Heute ist alles leichter als früher
Heuer im Mai wird Ferruccio Furlanetto seinen 60. Geburtstag feiern – kein Alter für einen Bass, schon gar nicht für jemanden, der sich in seiner Stimme und seiner Haut so wohl fühlt wie dieser Künstler, der Wien gerade wieder mit seinem grandiosen Boris Godunow begeistert hat.
Mit Ferruccio Furlanetto sprach Renate Wagner. Das Gepräch fand in englischer Sprache statt.
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Herr Kammersänger, Sie haben zur größten Begeisterung des Publikums wieder ihren großartigen Boris Godunow an der Wiener Staatsoper gesungen. Gibt es noch andere italienische Sänger, die sich wie Sie in dieser russischsten aller Rollen versucht haben? Und ist die Sprache nicht ein ganz großes Problem?
Natürlich haben italienische Kollegen den Boris gesungen, Ruggero Raimondi zum Beispiel, in früherer Zeit Nicola Rossi-Lemeni, auch Ezio Pinza oder Cesare Siepi, die beiden Letztgenannten allerdings, glaube ich, auf Englisch. Mir bereitet die russische Sprache keinerlei Schwierigkeiten, im Gegenteil, sie ist für das Singen so wundervoll wie die italienische, sie basiert auf Vokalen und sie ist unendlich ausdrucksreich, wenn es darum geht, Gefühle zu vermitteln. Ich denke, eine – wenn man es so nennen will – „mediterrane“ Stimme wie die meine passt sehr gut zu dem „Boris“.
Wie kam es überhaupt, dass Sie sich für diese Rolle interessiert haben?
Es begann wohl schon damit, dass ich mit Alexis Weissenberg einen Liederabend mit Werken von Rachmaninoff und Mussorgskij gegeben habe, das war sozusagen die „Anticamera“ für den „Boris“. Und dann habe ich ihn zum ersten Mal 1999 in Rom gesungen, in einer prachtvollen Inszenierung von Piero Faggioni. Es ist sehr wichtig, dass man eine Rolle das erste Mal im „richtigen“ Rahmen erarbeitet, und mir erscheint hier der traditionelle Weg der richtige. Die Wiener Aufführung, die wir hier haben, sieht aus, wie heutzutage die meisten modernen Inszenierungen – leere Bühne, nicht schön, nicht hässlich, einfach gar nichts. Es war eben erst beim „Don Carlo“, der Scala-Eröffnung letzten Dezember, genau dasselbe…
Sie haben den „Boris“ auch schon in Russland gesungen: eine besondere Herausforderung?
Nach dem Mailänder „Boris“, den ich nach jenem in Rom gemacht habe, ging die Aufführung nach St.Petersburg, ins Marinskij-Theater, und es war mir eine große Ehre, dass Chor und Orchester mir bei der Generalprobe applaudiert haben. Aber ich habe die Sprache auch gänzlich gelernt, ich verstehe jedes Wort, das ich singe, und auch, was die anderen singen. Ich hätte den „Boris“ vor drei Jahren auch in Moskau am Bolschoi machen sollen, aber dann wurde die Vorstellung in buchstäblich letzter Minute abgesagt. Jetzt ist die Produktion für 2010 vorgesehen, und ich hoffe, sie findet im schönen alten Haus statt, das dann renoviert sein soll, und nicht in dem neuen. Ich möchte den „Boris“ im „echten“ Bolschoi-Theater singen… Und was Wien betrifft: Ich wollte die Rolle auch hier verkörpern. Nachdem ich es zum ersten Mal erwähnt habe, hat Direktor Holender nicht darauf reagiert. Also versuchte ich es noch einmal, und da meinte er: „Wenn Furlanetto zweimal auf etwas zurück kommt, dann muss man es einfach machen…“
Sie waren lange Zeit ein gesuchter Mozart-Sänger, sind der große italienische Bass von heute: Warum das russische Repertoire?
Weil der Boris für einen Bass neben dem Philipp in „Don Carlos“ einfach ein „Muss“ ist. Das muss man versuchen, auch um sich der Herauforderung dieser außerordentlichen Rolle zu stellen. Das ist kein Melodram, das ist ein Charakter, den man einfach aus der Tiefe heraus begreifen und spielen muss. Und ich bin derzeit in der glücklichen Situation, dass heute für mich alles leichter ist als früher – die Stimme führt sich wie von selbst, also kann ich mich wirklich darauf konzentrieren, eine Rolle zu gestalten. Was Mozart betrifft, der gut 15 Jahre für mich der wichtigste Komponist war, so sind Don Giovanni und Leporello, Figaro und der Graf Rollen, die ein gewisses „mittleres“ Alter verlangen. Ich könnte sie heute noch eben so gut singen wie früher, aber das Spielen wird ein bisschen ermüdend. Jetzt sind die „alten“ Rollen, die man als Bass natürlich notgedrungen schon in jungen Jahren singt, die absolut richtigen. Der große Verdi, Mephisto in den Opern von Gounod und Boito, der Don Quijotte von Massenet, den ich demnächst in San Diego singe, und anderes mehr.
Sie sind in Friaul geboren, aber man hat nicht den Eindruck, dass der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit in Ihrer italienischen Heimat liegt.
In Italien, wo ich seit langem nicht mehr lebe, wird der Opernbetrieb zunehmend mühselig. Man weiß nie, ob eine Vorstellung wirklich zustande kommt. Gewerkschaften und Streikdrohungen legen den Betrieb lahm, wie man sich in Wien gar keine Vorstellung davon machen kann. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass ich am 19. Februar 2010 als „Don Quijotte“ von Massenet auf der Bühne von La Fenice in Venedig stehen werde, denn das wäre auf den Tag der 100. „Geburtstag“ dieser Oper, die Massenet für Schaljapin geschrieben hat und die in Monte Carlo ihre Uraufführung erlebt hat. Aber wer weiß, wie die Zustände der italienischen Opernhäuser 2010 sind? Die finanzielle Situation der meisten Häuser ist derart, dass sie kaum noch disponieren können.
Sie gelten als Sänger, der sich sehr kritisch über moderne Inszenierungen äußert.
Das stimmt nicht grundsätzlich. Gewiss, Jean-Pierre Ponnelle war ein Gott, nicht nur für mich, und wie er die Musik für das Spiel auf der Bühne benützt hat, macht ihm keiner nach. Das waren natürlich sehr schöne, ästhetische Inszenierungen. Und auch Strehler und Zeffirelli waren große Opern-Regisseure. Aber Patrice Chéreau, der sicherlich kein konventioneller Regisseur ist, ist auf andere Art genau so großartig – nicht nur, weil er sich immer wieder bei Daniel Barenboim vergewissert, ob das, was er szenisch beabsichtigt, nicht gegen die Musik gerichtet ist… Aber ich habe auch mit Willy Decker einen phantastischen „Faust“ gemacht, ich habe die Arbeit an der Wiener „Herodiade“ sehr geschätzt. Ich habe nur nichts für Theaterregisseure übrig, die kein Gefühl für die Musik haben und ihre seltsamen Ideen ausagieren. Übrigens – als ich den Vertrag unterschrieben habe, in Wien den Pater Guardian zu singen, und sah, dass ich in dieser Pountney-Inszenierung auch den Marchese Calatrava machen sollte, habe ich gesagt: „Wenn Sie mich wirklich als Guardian wollen, streichen Sie das ganz schnell.“
Es gibt also Dinge, die Sie nicht machen?
Absolut. Das ist das Glück, das man in meiner Situation hat, dass man es sich wirklich aussuchen kann. Wenn Wien mir den Philipp im französischen „Don Carlos“ anbietet, sage ich nein: Ich habe die Rolle in dieser Fassung einmal aus Interesse in einer Bondy-Inszenierung in London versucht, aber wenn ich sie mit der italienischen vergleiche – nie wieder. Sicher steht man oft in Inszenierungen, mit denen man nichts anfangen kann, aber ich suche das tunlichst zu vermeiden. Und ich singe auch nichts, was ich entweder nicht kann oder was mir nicht entspricht. Ich erinnere mich, wie ich einmal so entzückt von „Falstaff“ war – Renato Capecchi sang ihn damals -, dass ich fand, diese Rolle müsste mir doch auch passen. Ich machte sogar einen Vertrag mit San Diego darüber. Aber als ich mich dann damit beschäftigt habe, kamen mir Zweifel. Ich sprach mit Leo Nucci und Renato Bruson darüber, und beide sagten mir, sie seien doch „echte“ Baritone und hätten schon mit der ersten Arie Schwierigkeiten in der Höhe… So habe ich mich in San Diego rechtzeitig entschuldigt und bin sicher um eine Niederlage herumgekommen. Und ich weiß, dass ich beispielsweise nie Wagner singen werde. Das liegt nicht an der deutschen Sprache – ich habe Orest gesungen und auch Sarastro-Arien -, aber ich „fühle“ diese Musik nicht. Und man muss ja nicht alles machen. Es gibt Gräben, die man nicht überwinden kann. Es geht selten gut.
Herr Kammersänger, man kann nicht über Ihre Karriere sprechen, ohne Herbert von Karajan zu erwähnen…
Und ich schätze mich über die Maßen glücklich, dass ich alt genug bin, um noch in den letzten paar Jahren seines Schaffens dabei gewesen zu sein. Er war der Glücksfall meiner Karriere, er hat mich, der ich damals nichts anderes war als ein hoffnungsvoller Bass Mitte 30, sozusagen „über Nacht“ berühmt gemacht. Ich hatte damals für die Osterfestspiele 1986 einen Vertrag für die „Krönungsmesse“ von Mozart und das „Te Deum“ von Bruckner, und ich sollte den Philipp covern. Aber ich kam dennoch erst am Tag vor der Generalprobe in Salzburg an. Nun war aber José van Dam, der den Philipp singen sollte, ernstlich krank geworden, und man weiß, dass jeder Bass der Welt „gesprungen“ wäre, wenn Karajan auch nur mit dem kleinen Finger gewinkt hätte. Aber er wollte mich – zu meinem Glück. Es war 10 Uhr morgens, als man mir sagte, ich würde heute um 16 Uhr die Generalprobe singen. Dann zeigte man mir das Video der Aufführung, führte mich in die Garderobe, legte das Makeup auf. Eine Viertelstunde vor Beginn brachte man mich in Karajans Büro. „Schauen Sie nicht auf mich“, meinte er, „ich kann es nicht leiden, wenn Sänger auf den Dirigenten starren, orientieren Sie sich an den Monitoren. Und was die große Arie betrifft – Sie singen, ich begleite Sie.“ Und so war es auch, und es war wunderbar. Am Tag nach der Generalprobe sahen wir uns das Video an, Karajan fragte: „Sind Sie glücklich?“ und ich konnte nur sagen: „Ich bin überwältigt.“ Man muss sich heute vergegenwärtigen, was das damals bedeutet hat: Man wurde von Gottvater selbst erwählt. Manchmal tun mir die jungen Kollegen von heute Leid, die nicht mehr mit solchen Persönlichkeiten konfrontiert sind, wie Karajan einer war…
Und seit damals sind Sie ein fixer Gast in Österreich.
Ja, im Salzburger Festspiel-Sommer 86 sang ich „Figaro“ in der Ponnelle / Levine-Inszenierung, 1987 und 1988 war ich der Leporello in Karajans „Don Giovanni“, und ich hätte auch noch den Figaro mit Karajan machen sollen, aber dann kam sein Tod dazwischen. Immerhin – ich konnte noch seine letzten Jahre miterleben. In Wien hatte ich auch 1985 debutiert, ich bin beiden Städten treu geblieben und fühle mich ihnen sehr verbunden. Noch mehr, seit man mich in Wien zum Kammersänger und im Vorjahr zum Ehrenmitglied des Hauses gemacht hat. Das bindet doch sehr. Ich habe auch einen meiner Wohnsitze in Wien. Es gibt auch schon Gespräche mit Meyer, und ich hoffe nur, dass ich weiterhin auch an diesem Haus das tun kann, was ich gerne mache. Der „Boris“ sollte, so hoffe ich, noch eine zeitlang im Repertoire bleiben…
Aber „Ruhe“ finden Sie in Wien ja nicht? Sie sind doch immer unterwegs, wenn man sich Ihren Fahrplan ansieht.
Der schlimmste Aspekt des Berufs ist das Reisen und das Gepäck, aber ehrlich – das sind zwei anstrengende Tage, bis man wo ankommt, und wieder zwei, wenn man abreist. Dazwischen ist man an Orten, wo man sich mittlerweile auskennt und wo man auch Freunde und Bekannte hat, und es sind Häuser, an denen man in meinem Fall schon lange arbeitet. Ich mag neben Wien London sehr gerne, in Amerika nicht so sehr die Met, allerdings bloß wegen des Wetters in New York, die Winter sind ja fast unerträglich, sondern vor allem San Diego: Das Opernhaus gilt als nicht so „wichtig“, ist aber sehr seriös. Ich gehe jedes Jahr nach San Francisco, und über die Probleme in Italien habe ich ja schon gesprochen. Dennoch wird man eine Scala-Eröffnung nicht absagen und hoffen, dass Vorstellungen im Fenice zustande kommen, das ein traumschönes Haus ist, genau so schön wie früher… Und überall genieße ich das Privileg, die Rollen zu singen, die ich mir wünsche. |