bedauern ist sie noch kein einziges Mal aufgetaucht, um bei den Proben zuzuschauen. Das wäre doch was, wenn sie einmal die Rosina sänge! Aber ich mache nur Spaß, wir haben ja die Sopranfassung für die Rolle mit Daniela Fally. Jedenfalls ist Chichon ein sehr guter Mann, der genau weiß, was er tut.
 
Man kann also annehmen, dass das Publikum diesen „Barbier“ nicht mit solchen Buh-Orgien zudecken wird, wie es kürzlich bei dem „Tannhäuser“ in Köln der Fall war, wo Sie den Wolfram gesungen haben. Was meinen Sie zu dieser Inszenierung? Oder darf man nichts Böses sagen, wenn man selbst beteiligt ist?
 
Ach, ich glaube, es hat keinen Sinn, wenn man immer nur freundlich ist, darum sage ich offen, dass eine Inszenierung wie diese für Wagner – wohlgemerkt für Wagner – nichts bringt. Für andere Leute vielleicht schon. Ich habe mich mit der Regisseurin so gut verstanden, dass sie mir auch nicht böse ist, wenn ich etwas Negatives sage, etwa, dass nicht alle ihrer Ideen für das Publikum schlüssig geworden sind. Trotzdem: Mit hat die Inszenierung gefallen. Vielleicht auch, weil mir bei der Arbeit meine Rolle völlig klar geworden ist, auch wenn Wolfram hier ein Lektor bei einem evangelischen Verein ist… Aber ich wusste, was ich auf der Bühne tue und warum. Und außerdem – nach der Premiere gab es für mich eine solche Welle des Beifalls und des Wohlwollens, vielleicht für Wolfram, vielleicht für mich, wahrscheinlich für uns beide, dass ich nahezu Tränen in den Augen hatte, denn so etwas habe ich noch nie erlebt.
 
Sie sind seit dem Jahre 2000 an der Kölner Oper engagiert – also hat es für Sie offenbar einen Sinn gemacht, gleich als Anfänger in ein Ensemble zu gehen und sich hochzudienen?
 
Ja. Ich habe zwar gleich im ersten Jahr als erste große Rolle den Papageno bekommen, aber es hat doch zwei, drei Jahre gedauert, bis man sich an größere und schwierigere Partien herantasten konnte. Bei manchen war es, wie ins kalte Wasser zu springen – ist die Stimme schon so weit? Das war etwa, als ich 2002 in der Oper „The Player“ von Benes den Hamlet sang. Das war richtig hart, zwei Stunden auf der Bühne und wirklich schwieriges Zeug zu singen, ich dachte, mir explodiert die Kehle. Aber ich habe es geschafft, und glücklicherweise ist die Stimme immer gewachsen, wenn ich sie herausgefordert habe.
 
Sie haben in Köln viele kleinere Rollen gesungen, aber auch große wie den Billy Budd…
 
Ja, das ist eine Lieblingsrolle von mir, definitiv, mehr noch als der Wolfram, obwohl ich von beiden hoffe, dass ich sie noch oft singen werde. Wie auch den Papageno, der noch sehr gut zu mir passt, weil ich mit 32 noch nicht unbedingt die älteren Rollen verkörpern möchte, auch wenn ich sie mit meinem lyrischen Bariton gut singen könnte wie etwa den Germont in „La Traviata“.
 
Ihre Rollenliste ist besonders eindrucksvoll, weil sie eben von Rossini bis Wagner reicht, aber auch von Bach bis Operette und außerdem viele Raritäten enthält. Ich wüsste wenige Sänger, die sich so weit gespannt betätigen…
 
Die Raritäten ergeben sich, wenn man in einem Ensemble ist, da kann man dann nicht sagen, ich mag eine kleine Rolle bei Krenek oder Glanert nicht singen, weil ich sie nicht mehr brauche, und man lernt ja auch eine Menge damit. Für Operette habe ich eine große Vorliebe: Elke Heidenreich, mit der ich manchmal gemeinsam Gesprächskonzerte mache, verachtet Operette als eine mindere Kunstform, aber ich möchte ihr das immer ausreden und sage: Zu Operette braucht man noch mehr Talent. Außerdem habe ich in Wien, an der Volksoper, im „Grafen von Luxemburg“ debutiert, ich werde mit dem Volksopern-Gastspiel in Japan den Dr. Falke in der „Fledermaus“ singen, der Eisenstein wird sicher einmal kommen, und was den Danilo betrifft, so gibt es mit der Volksoper für die nächste Spielzeit schon eine Übereinkunft…
 
Und Rossini, und Wagner. Und Verdi? Und Billy Budd? Wer hat das schon alles in der Kehle?
 
Hermann Prey hat den Rossini-Figaro gesungen und den Wolfram und geistliche Musik und Operette, aber mit ihm will ich mich sicher nicht vergleichen. Auch konnte er den Mozart-Figaro singen, das könnte ich nicht, der ist mir zu tief, da denke ich eher an den Grafen. Ich bin ein hoher lyrischer Bariton, da ist bei Wagner mit dem Wolfram jetzt eine Grenze erreicht. An den Beckmesser – den Prey ja auch gesungen hat – denke ich erst viel später. Dafür soll Verdi kommen, der Posa, der Luna, und nächstes Jahr mache ich in Köln meinen ersten Strauss, den Olivier in „Capriccio“.
 
Sie waren zwei Sommer lang in Bayreuth, allerdings nur mit kleinen Rollen, sind aber dabei einem originellen Regisseur begegnet…
 
Ja, vierter Knappe in „Parsifal“, dritter „Edler“ in „Lohengrin“ – das ist eben so, vierter und fünfter Baum von links nach rechts, so fängt man an. Aber der „Parisfal“ von 2005 war jener von Schlingensief, und ich kann sagen, wir vier Knappen hatten viel Spaß mit ihm. Trotzdem war die Arbeit ein rechtes Chaos, und ich habe schon verstanden, dass es Kollegen wie Wottrich gab, die gar nicht mit ihm zurechtgekommen sind. Für 2006 hätte man mir den Melot angeboten, das war immerhin schon eine „Rolle“, aber da kam auch Peter Ruzicka auf mich zu, den ich gut kenne, weil ich in seiner „Celan“-Oper unter seiner Stabführung in Köln und Dresden den jungen Celan gesungen habe. Und als er mir anbot, mit zwei Rollen in „Mozart 22“ dabei zu sein, habe ich natürlich zugegriffen. Heuer im Sommer arbeite ich allerdings nicht, in Bayreuth gibt es einen neuen „Parsifal“, und da hat man gesagt: „Wir könnten Ihnen nur wieder den vierten Knappen anbieten, und das wollen Sie sicher nicht.“ Und das stimmt. Jetzt mache ich mit drei Freunden eine große Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau und wir werden an allen Stationen ein paar Tage bleiben… darauf freue ich mich sehr. Auch wenn ich meine Klavierauszüge dabei habe und neue Rollen lerne, den Sharpless und die neue Oper „Adrianas Fall“, zu der Elke Heidenreich das Libretto geschrieben hat.
 
Apropos Reisen – wir müssen jetzt doch erwähnen, dass es Sie immer wieder nach Japan zieht.
 
Ja, dort wohnen meine Exfrau und meine Tochter Mia in Osaka, und ich besuche sie, so oft es geht, und ich kann auch einigermaßen Japanisch, um mit Mia sprechen zu können. Ich habe meine Frau kennen gelernt, als wir gemeinsam in Graz studierten, sie kam dann mit nach Köln, aber die Ehe hat nicht gehalten und sie ist mit dem Kind nach Japan zurück. Wenn ich jetzt mit dem Volksopern-Ensemble als Dr. Falke nach Tokio komme, wird Mia mich zum ersten Mal live auf der Bühne sehen…
 
Können wir jetzt ein wenig zurückblenden, wie ein Junge aus einer kleinen kroatischen Stadt Opernsänger wird?
 
Also, Cakovek, wo ich 1976 geboren wurde, hat ungefähr 20.000 Einwohner, liegt sehr im Norden an der slowenisch-ungarischen Grenze, und hat eine Musikgrundschule, in der ich Klavier lernte, und im Musikgymnasium in Varazdin – 15 Kilometer von uns entfernt, ich bin immer mit dem Zug hin und her gefahren – hat man dann vier Jahre lang einfach alles gelernt, was zu Musik gehört. Meine beiden Brüder übrigens auch, aber die sind dann doch Architekt bzw. Offizier geworden. Aber ich habe schon sehr mit der Musik geliebäugelt – und im Chor immer zu laut gesungen, bis mich der Chorleiter zum Gesangsunterricht schickte. Dann stand ich mit 18 vor der Entscheidung Klavier oder Gesang, aber das Singen hat unschwer gewonnen. Ich bin doch ein sehr extrovertierter Typ, ich gehe leidenschaftlich gern auf die Bühne – das ist fast eine Therapie, man vergisst alle seine Probleme. Aber ich liebe es einfach, auf der Bühne zu stehen, mit Kollegen zu singen, etwas zu gestalten, ich denke, ich kann mich schon als Bühnenmenschen bezeichnen.
 
Sie sind dann zum Studium nach Graz gegangen. Hätte es nicht in Zagreb auch eine Möglichkeit gegeben?
 
Meine Lehrerin in Varazdin sagte: Geh in die Welt! Und für uns in Kroatien war schon Österreich die Welt – und für Musik ist das ja auch so. Außerdem war die Aufnahmeprüfung in Zagreb erst im Herbst, in Graz schon im Juni, und da hat man mich schon genommen. Obwohl es, wie man mir später sagte, auf Messers Schneide stand, weil mein Deutsch so miserabel war, dass einige Leute dagegen waren, mich aufzunehmen. Aber ich habe es glücklicherweise schnell gelernt. Ich hatte so viel Glück, dass ich nach Graz kam, ich denke, die Puzzlestücke meines Lebens haben bisher immer gepasst.
 
Aber Sie sind doch nach ein paar Jahren weg von Graz…
 
Nur, weil ich keine Magisterarbeit schreiben wollte, was man in Graz zum Abschluss des Studiums verlangt hat. Da hörte ich, dass der große Bass Hans Sotin in Köln unterrichtete, da ging ich für die letzten beiden Jahre hin, und als ich an der Oper vorsang, wurde ich sofort genommen. Am Anfang war es, wie schon erwähnt, hart, auch weil ich bis zu 80 Abende pro Jahr sang. Jetzt sind es etwa 30 mit der Möglichkeit zu gastieren. Und wenn 2009 mit Uwe Eric Laufenberg ein neuer Intendant kommt, hoffe ich sehr, dass ich mit ihm eine freiere Form des Vertrags aushandeln kann.
 
Denken Sie, dass es jetzt Zeit ist, auf „frei beruflich“ umzusteigen?
 
Es ist sicherlich „hinderlich“, fest in einem Ensemble zu sein. Ich sehe zwar, dass ich seit ungefähr zwei Jahren in Opernkreisen wahrgenommen werde, aber wenn es dann heißt, der ist ohnedies im festen Engagement, der hat keine Zeit, fragen die Leute gar nicht erst an… Die Wiener Staatsoper hat mir nie den „Billy Budd“ angeboten, obwohl wir in Köln dieselbe Inszenierung von Willy Decker haben. Das ist natürlich ein Scherz. Ich freue mich, an der Volksoper zu sein.
 
Und Direktor Holender besucht oft Volksopern-Premieren und holt sich auch  Leute von dort…
 
Ja? Nun, ich habe jedenfalls viele Pläne, viele Rollen vor mir. Nächste Spielzeit singe ich in Köln, wie erwähnt, in „Capriccio“, „Butterfly“, erstmals den „Wildschütz“-Grafen und die Uraufführung von „Adrianas Fall“, bin also in vier der sieben Premieren dabei, ich komme für längere Zeit nach Wien, ich singe für den WDR in „Viktoria und ihr Husar“ – die Tenorpartie übrigens. Es gibt Leute, die erwägen, ob ich nicht überhaupt Tenorpartien singen könnte, aber ich denke, das ist zu gefährlich und wird ein Traum bleiben. Ich bleibe lieber ein hoher Bariton und wünsche mir für die nähere Zukunft Eugen Onegin, Pelléas, den Valentin, den Figaro-Grafen, dann die Verdi-Rollen, die mir passen… und am liebsten auch Musicals, um mein Temperament auszutoben.
 
Und wenn Sie frei schaffend unter den Opernhäusern der Welt wählen könnten, was würden Sie sich wünschen?
 
An der Wiener Staatsoper den Billy Budd zu singen, bei den Bayreuther Festspielen den Wolfram, in Paris den Pelléas, an der Scala den Marcello in der „Boheme“… und vieles mehr. Das alles strebe ich an, wenn die Stimme gesund bleibt.
 
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