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Merker 2002-2007
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21. Jahrgang
Juni/ Juli
2009
158
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Anton Cupak
07.09.2009
14:33:58
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Interview, 01/2009: Michael NAGY, Eine Traumrolle soll nicht zur geträumten Rolle werden
Michael NAGY (Bariton), zur Zeit in Frankfurt im Engagement: "Eine Traumrolle soll nicht zur geträumten Rolle werden"

Das Interview führte unser Mitarbeiter Marc Rohde im Januar 2009
 
Photo-Copyright: David Maurer

Michael Nagy begann seine musikalische Ausbildung bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Er war Bundespreisträger bei Jugend musiziert in den Bereichen Gesang und Liedbegleitung. Anschließend studierte er in Stuttgart, Mannheim und Saarbrücken Gesang (Luisa Bosabalian, Rudolf Piernay), Liedgestaltung (Irwin Gage) und Dirigieren (Klaus Arp, Georg Grün). Seine Ausbildung rundete er in Meisterkursen bei Charles Spencer, Rudolf Piernay und Cornelius Reid ab.
 
Beim Internationalen Schubert-Wettbewerb in Graz wurde der junge Bariton 2003 mit dem Zweiten Preis und dem Schubert-Preis ausgezeichnet. Im folgenden Jahr gewann er zusammen mit der Pianistin Juliane Ruf den Internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart in Verbindung mit einer Fernsehproduktion beim SWR.
 
Nach Gastverträgen an den Opernhäusern Stuttgart und Mannheim war Michael Nagy von 2004 bis 2006 Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin. Zum Beginn der Spielzeit 06/07 wechselte er ins feste Ensemble der Oper Frankfurt.
Auch als Konzertsänger ist Michael Nagy gefragt: So sang er u. a.  beim Konzerthausorchester Berlin , dem RSO Stuttgart des SWR sowie beim NDR Sinfonieorchester. Anfang 2007 gab er sein Debüt in der Carnegie Hall New York.
 
Ihrem Nachnamen nach könnte man bei Ihnen auf eine ungarische Herkunft schließen?
 
Das ist nicht verkehrt, allerdings endet der ungarische Teil meiner Herkunft mit meinem Vater und dessen Nachnamen. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mit Ungarn verbinden mich lediglich Urlaube. Und ein Konzert 2001 im Ferenc-Liszt-Saal des Konservatoriums mit - ausgefallen, und deswegen denkwürdig - Kagels St.-Bach-Passion. Kagel selbst hat damals den Sprecher-Part übernommen, und ich erinnere ich noch gerne an ein gemeinsames Hotelfrühstück mit ihm. In Budapest.
Was mir heute sehr leid tut ist, dass ich die Sprache nicht einmal ansatzweise gelernt habe - und ich fürchte, die Anstrengungen, die nötig wären, das jetzt nachzuholen, würden meine linguistische Kapazität übersteigen.
 
Welches sind Ihre persönlichen Highlights im aktuellen Spielplan der Oper Frankfurt?
 
Sie fragen nach persönlichen Highlights? Ohne beteiligt gewesen zu sein sah ich vor kurzem Reimanns „Lear“. Das hat mich schlicht und ergreifend umgehauen. Musik und Bilder in solcher Einheit, mit größter Authentizität gefüllt, berührten mich zutiefst. Ich meine nicht opernübliche Rührung. Ich meine echte, aufrichtige (An-)teilnahme.
Was mein eigenes Singen betrifft, will ich es einmal so formulieren: Seit ich in Frankfurt engagiert bin, habe ich alle meine Traumrollen singen können. Dazu gehören der Graf in Figaro, Wolfram natürlich, Valentin in Faust, Jeletzky in Pique Dame, und - selbst wenn ich großen, großen Respekt davor hatte - Hans Scholl in Weiße Rose von Zimmermann.
Auch Guglielmo ist mir über die Jahre echt ans Herz gewachsen, es ist für mich eine Partie, die umsorgt sein will - bereits von Mozart anders behandelt als beispielsweise Fiordiligi oder Ferrando, die ein recht klares (auch musikalisch definiertes) Profil mitbekommen haben, ist der Guglielmo eine sehr offene, weniger konturierte Person in diesem Spiel. Das eröffnet große Möglichkeiten, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass sie etwas blass aussieht.
Christof Loy und Julia Jones haben nun die „große“, von Mozart ohne belegten Grund wieder gestrichene „Rivolgete“-Arie in diese Produktion mit aufgenommen. Für mich ein Höhepunkt, Cosí hat im Dezember Wiederaufnahme gehabt.

Im März werde ich als „Marcello“ in La Bohème debütieren, im Mai als Graf Luna in der Neuprodukion Palestrina mit Harry Kupfer und Kirill Petrenko, mit letzterem habe ich 2005 die Così-Produktion an der Komischen Oper bestritten und ich freue mich, dass sich unsere Wege wieder einmal kreuzen. Auch auf die Arbeit mit einer - kann man das so sagen? - Regielegende wie Harry Kupfer bin ich sehr positiv gespannt. Immerhin wehte sein künstlerischer Geist in einigen Inszenierungen an der Komischen Oper noch über die Bühne, ohne, dass ich ihn selbst kennen gelernt habe.
 
 
Die Oper Frankfurt ist zum zweiten Mal in Folge von der Zeitschrift „Die Bühne“ auf Platz Eins in der Kategorie „Beste Gesamtleistung“ worden. Das Magazin Opernwelt wählte das Haus auf Rang Zwei in der Kategorie „Opernhaus des Jahres 2008“. Ist solch eine Auszeichnung auch eine Bestätigung für Sie als Ensemblemitglied?
 
Ist doch schön, dass die Oper Frankfurt ein ansprechendes Gesamtpaket schnürt, das auch als solches wahrgenommen wird. Als Singender kann ich diese Wahrnehmung nur bestätigen. So wie ich es erlebe, wird in Frankfurt sehr gutes Musiktheater in all seiner Vielfalt geboten, auf einem konstanten Niveau. Wohlgemerkt, ohne sich anzubiedern oder - viel schlimmer - das Publikum willentlich zu brüskieren. Dafür sorgen unter anderen Menschen wie Bernd Loebe.
Diese Auszeichnung mir als Bestandteil dieses Betriebs auf die Fahnen zu schreiben, finde ich vermessen. Jeder arbeitet an seinem Platz, im besten Sinne. Wunderbar, wenn diese Arbeit in dieselbe Richtung wirkt und als erfolgreich empfunden wird.
Mir aber über Auszeichnungen dieser Art Bestätigung zu verschaffen, wird meinem persönlichen - nennen wir es mal hochtrabend, künstlerischen - Anspruch nicht gerecht.
 
Sie sind in Deutschland aufgewachsen und haben bisher auch hauptsächlich in deutschen Opernhäusern gearbeitet. Was verbinden Sie mit Österreich?
 
Mit Österreich verbinde ich den Schubert-Wettbewerb 2003 in Graz, bei dem meine damalige Pianistin und ich den 2. Preis gewonnen haben. Unerwartet. Erfreulich. Unglaublich. Daran geknüpft war ein Liederabend im Grazer Stephaniensaal. Das war erhebend, immerhin war es mein erster Wettbewerb. Und ich sehe mich nach wie vor als ungeeignet für diesen Zirkus. Aber im Duo verteilt es sich besser.
Im Augenblick sind oder waren einige Produktionen am Theater an der Wien im Gespräch, davon ist die eine Hälfte noch nicht spruchreif, die andere Hälfte funktioniert leider nicht wegen schöner Verpflichtungen an meinem Stammhaus. Aber der Kontakt besteht und - was soll ich sagen? - ich bin gerne in Wien!
 
Haben Sie gewisse Traumrollen, die Sie unbedingt mal singen wollen?
 
Na klar, wie jeder Sänger. Es hängt davon ab, wie sich meine Stimme entwickelt. Ich möchte nicht „Traumrolle“ als geträumte Rolle verstehen müssen. Also übe ich vor mich hin, vertiefe Bekanntes und schaue, was ansonsten nicht unmöglich ist. Je näher es dem Möglichen rückt, desto begieriger (und vorbereiteter) werde ich dann auf die Traumrolle sein. Wozzeck ist so eine. Aber auch einen Don Giovanni würde ich gerne einmal singen.
Im Italienischen Fach träume ich gerne. Und welcher Bariton tut das nicht, nachdem Verdi einen Posa mit dieser Musik versehen hat?
 
Sie singen Papageno in der Frankfurter Zauberflöte-Inszenierung von Alfred Kirchner, die in dieser Spielzeit ihre 100. Aufführung erlebt. Was macht Ihrer Meinung nach den Charme dieser Inszenierung aus?
 
Die Inszenierung nimmt sich nicht so wichtig, sondern erzählt eine Geschichte und lässt Musik Bilder werden. Unaufdringlich, ohne langweilig zu sein. Mit einem guten Verständnis von Ästhetik. Das klingt sehr nach einer Plattitüde, ist aber mein Credo: Was Menschen sich gerne ansehen und -hören, geht ihnen, etwas ätherisch gesprochen, zu Herzen. Diese Inszenierung und Mozarts Musik machen das Publikum zugänglich dafür, was an Inhalt transportiert werden soll. Das ist für mich die Quintessenz guten Theaters.
 
2010 steht für Sie Ihr Hausdebüt an der Bayerischen Staatsoper an. Welche Rolle werden Sie dort singen. Mit welchen Erwartungen werden Sie nach München gehen?
 
Das wird Graf Luna in Palestrina sein, den ich diese Spielzeit auch hier in Frankfurt singe. Insofern betrete ich rollentechnisch kein Neuland, was mir sehr wichtig ist. Ich bin nervös oder zumindest gespannt vor neuen Aufgaben und Begegnungen. Mit München wird es eine neue Begegnung sein, auf die ich mich freue und auf die ich gespannt bin.
Aber ich steige in eine bestehende Produktion mit einer bekannten Partie ein. Das macht das Ausmaß an Unwägbarkeiten überschaubar.
Was ich erwarte? Wunderbare Akustik, schönes Haus, tolle Kollegen und Baumkuchenspitzen von Dallmayr, wenn es hart auf hart kommt.
Das Gespräch führte Marc Rohde im Januar 2009
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