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INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR IND BELEUCHTER CAETANO VILELA IN MANAUS (18.4.2008, Dr. Klaus Billand)
„Das Licht muss dramaturgisch wirken “
Anlässlich meines Besuches des XII. Amazonas Opernfestivals (FAO) in Manaus/Brasilien (Berichte in diesem Heft), konnte ich endlich meinen länger gehegten Wunsch realisieren, ein Interview mit dem Beleuchter und Regisseur Caetano Vilela aus São Paulo zu machen. Schon bei meinem ersten Besuch des FAO 2002 zur „Walküre“ und in den Jahren danach war Caetano mir als begabter und fantasievoller Beleuchter aufgefallen. Er führte 2007 u.a. auch Lichtregie für den „Fliegenden Holländer“ in der Regie von Christoph Schlingensief beim XI. FAO in Manaus und war damit wesentlich am Erfolg dieser bemerkenswerten Produktion beteiligt. Seit einigen Jahren hat sich Caetano Vilela auch dem Regie-Handwerk zugewandt und hier ebenfalls bedeutende Erfolge erzielt. Es gab also nun genug Stoff für ein Gespräch, das ich während seiner Beleuchtungsproben zu „Ariadne auf Naxos“ im Teatro Amazonas führte.
Seine Anfänge und Erfahrung
a) Als Schauspieler: In São Paulo geboren und lebend, begann Caetano seine professionelle Laufbahn mit 18 Jahren als Schauspieler in der Theatergruppe Boi Voador („Fliegender Ochse“). Mit 11 Jahren war er schon in die Oper gegangen, die ihn nicht mehr losließ. Es folgten Engagements beim Teatro em Quadrinhos und der Grupo Macunaima. Auch arbeitete er als Schauspieler, Regieassistent und Beleuchter der Cia. Dry Opera unter der Leitung von Gerald Thomas, einem enfant terrible der brasilianischen Theater- und Opernszene (u.a. inszenierte dieser 2004 in Rio de Janeiro einen skandalumwitterten „Tristan“, über den der Merker berichtete). In Kursen, Workshops und Vorträgen studierte Caetano Vilela u.a. Método Lee Strasberg, Modernen Tanz, Klassisches Ballett bei Ariane Mnouchikine, Judith Malina (Living Theatre), Suzuki, Kazuo Ohno, Grotowski, Jacques le Qoq, Glorinha Beutmüller u.a.
b) Als Beleuchter: Mit der Teilnahme am Amazonas Opernfestival in Manaus und seiner Arbeit am Theatro Municipal do Rio de Janeiro sowie dem Teatro Municipal de São Paulo gewinnt sein Name in der Welt der Oper als Beleuchter an Bedeutung. In über 20 Opern war Caetano für die Beleuchtung verantwortlich, darunter „Otello“ und „Nabucco“; „Die Zauberflöte“, „Figaros Hochzeit“ und „Don Giovanni“; in der Regie von Aidan Lang in Rio und Manaus „Manon“, „Sonnambula“ und den „Ring des Nibelungen“ bis auf „Das Rheingold“; „Der Liebestrank“, „Hoffmanns Erzählungen“, „La Voix Humaine“, „Carmen“, „Norma“, „La Cenerentola“; „Il Guarani“, „Odaléa/Condor“ und „Colombo“ von Carlos Gomes, aber auch den „Feuervogel“ und Freiluftinszenierungen im Rahmen des FAO, wie „Cavalleria Rusticana“, „Bajazzo“ und „Aida“. Und natürlich ist Schlingensiefs „Holländer“ 2007 in Manaus nicht zu vergessen. Allein diese Auswahl dokumentiert schon Caetanos weitgefächertes Interesse an und Kenntnis der Opernarbeit.
c) Als Regisseur: Im Oktober 2002 übernimmt Vilela seine erste Opernregie mit der „Carmen“ beim FAO Manaus, im Jahr darauf „Bajazzo“. Seine Regiearbeit beim FAO gipfelte vorläufig in seinen Inszenierungen von „Ça Ira“ und „Ariadne auf Naxos“ im laufenden Jahr.
In erster Linie Beleuchter - seine Inspirationen
Die visuelle Inspiration für sein Verständnis von Beleuchtung auf der Opernbühne bezieht Caetano v.a. von Adolphe Appia und Gordon Craig. „Das Licht muss dramaturgisch wirken. Ich analysiere das Stück vom Licht her. Es kommt ihm fast eine Bedeutung wie dem Libretto zu. Wenn ich das Libretto lese, stelle ich mir vor, was ich mit dem Licht dazu sagen kann.“ Dies ist sein Credo, und es klingt überzeugend und nachvollziehbar, wenn man die hohe Professionalität seiner Lichtregie erlebt hat. Erst einmal definiert er den Raum, in dem er mit dem Licht arbeiten wird. So war bei der „Ariadne“ in Manaus z.B. wichtig, die beiden Gruppen in ihren Raumaktionen erst einmal zu definieren, um die Beleuchtung genau darauf einzustellen. „Erst zuletzt kommt die Beleuchtung der Akteure selbst.“ Dabei ist es ihm unglaublich wichtig, nie den Ton ihrer Hautfarbe zu verändern - ihre Persönlichkeit soll möglichst natürlich erhalten bleiben. So arbeitet er auch lieber mit ihren Schatten als sie frontal anzuleuchten. Im Prinzip kommt er immer mehr dahin, weniger auszuleuchten und dunkle Töne zu wählen. „Ich liebe nicht allzu viel Farbe in der Beleuchtung, stattdessen mehr Intensität mit weißem, ja sogar kaltem Licht.“ Er bewundert Robert Wilson, von dem übrigens Anja Silja in einem Interview in der Londoner Wigmore Hall vor wenigen Jahren sagte, er sei der beste Beleuchter seit Wieland Wagner.
Wie steht es mit der Zusammenarbeit zwischen Beleuchter und Dirigent?
Die Kooperation mit dem Dirigenten ist für Caetano außerordentlich wichtig und beginnt gleich zu Anfang seiner konzeptionellen Überlegungen. Meist weiß er etwa acht Monate im voraus, welche Arbeit er bekommt, und so hat er in der Regel ausreichend Zeit, Libretto und Partitur zu studieren, wobei er auch Noten lesen kann. Dazu gibt es eingehende Besprechungen mit dem Dirigenten, vor allem darüber, wie Caetano das Licht auf der Szene einsetzen will, wobei er ihm eine erklärende Rolle zuweist.
Wie steht er zu Multimedia auf der Opernbühne?
„Da muss man sehr aufpassen.“ Die Laser-Technik kommt aus den Rock Shows und wurde noch in den 70er Jahren als Kitsch eingestuft, meint Caetano Vilela. Erst als sie mit dem „Lohengrin“ durch Werner Herzog in Bayreuth Einzug hielt, war sie in der Oper akzeptiert. „Ihre Effekte erschöpfen sich schnell, man kann Laser nur für wenige Minuten einsetzen, wenn man eine nachhaltige Wirkung erzielen will.“
Schon mehr Optionen sieht er beim Medium Video. „Moderne Produktionen benötigen das Video. Videoeinspielungen erweitern sehr die gestalterischen Möglichkeiten und damit auch die Wirkung eines Stücks.“
Filme sind nur bedingt hilfreich, da sie zu sehr interferieren können. Wenn man sie verwendet, sollte dies immer in einem klaren dramaturgischen Kontext geschehen.
Und dazu noch: „Lichtquellen sind manchmal auch Bildquellen…“
„Auf der Bühne des Teatro Amazonas muss der Beleuchter alle Scheinwerfer noch von Hand einstellen, keiner bewegt sich von allein wie an großen Bühnen.“
Als Regisseur beim XII. Amazonas Opernfestival Manaus
Zuerst ist eines klar: Wenn immer Caetano als Regisseur tätig wird, ist er auch Beleuchter. Als ich ihn nach seiner Lichtregie für „Ça Ira“ von Roger Waters beim XII. FAO anspreche, meint er, dass seine Gestaltungsmöglichkeiten mit einer ausgefeilten Lichtregie hier etwas eingeschränkt waren. Aufgrund der vielen Massenszenen und der ständig wechselnden Schauplätze war kaum Abstraktion möglich. Diese fordert den Beleuchter auf besondere Weise heraus und bietet viel mehr Möglichkeiten zur Gestaltung. So optierte er bei der Inszenierung von Roger Waters in erster Linie für eine schlüssige Bühnenregie und wies der Lichtarbeit den zweiten Platz zu. „Hingegen eignen sich „Tristan und Isolde“ sowie „Werther“ ganz besonders für eine dezidierte Lichtregie.“
Zum Schluss eine Anekdote
Als der Beleuchter Werner Herzogs für dessen „Tannhäuser“-Produktion 2001 in Rio de Janeiro aus Italien nicht eintraf, war Caetano der einzige Beleuchter, den man auf die Schnelle fand. Es war nahezu unmöglich, Herzogs Beleuchtungsvorstellungen mit der in Rio zur Verfügung stehenden Ausstattung zu realisieren, selbst wenn man jene von São Paulo dazu genommen hätte. Caetano erarbeitete einen Vorschlag, erbat sich aber freie Hand von Herzog in der Realisierung seiner Lichtregie. Als einziger Brasilianer wurde er so in die Kreativ-Equipe übernommen, und das Experiment geriet zur vollen Zufriedenheit des Regisseurs.
Ich wünsche diesem vielseitig interessierten und ebenso versierten wie fantasievollen Kenner der Lichtregie auf der Opernbühne weiterhin viel Erfolg, vielleicht auch einmal in Europa, wo er, wenn er dort wohnte, sicher schon lange „im Geschäft“ wäre. Durch seinen kompetenten Einstieg in das Handwerk der Openregie in Verbindung mit seiner hohen Qualifikation als Beleuchter eröffnen sich nun vielleicht eher neue Perspektiven für den ebenso sympathischen wie bescheidenen Künstler Caetano Vilela.
Das Interview wurde in portugiesischer Sprache geführt.
Klaus Billand |