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Merker 2002-2007
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18. Jahrgang
Dezember /Januar
2007/2008
140
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Anton Cupak
31.12.2007
09:59:11
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Interview, 12/2008: Boaz DANIEL, Ich bin nicht ungeduldig
Gespräch mit Boaz Daniel
 
„Ich bin nicht ungeduldig“
 
In seinem zehnten Jahr an der Wiener Staatsoper sang Boaz Daniel in der Premiere der „Götterdämmerung“ den Gunther. Künftig wird er weniger am Haus sein und öfter gastieren – aber Wien soll für den Israeli der Lebensmittelpunkt bleiben. Das wünscht er sich über die Ära Holender hinaus
 
 
 
Herr Daniel, Sie haben am 23. Oktober 1998 an der Wiener Staatsoper debutiert. Haben Sie Ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert? Und sind Sie zufrieden, wenn Sie auf diese Jahre zurück blicken?
 
Ich fürchte, ich habe dieses Datum wirklich vergessen. Und was die Rückschau betrifft – ja, ich bin sehr zufrieden. Ich bin direkt vom Konservatorium an die Wiener Staatsoper gekommen, hier geblieben  und habe mich von Nebenrollen zu Hauptrollen hinaufgearbeitet. Wenn man behaupten will, dass eine Karriere nicht unbedingt schnell, sondern richtig gemacht werden soll, dann könnte mein Fall ein Beispiel dafür sein.
 
Nun waren Sie in Ihrem zehnten Jahr in der Premiere der „Götterdämmerung“ der Gunther, und das ist wohl eine der kläglichsten Gestalten, die Wagner geschaffen hat?
 
Ehrlich: Ich finde ihn gerade deswegen interessant, weil er so eine Unglücksfigur ist. Einfache Charaktere oder durchaus positive und glückliche sind weniger interessantGunther ist der Herrscher, möchte diesem Bild entsprechen, hat aber keine Ahnung,  wie man das macht. Er ist schwach und hält sich an Hagen, dem er nichts Böses zutraut, bis er eines Besseren belehrt wird. Gunther selbst ist nicht böse im einfachen Sinne des Wortes - er verirrt sich in seinem Schicksal.
 
Aber auch Gunther will den Ring, als er ihn an Siegfrieds Leiche sieht.
 
Mir scheint, dass der Ring eine eigene Macht hat, die nicht zuletzt darin besteht, dass jeder ihn besitzen will. Aber Gunther geht es nicht so sehr um Macht, als um Ruhm – darum ist es ihm ja so wichtig, Brünnhilde heimzuführen. Das alles stimmt in meinen Augen. Ich bin ein großer Wagner-Fan, aber die „Götterdämmerung“ liebe ich besonders, ich finde das Stück so spannend und die Geschichte so gut! Es ist doch in der Oper oft so, dass die Musik immer wieder unter einer schwachen Geschichte leidet. Aber die „Götterdämmerung“ – da stimmt alles, auch in der Musik, da gibt es keinen überflüssigen Takt.
 
Welser-Möst wurde ja für seine Interpretation sehr gerühmt.
 
Und zu Recht, wie ich finde, er hat das besonders gut gemacht, er realisiert nicht unbedingt die Schwere der Musik, bei ihm ist sie frisch, sogar spitzig, dabei verzichtet er weder auf Tiefe noch auf reichen Klang. Seine Interpretation ist von Schwung und  Spannung geprägt und weniger von Pathos. Das Publikum ist angemessen begeistert nach der Vorstellung und fragt sich nach fünfeinhalb Stunden: "Was? Ist es schon zu Ende?"
 
Welser-Möst ist ja nun auch die Zukunft der Wiener Staatsoper. Sie sind voll und ganz ein „Produkt“ der Ära Holender. Wie wird es nachher für Sie weitergehen?
 
Mein fester Vertrag endet mit der nächsten Spielzeit. Aber ich mag Wien und möchte weiter hier zuhause sein. Meinen Agenten habe ich gebeten, so zu agieren, dass es mir möglich ist, weiterhin mehrere Monate lang im Jahr hier zu bleiben. In den letzten Jahren habe ich langsam, aber sicher mehr und mehr Engagements außerhalb von Wien bekommen. Ich freue mich natürlich auf diese Gastspiele, aber dazu muss ich sagen, dass ich ungern reise! Wenn man als Sänger reist, tut man es ja nicht wie ein Geschäftsmann, für drei oder vier Tage, sondern man muss sich oft sechs oder acht Wochen, wenn nicht mehr, in einer fremden Stadt niederlassen, im Hotel oder in einem Apartment wohnen, dann wieder weiter, das ist hart. Aber natürlich ist es Teil des Berufs, zumal, wenn man dann frei schaffend ist.
 
Sie sagen, Ihr Fall sei wie kein anderer. Haben Sie vor Wien wirklich noch nirgends gesungen?
 
Doch, ein paar kleine Rollen in Israel, an der Oper von Tel Aviv, während meines dortigen Gesangsstudiums. Meine Familie und Freunde waren völlig dagegen, dass ich meinen Beruf beim israelischen Militär und als Computerfachmann aufgegeben habe, aber ich wusste, dass mich das einfach nicht ein ganzes Leben interessieren kann. Die Musik hingegen schon. Wobei ich, als ich in die unsichere Welt der Oper hineinging, glücklicherweise keine Ahnung hatte, wie gering die Chancen sind und wie viel Glück man braucht, um es zu schaffen... Ich habe in Israel studiert, meine Lehrerin war eine Schülerin von Hilde Zadek, und dann kam ich nach Wien, ursprünglich um bei Walter Berry zu studieren, den ich so bewundert habe. Und er hat wirklich alle meine Erwartungen erfüllt, abgesehen davon, dass er ein so liebenswürdiger und faszinierender Mensch war. Mein Studium habe ich mir damit verdient, dass ich beim Sicherheitsdienst der EL AL am Flughafen gearbeitet habe.
 
Und wie kamen Sie an die Staatsoper?
 
Ich habe Glück gehabt. Mein Vorsingen fand am 30.Juni 1998 statt. Das war der allerletzte Tag der Spielzeit. Damals haben gerade zwei Baritone die Staatsoper verlassen und Direktor Holender brauchte ziemlich dringend jemanden. Ich habe in meiner Karriere nicht viele Vorsingen gemacht und bin bei solchen selten gut. Auch in diesem Vorsingen, wahrscheinlich das wichtigste in meiner bisherigen Karriere, war ich nicht besonders gut.  Nach zwei Arien lies mich Direktor Holender noch ein Paar Vokalisen machen, und ich kann mich noch an sein Gesicht erinnern, als er halb widerwillig sagte: "Na ja, ok, engagiert." … Und im Oktober stand ich als Herold in „Herodiade“ erstmals auf der Bühne der Wiener Staatsoper.
 
Und war es für Sie richtig?
 
Unbedingt. Sie wissen ja, wie das ist: Jeder warnt einen, rät ab, sagt, man werde ausgenützt, man verschwinde im Ensemble, man solle lieber an ein kleines Haus gehen. Mag sein. Aber ich bin von Holender völlig richtig geführt worden. Er wird für manches kritisiert, aber von Sängern, Stimmen und Opernrollen versteht er viel, wahrscheinlich mehr als jeder andere. Ich weiß nicht, ob es noch einen Operndirektor gibt, der es so genau weiß, was ein Sänger wann singen kann und soll. Wir hatten Gespräche über Rollen, und ich war nicht immer einverstanden mit dem, was er sagte, aber er hat immer Recht behalten. Ich erinnere mich noch, wie ich, im dritten oder vierten Jahr im Ensemble, kam und mir einbildete, ich müsse den Pizarro singen. Er hat mich schimpfend aus seinem Büro rausgeschmissen - ich war sehr enttäuscht und erst viel später musste ich einsehen, dass ich mich auch dafür bei ihm bedanken muss.
 
Aber Sie haben tatsächlich lange Zeit sehr kleine Rollen gesungen.
 
Nein das stimmt nicht. Ich habe mit kleinen Rollen begonnen aber schon ab dem zweiten Jahr habe ich auch mittelgrosse Partien gesungen. Ich habe das Gefühl, dass ich im Laufe meiner Entwicklung, in der ich mittendrin stecke, immer die Rollen gesungen habe die für mich richtig waren. Das bringt ja nichts, wenn ein Sänger eine Partie singt, für die er technisch bzw. stimmlich noch nicht bereit ist. Das ist weder im Interesse des Sängers noch des Opernhauses.
 
In welche Richtung wollen Sie nun gehen? Sie haben einerseits den Grafen im „Figaro“ gesungen, andererseits auch den Kurwenal, Verdi, Französisches und Russisches…
 
Ja, und ich möchte mich nicht einengen, deutsches und italienisches Repertoire sind kein Widerspruch. Ich werde in zwei Jahren in Barcelona den Amfortas singen und nächstes Jahr in Turin den Wolfram unter Daniele Gatti, ich denke, dann habe ich die Wagner-Rollen durch, die ich singen kann. Ich weiß, dass ich nie ein Wotan, Holländer oder Sachs sein werde – ich denke, eine der häufigsten Krankheiten, unter der Künstler leiden, besteht darin, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. In Chicago steht dann der Carlos in „Ernani“ bevor, den Posa habe ich schon in Tel Aviv gesungen, in Frankfurt den Renato – Verdi war ja wirklich großzügig zu uns Baritonen. Und der Escamillo steht an der Deutschen Oper Berlin bevor, wo ich schon den Enrico in der „Lucia“ gemacht habe, der jetzt auch in Wien kommt.
 
Das heißt, das Reisen wird doch häufiger werden. Und was steht in Wien in der nächsten Spielzeit bevor?
 
Das kann ich noch nicht sagen. Es gibt so viele wunderbare Rollen die ich schon jetzt singen könnte, und andere die ich hoffentlich in der Zukunft singen würde - wie etwa Scarpia oder die großen Verdi-Bariton-Rollen. Ich bin auch ein ganz großer Bewunderer von Alban Berg, und es wäre wunderbar, einmal den Dr. Schön und den Wozzeck zu singen. Aber das kann warten. Wie gesagt, ich bin nicht ungeduldig.
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Dr. Renate Wagner
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