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21. Jahrgang
April/Mai
2009
156
- - - - -
Anton Cupak
19.05.2009
09:50:29
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Interview, 05/2008: AIN ANGER, Wagners Sprache ist Musik
 
Foto: STO Wien
.
 AIN ANGER
 
„Wagners Sprache ist Musik“
 
Für Ain Anger, den jungen Bass der Wiener Staatsoper, ist heuer seine „Wagner-Saison“, mit Premieren-Aufgaben in der „Walküre“, den „Meistersingern“ und „Siegfried“. Als Fafner wird der nahezu zwei Meter große Este in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Wir haben darüber – und über vieles andere – mit ihm gesprochen.
 
 
Herr Anger, war es ein Schock für Sie, als man Ihnen sagte, dass sie als Fafner im zweiten Akt der „Siegfried“-Neuinszenierung ein paar Meter in die Höhe gefahren werden und von dort oben aus singen müssen?
 
Gar nicht, ich leide ja nicht unter Höhenangst. Ich denke, der Regisseur und die Techniker waren viel nervöser als ich, und bei der ersten Probe waren sie sehr vorsichtig. Ich bin dann ohne weiteres immer wieder auf und ab gefahren, das ist ja eine stabile Konstruktion. Als ich dann in der Zeitung ein Foto gesehen habe, wie gut das wirkt – man sieht sich ja selbst nicht! -, war ich eigentlich sehr froh. Der Fafner ist schließlich nur eine kurze Rolle, und wenn man am Ende wie ein Wurm auf der Bühne kriechen müsste, würde man vielleicht gar nicht wahrgenommen. Das kann mir in dieser Inszenierung nicht passieren…
 
Und dass Sie ihre schönen echten Locken unter einer Glatzenperücke verstecken müssen…
 
Das ist auch nicht so schlimm, das macht mir viel weniger aus als beispielsweise einen Bart zu kleben. Wenn ich weiß, dass ich eine „Bart-Rolle“ öfter singen muss, lasse ich ihn mir lieber selbst rechtzeitig wachsen. Und das passiert mir ja immer wieder, da ich offenbar auf ältere Männer und Väter spezialisiert bin. Im Grund bin ich dafür mit meinen 36 Jahren noch zu jung, und es ist mir schon passiert, als Daland beispielsweise, dass meine „Tochter“ um einiges älter war als ich. Man sagt mir auch, dass meine Stimme noch sehr jung klingt – aber das geht schließlich vorbei! Und je älter ich werde, umso mehr wachse ich in das Fach, das ich jetzt schon singe…
 
Sie haben jetzt wohl Ihre „Wagner“-Zeit: Den Pogner in den neu einstudierten „Meistersingern“, den Hunding und Fafner im neuen „Ring“. Und nächste Spielzeit werden Sie dann Ihren ersten König Heinrich im „Lohengrin“ und den Fafner im neuen „Rheingold“ singen…
 
Ja, und Daland, Titurel habe ich schon im Repertoire, den Landgrafen habe ich in Finnland schon gesungen, vielleicht kommt er auch noch in Wien, aber jetzt habe ich jedenfalls bald alle Wagner-Partien, die ich derzeit machen kann, durch. Was nicht heißt, dass ich eines Tages nicht auch noch etwas anderes anstrebe – auf jeden Fall den Gurnemanz, ich bin sicher, dass das meine Rolle ist, sie braucht nur sehr viel Zeit zum Arbeiten. Und auch den Hagen möchte ich unbedingt einmal singen und den König Marke. Anderes wie Wotan oder Holländer ist wohl definitiv zu hoch für mich.
 
Herr Anger, Sie kommen aus Estland, Sie leben erst seit sieben Jahren im deutschen Sprachraum, zuerst drei Jahre in Leipzig, nun seit vier Jahren in Wien – ist es nicht sehr schwierig für Sie, Wagner’schen Text zu lernen?
 
Eigentlich nicht, weil Wagner mich sehr interessiert. Ich beginne mit dem Text, ich lese ihn fast wie ein Gedicht, lasse mich vom Rhythmus der Sprache tragen, und ich finde, die klingt sehr gut. Wagners Sprache ist Musik, allein, wenn ich den Text lese, finde ich das Legato darin, und mit Musik ist es noch leichter. Wenn ich beim Singen spüre, dass ich eine Phrase forcieren muss, gehe ich zum Text zurück und merke, dass ich etwas falsch gemacht habe. Am Ende muss alles leicht klingen, so ist es vorgesehen. Und an der Staatsoper gibt es so vorzügliche Korrepetitoren, mit denen man die Rollen lernen kann, dass man sich als Sänger nichts Besseres wünschen kann.
 
Haben Sie immer genug Zeit, eine Rolle zu erarbeiten?
 
Das ist eine gute Frage, und im Grunde ist es ganz verschieden. Wenn man sechs Wochen vor der Premiere mit einer Rolle beginnt, fragt man sich nach zwei Wochen übermütig, was mache ich mit dem Rest der Zeit? Und hier kann man wirklich sehr, sehr gut lernen. Andererseits ist es mir in meinen Anfängen passiert, einfach so auf die Bühne geschickt zu werden, ohne irgendeine Art von Probe. Da zählt der „Rheingold“-Fafner, den ich in der vorigen Inszenierung auf diese Art gesungen habe, zu meinen schlimmsten Erinnerungen. Ich wurde auf die Bühne geschoben, musste singen, hatte überhaupt keinen Blick auf den Dirigenten, habe einen Monitor gesucht, hatte aber einen so riesigen, hinderlichen „Helm“ aus Gummi am Kopf, dass ich mich nicht drehen konnte… Am Ende habe ich wohl durchs Ohrenloch gesungen! Da muss man wirklich gute Nerven haben.
 
Gute Nerven braucht man vielleicht auch für Dirigenten. Sie haben jetzt mit Christian Thielemann in den „Meistersingern“ und Franz Welser-Möst im „Ring“ zusammen gearbeitet, sicherlich zwei der bedeutendsten Wagner-Dirigenten unserer Zeit. Worin besteht denn der Unterschied zwischen ihnen?
 
Thielemann ist sehr streng, ich hatte wirklich vor jeder Probe ein wenig Angst, was ich heute wieder falsch machen würde. Ich bin für ihn im Vorjahr als Titurel einfach eingesprungen, ohne Probe, aber jetzt den Pogner haben wir in jedem Detail erarbeitet. Er ist ein Perfektionist, der eine ganz genaue Vorstellung hat, wie er alles will, und er hat wirklich immer wieder einen Fehler gefunden. Trotzdem bin ich sehr froh, den Pogner mit ihm gemacht zu haben, trotz des enormen Drucks. Franz Welser-Möst ist ganz anders, lockerer, bei ihm gibt es mehr Spaß auf der Probe und viel weniger Stress, er lässt den Sängern auch mehr Freiheiten, ihre eigenen Ideen zur Rolle vorzubringen. Das ist natürlich angenehmer, aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag Thielemann und würde die Arbeit mit ihm nicht missen wollen.
 
Herr Anger, wie sind Sie eigentlich an die Wiener Staatsoper gekommen, und behagt Ihnen die Stellung eines so viel beschäftigen Ensemblemitgliedes?
 
Ich war in Leipzig engagiert, ich denke, Herr Holender hat mich in einer „Aida“ gehört, ich weiß aber nicht, ob als König oder Ramphis, ich habe beides gesungen, und dann kam über den Agenten die Aufforderung, in Wien vorzusingen. Der Vertrag, mich fest an das Haus zu binden, ist sehr gut für mich, hier kann man so viel lernen, und ich denke, es ist gut für einen Sänger, eine Weile irgendwo fest zu bleiben. Ich habe mein Repertoire hier in alle Richtungen erweitert, und dabei habe ich noch gar nicht alle Rollen gesungen, die ich studiert habe. Nächstes Jahr kommen neben König Heinrich und dem Fafner im „Rheingold“ noch der Gremin in der Premiere von „Eugen Onegin“, außerdem singe ich den Guardian in der „Macht“, den ich schon als Cover für die Erstbesetzung geprobt habe, erstmals auch den Zaccaria in „Nabucco“, der in meinen Augen die schwerste Basspartie von Verdi ist – und vielleicht sogar zu hoch für mich. Und dazu noch an „alten“ Rollen der Sarastro, der Basilio und was eben sonst noch kommt. Ich zähle die Abende nicht, wenn es zu viel wird, würde man es ohnedies sagen. Aber ich will ja singen, ich sage eigentlich immer ja.
 
Haben Sie eine Lieblingsrolle? Und in welcher Sprache singen Sie am liebsten?
 
Ich muss – wie viele Kollegen auch – sagen, dass ich immer die Rolle am liebsten habe, die ich gerade singe. Aber ich singe auch gerne das italienische Fach und mag beispielsweise den Philipp II. in Don Carlos sehr gern. In Wien singe ich ja nur die französische Fassung, aber in Leipzig habe ich auch den italienischen Philipp gesungen, und ich denke, jede Version hat etwas für sich. Der französische Philipp liegt höher und ist auch um einiges länger, und außerdem, das muss ich ehrlich sagen, mag ich die Inszenierung von Konwitschny sehr. Es war auch schön, den Vater in „Manon“ zu singen, man muss bloß immer aufpassen, dass das Französisch auch wie Französisch klingt… Wenn jetzt der Gremin kommt, ist das leichter, denn Russisch habe ich schon in der Schule gelernt. Damals habe ich es allerdings gehasst, es war meine schlechteste Note, aber später, als ich nach Riga kam und kein Lettisch sprach, war Russisch die einzige Möglichkeit, sich zu verständigen, und seither spreche ich es sehr gut. Übrigens möchte ich im „Boris“ nicht immer nur den Warlaam, sondern auch einmal den Pimen singen und vielleicht viel, viel später auch den Boris… Und was Deutsch betrifft – als ich nach Leipzig kam, sprach ich kein Wort. Ich dachte, ich würde eben einen Sprachkurs machen, aber dann war ich von früh bis spät in der Oper und hatte überhaupt keine Zeit dazu. Ich habe Deutsch gelernt wie ein Kind, indem ich in deutscher Umgebung gelebt habe. Und hier musste ich dann noch lernen, „Wienerisch“ zu verstehen – aber ich finde, das Deutsch, das in Österreich gesprochen wird, viel schöner als das Sächsische, es ist einfach melodiöser…
 
Wie lange läuft Ihr Wiener Vertrag?
 
Bis zum Ende der Direktion von Ioan Holender. Es gibt schon Gespräche mit Dominique Meyer, und abgesehen davon, dass man irgendwann etwas mehr Freiheit braucht, um anderswo zu gastieren, lebe ich sehr gerne in Wien und meine Familie auch. Meine beiden älteren Kinder, sie sind 10 und 8, gehen hier in die Schule. Es ist eine Stadt, in der man mit Familie sehr gut leben kann, das Angebot ist sehr groß. Und die Staatsoper ist ein unendlich wichtiges Haus für einen Sänger.
 
Sie haben neulich im Musikverein Ihren ersten Liederabend in Wien gegeben und dabei ein Raritätenprogramm inklusive Uraufführung gesungen.
 
Das ist glücklicherweise sehr gut gegangen. Ich hatte lange keine Lieder mehr gesungen, und habe mir gedacht, ich müsste das öfter mache, das ist doch etwas ganz anderes als das Singen auf der großen Bühne, da kann man ja echte Piani singen, ganz andere Klangfarben finden, das ist sehr schön. Ich habe neben Ibert und Mussorgsky auch die Uraufführung von drei Liedern des estnischen Komponisten Ülo Krigul gesungen. So wie Elina Garanca immer betont, dass sie aus Lettland kommt, so denke ich, dass ich schließlich auch meine Heimat Estland repräsentiere, das ist meine Kultur. Aber natürlich wäre es bei künftigen Liederabenden die wahre Herausforderung, gerade hier die „Winterreise“ zu singen, wo man mit den größten Interpreten verglichen wird. Ich hoffe, ich bringe damit, dass ich aus dem Norden komme, etwas Eigenes in die Interpretation hinein.
 
Erzählen Sie uns zum Abschluss noch, wie es dazu kam, dass Sie Sänger wurden, wo doch in allen Biographien, die von Ihnen kursieren, betont wird, dass Sie ursprünglich Pädagogik studiert haben?
 
Also, bei uns in Estland wird sehr viel gesungen, allerdings eher Lieder, nicht klassische Musik. Ich habe immer gesungen und habe immer den Wunsch in mir verspürt, das zu machen. Oder vielleicht auch Schauspieler zu werden. Aber als ich mit dem Gymnasium fertig war, gab es gerade keine Kurse, also habe ich gemeinsam mit meiner Schwester Mathematik und Physik studiert, um Lehrer zu werden, und ich bedaure das nicht, denn in der Welt, in der wir leben, ist das höchst relevantes Wissen, das ich auch an meine Kinder weitergeben kann. Mit 19 Jahren war ich erstmals in der Oper, in „La Traviata“ in Tallinn, und das war so schrecklich, dass ich dachte: Nein, das doch nicht. Aber, wie das Leben so spielt, drei Jahre später stand ich im Chor auf genau dieser Bühne, es gab Wettbewerbe, kleinere Rollen, größere Rollen, und plötzlich war bei allem, was ich tat, grünes Licht… Und so wurde ich Opernsänger.
 
Mit Ain Anger sprach Renate Wagner
 
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