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21. Jahrgang
Juni/ Juli
2009
158
- - - - -
Anton Cupak
07.09.2009
14:33:58
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Interview, 01/2009: Laura TATULESCU, Zuhause ist auf der Bühne

LAURA TATULESCU




„Zuhause“ ist auf der Bühne
 
Laura Tatulescu wird am Ende der Spielzeit die Wiener Staatsoper in Richtung der Bayerischen Staatsoper verlassen – und sie weiß jetzt schon, dass sie dann großes Heimweh haben wird. Doch nach drei erfolgreichen Jahren in Wien bietet München den nächsten Schritt der Karriere: Premieren und große Rollen.
 
Mit Laura Tatulescu sprach Renate Wagner. Das Gespräch fand in englischer Sprache statt
 
Frau Tatulescu, es scheint noch gar nicht so lange her zu sein, da kamen Sie als neues Gesicht an die Wiener Staatsoper
 
Es war am 29. November 2005 als Giannetta im „Liebestrank“. Ich weiß noch, dass ich zu Beginn meines Auftritts auf einer Bank sitzen musste – und als sich der Vorhang öffnete, wusste ich: Ich bin zuhause. Man muss bedenken, dass ich davor ein einziges Mal wirklich auf der Bühne gestanden war, als Marguerite in Bukarest. Aber ich habe immer gesungen, schon als kleines Kind, und ich wollte immer auf die Bühne – und da war ich nun.
 
Wie schafft man den Sprung von einer Aufführung in Bukarest direkt auf die Bühne der Wiener Staatsoper?
 
Diese „Marguerite“, die ich heute nicht mehr machen würde – eine Anfängerin und eine solch riesige Partie! Aber man lernt von allem, was man tut -, war meine Abschlussvorstellung am Konservatorium in Bukarest. Ich hatte dann das Glück, zu einem Enescu-Konzert des ORF in Wien eingeladen zu werden, das nur von rumänischen Sängern bestritten wurde. Ioan Holender war da und fragte mich nachher, ob ich ihm vorsingen wollte. Ich meinte, ich flöge am nächsten Tag am Nachmittag wieder nach Hause. Also gut, am Vormittag, sagte er. Ich kam, und ich weiß noch, dass ich seltsamerweise überhaupt nicht nervös war. Ich dachte: Ich muss einfach nur gut singen, alles andere ist Schicksal. Ich sang die Adina und die Despina, und Holender sagte: Ja, Sie sind engagiert. Und da erst begannen mir die Knie zu zittern… Das war im September 2005, im November war ich da und trat mein Engagement in Wien an. Und in den nächsten drei Jahren wurde ich wunderbar geführt – ich bin Direktor Holender wirklich außerordentlich dankbar für die Möglichkeiten, die er mir gegeben hat, und dass er immer an mich geglaubt hat.
 
Und wenn wir schon bei den Anfängen sind – wie wird eine in Amerika geborene Rumänin Opernsängerin?
 
Durch Zufall. Als ich zehn Jahre alt war und die politischen Verhältnisse in Rumänien sich zum Besseren geändert hatten, kehrten meine Eltern mit mir in ihre Heimat zurück. Die Schule, die mir am nächsten war, legte einen Schwerpunkt auf Musik. Ich war schon zu alt, mit dem Klavierspiel zu beginnen, also wählte man für mich die Geige. Ich hasste es, ich war so unbegabt! Aber den Lehrern fiel auf, dass ich eine hübsche Stimme hätte. Und so nahm ich Gesangsunterricht. Ich habe schon in Rumänien angefangen, die CDs aller großen Sänger zu sammeln – und dann kam ich nach Wien und stand mit ihnen auf der Bühne. Es war einfach phantastisch!
 
In Wien sind ja schon in der zweiten Spielzeit die großen Rollen gekommen. Vor allem die Susanne, die ich so erstaunlich fand dafür, dass Sie ja diese Rolle erstmals gesungen haben.
 
Ja, diese Susanna, mit der ich jetzt im Mai in München debutieren darf. Diesen 5. Jänner 2007 werde ich nicht vergessen – ich stand mit Krassimira Stoyanova, die ich so sehr bewundere, mit Elina Garanca und Simon Keenlyside als Partnern auf der Bühne. Diane Kienast hat die Rolle mit mir einstudiert – ich verdanke ihr besonders viel, aber auch allen anderen Abendregisseuren des Hauses und den Korrepetitoren. Ich hatte ja nur eine einzige Premiere am Haus, „Boris Godunow“, alle anderen Vorstellungen waren fertig, in die musste man als Anfänger hineingehen.
 

Laura TATULESCU als Despina/ Cosí fan tutte


Man hat Ihnen auch andere große Mozart-Partien anvertraut?
 
Ja, nach der Papagena die Pamina, das war schon etwas! Am wichtigsten war für mich aber die Zusammenarbeit mit Riccardo Muti. Als er den „Figaro“ einstudierte, war ich als Cover für die Barbarina vorgesehen, aber ich ging zu allen Proben und hörte zu, was er zu allen Sängern sagte, machte mir Notizen und war einfach fasziniert von seiner Art, faktisch an jeder Phrase von Mozart zu arbeiten. In seinem „Figaro“ bin ich nicht an die Reihe gekommen, aber eines Tages ging ich zu ihm und fragte: „Maestro, darf ich einmal mit Ihnen singen?“ Und er sagte: „Ja“, und als dann im Februar 2008 mit ihm „Cosi fan tutte“ kam, durfte ich die Despina singen, nachher auch bei dem Gastspiel in Tokio. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Mit Muti zu arbeiten, war für mich ein absolut einmaliges Erlebnis und eine faszinierende Erfahrung, aus der ich sehr viel gelernt habe.
 
Heuer haben wir Sie erstmals als Musetta gehört…
 
Und ich bereite noch die Marzelline für die nächste „Fidelio“-Serie vor. Und dann packe ich meine Koffer, um für die nächsten beiden Spielzeiten fest nach München zu gehen. Klaus Bachler hat mich als Susanne gehört und damals schon verpflichtet. Nächste Spielzeit habe ich zwei große Premieren dort, die Adina im „Liebestrank“ und die Zerlina im „Don Giovanni“, außerdem werde ich viele schöne Rollen singen, Susanna und Despina, die Musetta, erstmals die Gretel und die Ilia, die ich schon studiert habe und sehr liebe… Ich denke, nach drei wunderbaren Jahren in Wien ist das der nötige nächste Schritt in meiner Karriere.
 
Werden Sie Heimweh nach Wien haben?
 
Auf jeden Fall, denn ich lebe sehr gerne hier und das Publikum ist ganz speziell. Aber wenn man einen Sänger fragt, wo ist „zuhause“, werden sicherlich die meisten von uns sagen: Auf der Bühne. Dieser Beruf bringt es mit sich, dass man immer wieder den Ort wechselt, und das macht mir nichts aus. Noch bin ich sehr karriere-orientiert, meine Eltern sind in Rumänien, hier habe ich keine privaten Bindungen, also ist es für mich leicht, zu reisen und woanders zu sein. Sicher, wenn der richtige Mann zur richtigen Zeit kommt, werde ich nicht nein sagen, aber im Moment arbeite ich so viel…
 
Sie haben noch nicht allzu viele Ausflüge ins internationale Opernleben gemacht, aber immerhin einen, der sehr wichtig war. Sie haben im September 2008 in Los Angeles die Lauretta in „Gianni Schicchi“ gesungen…
 
… und jeder fragt mich: Wie war Woody Allen? Er war wunderbar! Ganz zu Beginn ein wenig unsicher, denn es war ja seine erste Opernregie, aber dann war die Arbeit mit ihm großartig. Er hat uns zu nichts gezwungen, sondern auch gefragt, was wir für Ideen haben, und am Ende war Lauretta ganz anders als immer, nicht das brave kleine „Daddy’s Girl“, sondern temperamentvoll und eigentlich so berechnend wie der Papa. Wenn ich die Arie singe und meinen Papa – Thomas Allen – betöre, werfe ich nachher einen Seitenblick auf Rinuccio – Saimir Pirgu – und schnalze zufrieden mit der Zunge: Geschafft! Wir haben so viel gelacht bei dieser Arbeit! Woody Allen hat das Ganze auch im Stil eines Schwarzweiß-Films über die Mafia inszeniert, die Kostüme waren toll, ich habe die Inszenierung geliebt, sie war auch gewissermaßen sexy, und das Publikum war begeistert. Ich hoffe sehr, dass es eine Wiederaufnahme geben wird.
 
Und wie sind Sie zu dieser Rolle gekommen?
 
Offenbar war ein Team unterwegs, das in ganz Europa Auditions dafür veranstaltet hat, und ich denke, dass Direktor Holender mich da auf die Liste gesetzt hat. Ich wusste gar nicht, wofür ich vorsang. Dann habe ich ein Jahr lang nichts gehört, und plötzlich hieß es, ich sollte dem Dirigenten James Conlon vorsingen. Ich fuhr dazu nach Paris, in die Bastille-Oper, und ich weiß noch, dass er sich ganz hinten im Zuschauerraum postiert hat. Nachdem ich die Lauretta und die Ilia vorgesungen hatte, kam er ganz nach vorne, streckte mir die Hand entgegen und sagte: „Sie sind engagiert.“
 
Sie gehen also nach München, um mehr große Rollen singen zu können. In welche Richtung wollen Sie sich künstlerisch bewegen?
 
Ich denke, Mozart wird immer im Zentrum meiner Arbeit stehen, wenn man auch weitergeht von der Zerlina hoffentlich eines Tages zur Donna Elvira. Und einmal will ich auch von der Musetta zur Mimi wechseln. Aber ich habe Zeit und gar keine Eile, ich will lange singen und meiner Stimme nichts antun. Meine Wunschrollen, die Liu oder die Desdemona, werden sicherlich einmal auf mich zukommen. Die Micaela auch – obwohl ich ehrlich sagen muss, dass eigentlich die Carmen meine Traumrolle wäre… Und im russischen Fach vielleicht einmal die Tatjana. Wahrscheinlich werde ich nie Wagner singen – obwohl: „Dich, teure Halle“ ist eine phantastische Arie, vielleicht ruiniere ich mir einmal die Stimme, indem ich sie in einem Konzert singe…
 
Das deutsche Fach ist also – mit Ausnahme des deutschen Mozart und der Marzelline – gar nichts für Sie?
 
Ich liebe Richard Strauss! Ich kann seine Opern grenzenlos anhören, auch andere deutsche Musik, sie ist herrlich. Für Strauss habe ich hoffentlich noch viele Jahre, um vielleicht darauf zuzugehen. Auf die Zdenka. Und, weil ich die Sophie eher nicht singen würde, eines fernen Tages die Marschallin? Die Ariadne? Es wäre schön. Wer weiß?
 
Es gibt interessanterweise viele berühmte Sopranistinnen aus Rumänien. Waren die stets Ihr besonderes Vorbild?
 
Es ist natürlich toll, dass jemand so Berühmter wie Angela Gheorghiu auch aus Rumänien kommt, natürlich hat man da ein noch größeres Gefühl der Nähe. Aber ich bewundere viele Sopranistinnen, auch solche, die ich nur von CDs kenne wie Renata Scotto oder Mirella Freni. Von der Künstlerloge habe ich mir begeistert Renée Fleming in „Capriccio“ angesehen. Ileana Cotrubas hat mir immer besonders viel bedeutet. Sie war einmal bei einem Wettbewerb, ich stellte mich um ein Autogramm an, und als ich vor ihr stand, bin ich vor Aufregung in Tränen ausgebrochen. Ich konnte nur sagen: „Entschuldigen Sie bitte, ich liebe Sie so sehr.“
 
Sie gehen nun in die große Welt hinaus…
 
Natürlich träume ich wie alle Sänger von der Met, von der Scala, und wenn ich die Chancen bekomme, werde ich sie annehmen. Aber ich liebe Wien, ich weiß, ich werde wiederkommen zu diesem Publikum, das mich in meinen Anfängen begleitet hat.
 

 

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