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22. Jahrgang
Juli/August/Septemb.
2010
168
- - - - -
Anton Cupak
19.07.2010
13:35:40
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Interview, 06/2008: Erika SUNNEGARDH, In jeder Oper muss man neue Regeln akzeptieren...

 

 Im Gespräch: Erika Sunnegårdh
 
Die Leonore ist ihre erste große Rolle in einer Neuproduktion eines bedeutenden mitteleuropäischen Opernhauses. Es ist die Rolle mit der sie als Einspringerin für Karita Mattila an der Met zum Star wurde und die Partie, mit der sie in Milwaukee zuvor ihr Amerika-Debüt gab. Leonore ist also irgendwie eine besondere Figur in Erikas Leben. Die Oper Fidelio selbst zählt sie hingegen nicht unbedingt zu den großartigsten Werken der Opernliteratur. „Es ist ein bizarres Stück, schon allein, weil es sich um eine deutsche Oper mit einem Happy End handelt. Es ist eine tragische Geschichte, die enorme emotionale und geistige Tiefe erfordert. Die Wirkung des Finales wird nur durch den Kontrast der vorangegangenen düsteren Szenen erzielt. Der Zuschauer wird mit auf eine Reise genommen. Es ist eine außergewöhnliche Oper und für mich ist es erhebend, an dem Geschehen teilnehmen zu dürfen. Und ein klein wenig ist diese Oper auch Symbol für mein eigenes Leben geworden. Ich musste erst durch schwere Zeiten hindurch, bevor sich der Erfolg einstellte. Man muss hart für sein Glück arbeiten. Es kommt nicht einfach von selbst auf einen zu.“
 
Wie die späteren Rezensionen gezeigt haben, war die szenische Darstellung in Frankfurt nicht unumstritten. Erika Sunnegårdh findet, dass das Werk am Main viel psychologischer angelegt ist, als es die eher konventionelle Produktion an der Met war. Die hiesige Aufführung ist sehr viel abstrakter und kein bisschen kitschig, was vom Publikum eine höhere Vorstellungskraft erfordert und der Sopranistin sehr gut gefällt. „In jeder Oper muss man neue Regeln akzeptieren. Auf der Opernbühne ergibt eins plus eins nicht zwangsläufig zwei. Ob eine Vorstellung ein Erfolg wird, hat sehr wenig mit den Referenzen des Regisseurs zu tun, vielmehr läuft ein organischer Prozess ab. Einerseits muss der Regisseur ein gutes Konzept haben, welches exakt zu dem jeweiligen Stück passt. Andererseits muss die Chemie zwischen den Darstellern und dem Regisseur stimmen. Ich glaube, manchmal entstehen Erfolgsproduktionen schlicht aus purem Glück. Natürlich gibt es auch eine handvoll Regisseure, die grundsätzlich tolle Inszenierungen hinbekommen, aber sie sind wirklich die Ausnahme.“
 
Eine Operninszenierung ist immer eine Gemeinschaftsarbeit, bei der alle Beteiligten ihre Ansichten mit einbringen. „Ich habe stets einen großen Drang dazu, meine Meinung kundzutun. Ich habe in vielen Restaurants gekellnert und drei Jahre in einer Bank gearbeitet. Hier hatte ich immer das Gefühl, mich zurücknehmen zu müssen. Aber jetzt, wo ich in der Oper arbeite und ständig von lauter verrückten Leuten umgeben bin, kann ich mich endlich ausleben!“
 
Wenn es zum Stück passt, gibt es nichts, was die Sängerin grundsätzlich ablehnen würde. Die Salome an der Florentine Opera in Milwaukee beinhaltete zum Beispiel auch eine Nacktszene, mit der Erika selbst keine Probleme hatte. Es waren eher die Kollegen, die das Gefühl hatten, sie zum Beispiel durch Abdunkeln des Lichts beschützen zu müssen. „Als Leonore würde ich aber niemals nackt auf die Bühne gehen. Es kommt immer auf die Situation an und muss zum Ganzen passen.“
 
Tatsächlich steht Erika Sunnegårdh noch gar nicht so lange auf der Opernbühne. Oft musste sie sich fragen, ob sie von dem Geld, das ihr zur Verfügung stand, die Miete oder nicht doch lieber den Gesangsunterricht bezahlen sollte. Macht dieser Umstand das erfolgreiche Debüt an der Met nicht noch unglaublicher? Ein großer Artikel in der New York Times und die Tatsache, dass die Vorstellung über Radio von zehn Millionen Hörern mitverfolgt werden würde, machten den Auftritt schon vorab zu einem großen Ereignis. „Das größere Wunder war für mich , dass ich zwei Jahre zuvor überhaupt dieses Engagement erhalten hatte. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt absolut keine Opernerfahrung vorzuweisen hatte, engagierte man mich als Cover für einige kleinere Rollen und auch als Turandot und Leonore. Regulär hätte ich nur eine einzige Vorstellung des Fidelio singen sollen, die ohne große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zwischen den Vorstellungen mit Mattila stattfinden sollte. Wie es der Zufall wollte, kam es ganz anders.
Es hat Vor- und Nachteile, so stark im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Im Operngeschäft ist es nicht zwangsläufig positiv mit solch einem Aufsehen zu starten, weil einem dann keine Entwicklung mehr zugestanden wird. Es gibt auf einmal nur noch schwarz und weiß. Entweder man ist großartig oder man ist schrecklich, aber niemand berücksichtigt mehr, dass der Sänger sein Rollenportrait noch weiterentwickeln könnte. Natürlich öffnet einem solch ein Erfolg viele Türen und inzwischen genieße ich das großartige Privileg, Vorsingen zu bekommen, wo immer ich möchte. In Hinblick auf die Akzeptanz in der Öffentlichkeit war mein Debüt grandios. Mit diesem Auftritt habe ich die Massen begeistert. Unter diesem Gesichtspunkt war der Abend ganz einfach ein Geschenk Gottes. Bewegender und begeisternder hätte es gar nicht werden können.“
 
Die fünfzehn Jahre davor hatte Erika sich hauptsächlich durch Kellnern ihr Geld verdient und regelmäßig in einer Kirche gesungen. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren hatte sie zwar schon diese große Stimme, wusste aber noch nicht, wie sie sie beherrschen sollte. „Ich war damals wie ein Elefant im Porzellanladen. Als ich an der Met debütierte, war ich bereits 38 Jahre alt. Es gab viele Momente in denen ich an mir zweifelte. Ich war auch oft frustriert, aber wusste immer, dass meine Stimme eine gute Stimme ist. Ich war eher frustriert, weil ich so lange brauchte, um zu lernen mit diesem Instrument umzugehen. Mit Ausnahme von zwei oder drei Leuten sagte jeder:  wenn Du es nicht bald schaffst, dann wirst Du es nie schaffen. Glücklicherweise habe ich auf die wenigen gehört, die mich darin bekräftigt haben, durchzuhalten.“  Das Operngeschäft, das von jungen Stimmen und neuen Stars wie besessen ist, birgt für Nachwuchskünstler große Gefahren. Es ist sehr schmeichelhaft, wenn man als junger Sänger tolle Rollen angeboten bekommt. Doch oft schädigen Künstler ihre Stimme dauerhaft, indem sie zu früh zu anspruchsvolle Partien singen. Nur wenige besitzen die Stärke, verführerische Angebote abzulehnen. „So gesehen kann ich mich wirklich glücklich schätzen, dass ich in dem Alter noch nicht gut gesungen habe. Da ich keine Angebote bekam, kam ich auch nicht in Versuchung, sie anzunehmen.“
 
Der offizielle Grund, warum Erika vor 22 Jahren von Stockholm nach New York zog, war eine Modern Dance Ausbildung, welche die Künstlerin aber sofort wieder aufgab. Aus heutiger Sicht was es wohl eher eine Flucht aus der konservativen Umgebung, in der die Sopranistin aufgewachsen ist. „In Schweden wäre es undenkbar gewesen, fünfzehn Jahre Gesang zu studieren ohne zu einem Erfolg zu gelangen. In New York hat nie jemand meine Fähigkeiten negativ beurteilt, nur weil ich mir Geld in einem Restaurant verdient habe. In Schweden wäre ganz klar gewesen: Arbeitet in einem Restaurant - wird wohl nicht singen können.“
 
Erikas Eltern sind in ihrem Heimatland bekannte Gesangslehrer. Ihr Vater war sogar der letzte Lehrer von Birgit Nilsson. Ihr Bruder Thomas ist Heldentenor und ihre Schwägerin Katarina Dalayman ist ebenfalls seit Jahren als Sängerin erfolgreich im Geschäft. „Wäre ich mit 25 zu einem Vorsingen nach Schweden gekommen, hätte sofort das ganze Land gewusst, wie schlecht ich war. Erst als ich hundertprozentig sicher war, dass ich Erfolg haben würde, habe ich mich zu Vorsingen in Schweden entschieden. In Malmö hatte ich schließlich mein Debüt auf einer Opernbühne überhaupt. Seitdem sind dort sowohl die Presse, als auch die Kollegen und das Publikum sehr positiv gestimmt. Alle waren so stolz auf mich und so süß zu mir.“
 
Erika selbst vergleicht ihre Stimme mit einer Sanduhr. Jeder von uns kennt eine Sanduhr, aber ist es nicht recht schwierig sich vorzustellen, wie das klingen soll? „Ich habe eine reiche Bruststimme, meine Mittellage ist sehr lyrisch, und meine Höhe blüht richtig auf. Es ist wie bei einer altmodischen Strauss- oder einer historischen Belcanto-Stimme. Für meine Mittellage werde ich vermutlich mein ganzes Leben lang kritisiert werden, aber es ist mir egal! Unabhängig voneinander haben mir zwei sehr berühmte Dirigenten gesagt: Egal was passiert, lassen Sie sich von niemandem einreden, Ihre Art die Mittellage zu singen, zu verändern. Lassen sie stattdessen einfach die Dirigenten das Orchester leiser spielen. Wenn die nicht in der Lage dazu sind, dann ist es deren Problem.
Stellen Sie sich mal ein bewegliches Aquarium vor, in dem eine Welle auf und ab schwappt. Es ist ein feststehender Anteil Wasser in dem Behälter, in dem es eine obere und eine untere Begrenzung gibt. Das werden Sie nie schreiben können, da müssen Sie unbedingt ein Diagramm zeichnen...“ (lacht) „Wenn am Boden sehr viel Wasser ist, wird es keine hohe Höhe geben. Wenn aber sehr wenig Wasser am Boden ist, können Sie im Verhältnis eine tolle Höhe erreichen. Überträgt man dieses Modell auf die menschliche Stimme, hieße das: wenn ich die Mitte verstärken würde, würde ich an Höhe verlieren.“ So scheint es nicht besonders klug zu sein, die Lautstärke in der Mittellage mit Gewalt erhöhen zu wollen. Mit der Zeit wird die Stimme ohnehin größer, so dass man sich besser auf eine gute Technik konzentrieren sollte, anstatt den Anspruch zu haben, in jedem Register die größtmögliche Lautstärke zu erzielen. „Jede Stimme hat ihre Stärken und auch ihre Schwächen, aber manchmal sind es gerade die so genannten Schwächen, die sie schön erscheinen lassen.“
 
Im Moment liegen die Repertoire-Schwerpunkte auf Turandot, Fidelio und Salome. Kürzlich hat Erika Sunnegårdh Elettra in Idomeneo gesungen, demnächst kommen noch Senta (in Atlanta) und Tosca (New Orleans) hinzu. Auch zeitgenössischer Oper gegenüber ist sie aufgeschlossen. So steht im September die Welturaufführung von Jonas Forssells „Der Tod und das Mädchen“ in Malmö auf ihrem Terminkalender. „Im Grunde würde ich mich als Strauss-, Verdi-, Puccini - Sänger bezeichnen. In dieser Reihenfolge. Ich bin sehr froh darüber, dass ich auch für italienische Stücke engagiert werde, was für schwedische Sänger ziemlich ungewöhnlich ist. Lady Macbeth wird im Dezember 2009 mein erster Auftritt an der Wiener Staatsoper werden. Mir macht Einspringen nichts aus, aber es ist natürlich großartig, in Wien an einer Neuproduktion mit komfortabler Probenzeit beteiligt zu sein. Das bislang größte künstlerische Erlebnis, das mir widerfahren ist, ist allerdings Salome. Ich liebe Salome! Die Rolle passt mir wie angegossen. Ich werde sie im März 2009 an der Welsh National Opera und danach in Barcelona singen.“
 
An der Arbeit als freischaffende Künstlerin genießt es Erika, immer wieder neue Leute kennen lernen zu dürfen. Gleichzeitig ist der Abschied von ihnen das, was sie am meisten an ihrem Beruf hasst. Da ihre Auftritte in Europa zunehmen, denkt sie momentan darüber nach, sich eine Zweitwohnung in Europa anzumieten. Ein kleines Haus in Italien, in der Nähe eines gut organisierten Flughafens, käme in die engere Wahl.
 
Der Oper sagt man oft nach, sie sei eine Kunstform für das Museum. Dem widerspricht Erika Sunnegårdh aber vehement: „Wenn die Qualität stimmt, kann Oper über die Multimediakanäle neue Interessenten erreichen. Ich habe auch in Stadien und in Fernsehsendungen gesungen und dort Leute erreichen können, die noch nie zuvor in die Oper gegangen sind. Sie waren begeistert davon, wie schön und aufregend diese Musik sein kann. Sie ist sehr bewegend und kann Leuten gut tun. Es ist eine Art chemische Reaktion, von der man high werden kann. Wir sollten uns darauf konzentrieren, Leute zu begeistern, die noch nichts von Oper wissen!“ Einer ihrer zahlreichen Fernsehauftritte führte Erika als Gast in die populärste Unterhaltungsshow in Schweden. Sonst mit Showstars wie David Bowie oder Tina Turner gerüstet, war es in dieser Sendung an Erika, die Zuschauer mit zwei Arien musikalisch zu begeistern. Die Rechnung ging auf und auch die Hälfte aller zu gewinnenden Preise hatten diesmal mit Oper zu tun. Angefangen von der Eintrittskarte bis hin zur einwöchigen New York Reise, inklusive Besuch einer Turandot-Aufführung und Führung hinter die Kulissen durch Frau Sunnegårdh persönlich. „Eines der Gewinnerpaare kam aus Schwedens kleinstem Dorf. Die beiden sind vorher weder in der in der Oper noch in New York gewesen. Sie waren von allem so fasziniert, dass sie mich an Kinder in einem Süßigkeiten – Laden erinnerten. Die Frau hatte das Geschenk, welches sie mir gekauft hatte, im Hotel vergessen. Da nahm sie ihre Kette ab und schenkte sie mir. Diese spontane Reaktion von ihr hat mich so beeindruckt, dass ich die Kette seitdem täglich als Talisman trage.“
 
Marc Rohde, Juni 2008
 
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