Nadia KRASTEVA
Interview, 11/2010: Nadia KRASTEVA, – Die goldene Mitte
NADIA KRASTEVA, Mezzosopran
- Die goldene Mitte -
Nadia Krasteva stammt aus Bulgariens Hauptstadt Sofia, wo sie im Schoße einer mit vielen künstlerischen Gaben gesegneten Familie aufwuchs. Nicht alle Familienmitglieder haben diese Neigungen auch zum Beruf gemacht. Nadia sang. Sie sang immer, in Bulgarien singt man, wenn man fröhlich ist, aber man singt seine Trauer auch heraus, wenn man betrübt ist.
Ihre Gefühle im Gesang auszudrücken, das ist eine der Herzensangelegenheiten der 34-jährigen Bulgarin. Als Kind tat sie das gerne bei Spaziergängen in der schönen Natur, und dabei sang sie nach Herzenslust.
Intensive und strenge Lehrjahre im Bulgarischen Nationalen Kinderchor waren eine gute (Vor-) Schule für die daraus ganz logisch sich entwickelnde Solistenkarriere. Zunächst hatte sich Nadia sehr der Rhythmischen Sportgymnastik gewidmet, die sie jedoch aus Zeitgründen im Laufe des Sängerinnendaseins hintan stellen musste. Es ist aber etwas hängen geblieben, was die Wiener bei ihren Brücken und Spagaten als Preziosilla bewundern können, und was sie am Liebsten bis ins hohe Alter beibehalten möchte, wie sie lachend bekennt.
In Wien kennt man Nadia Krasteva ja schon mehrere Jahre, wo sie sich durch das gesamte Repertoire gesungen hat und singt. Aber auch Gastspiele an anderen großen Opernhäusern der Welt fanden bereits statt. Eine gewisse Sensation bedeutete für manchen Zuschauer/-hörer möglicherweise die Carmen-Fernsehübertragung aus der Wiener Staatsoper im Mai dieses Jahres, als Nadia Krasteva für die Garanča eingesprungen war (und selbige leicht in den Schatten stellte, wie sich bei kurz darauf folgenden Aufführungen mit der Lettin in München zeigte – Anm. dz). – Eine DVD ihrer Carmen von der Naturbühne in St. Margarethen 2005 gibt es bei EuroArts (mit Antonenko).
Da stand nun eine Carmen-Interpretin auf der Bühne, die für diese Rolle geboren zu sein scheint. Da stimmt einfach alles, das rassige Aussehen (mit eigenem, langwallendem schwarzem Haar) und die rassige Stimme. Eine erotisch gurrende, aber auch dramatisch auftrumpfende große Mezzostimme, wie man sie sich nur wünschen kann. (Dieselben verführerischen Qualitäten setzte sie auch in Münchens neuer Rusalka als Fremde Fürstin mit großem Effekt ein).
Eine Stimme, die neben dem aufregenden Timbre (erinnert irgendwie an Stefania Toczyska) auch eine große Spannweite hat, sodass sie einerseits wunderbar in die Tiefen „orgeln“ (Bruststimme!), und andererseits mühelos in sopranöse Spitzenregionen aufsteigen kann.
Ja, die Carmen. Mit der hatte die Krasteva schon in den Anfängerjahren Erfolge gefeiert, mit der begeistert sie die Wiener und viele andere Opernfreunde „all over the world“, und das geht auch so weiter (demnächst Chicago).
Natürlich ist eine solche Stimme prädestiniert für das dramatische italienische Mezzofach, das sie inzwischen rauf und runter singt, u. a. Favorita, Ulrica, die vielleicht herrlichste von allen, die Eboli (nächste im Mai 2011 an der STO Berlin), und natürlich auch die Amneris (zuletzt in Zürich, demnächst in Dallas – bietet eine enorme darstellerische Bandbreite). Und die Dalila, frage ich, denn so eine ideale Daliastimme gibt’s ja nicht alle Tage: Die kommt 2013 in San Diego (mit Clifton Forbis als Samson).
Auf der Rollenliste Krastevas steht auch die Fürstin von Bouillon aus Cilèas Adriana Lecouvreur, die sie bisher aber nur konzertant gesungen hatte. Sowas wünschte man sich auch für München (wo doch Jonas Kaufmann gerade auf dem Verismo-Trip ist und eine Netrebko oder Harteros eine fesche Rivalin der Krasteva abgäben – Anm. dz).
Viele der Angebote kamen durch persönlichen Kontakt mit den jeweiligen Operndirektoren nach einer Wiener Aufführung zustande. Solche Engagements sind Nadia Krasteva am liebsten: Direkt nach einer Aufführung, auf Grund ihrer Leistung engagiert zu werden und „nicht wegen irgendwelchen agententechnischen Machtspielen“.
Die Sehnsucht, große Gefühle und Leidenschaften auf der Bühne auszuleben und zum Zuschauer zu transportieren, ist eine der Hauptantriebsfedern für Nadia Krastevas Sängerdasein. – „Der Kontakt mit Leuten nach einer Aufführung ist mir sehr wichtig; wenn ich spüre, dass diese Menschen das, was ich ausdrücken wollte, verstanden oder gar mitempfunden haben, das ist der schönste Lohn für mich.“ –
Frau Krastevas Karriere lief stetig und nicht überhastet immer schön bergauf. Sicher kann man durch das Pushen durch eine Plattenfirma oder große Agentur z. T. „schneller“ Karriere machen, man kann dabei aber auch ganz schnell verheizt werden. – „Mit dem ganz großen Ruhm zu leben ist ja auch nicht so ganz einfach; wenn man ständig im Focus steht, dafür braucht man extra starke Nerven. – Mir ist es lieber, dass man mich wegen meiner Leistungen auf der Bühne schätzt und mein Privatleben in Ruhe lässt.“ –
Ausgewogenheit, „die goldene Mitte“, das ist eine der Maximen ihres ganzen Lebens, beruflich wie privat. Eine gute Balance in der Rollenauswahl zum Wohle der Stimme, eine gute Balance überhaupt in allen Lebenslagen. Damit die innere Ruhe nicht verloren geht. Deshalb ist die Geborgenheit in der Familie, auch der STO-Familie, so ungeheuer wichtig.
Natürlich hatte es auch Situationen gegeben, wo Frau Krasteva „aus Treue zu Wien“ andere interessante Angebote nicht wahrnehmen konnte. Aber die Alternativen in Wien waren ja zum Glück auch attraktive Rollen – und dazu das Wiener Publikum …
Die drei Familien: In Wien fühlt sich Nadia Krasteva rundum wohl: Die Wiener Staatsoper betrachtet sie als ihr Zuhause, dort kennt und schätzt man sie, dort kennt sie inzwischen so gut wie jeden, kennt alle Räumlichkeiten. Jedes Mal, wenn sie von einer Reise zurückkommt, freut sie sich, in diese ihre heimatliche Umgebung zurückzukehren. Die Wiener STO, ein Ort, wohin sie unheimlich gerne „zur Arbeit geht“ und welche zu einer Art Familie für sie geworden ist.
Auch mit ihrer privaten Familie, mit Mann und Tochter lebt sie in Wien. – Und dann gibt es ja noch die Familie in Sofia, wohin es die Bulgarin natürlich auch so oft wie irgend möglich zieht.
In der knapp bemessenen Freizeit betätigt sich Nadia Krasteva ab und an als Kunstmalerin oder schreibt Gedichte in ihrer Muttersprache. Eines davon wurde inzwischen vertont und von ihr bei einem Liederabend uraufgeführt. Der Erfolg macht Mut zu weiteren solchen Taten.
Nadia Krasteva setzt sich intensiv mit den komplexen Zusammenhängen des Lebens, der Schöpfung und ihren kleinsten Teilen auseinander. Auch hinter die Dinge schauen, das, was man nicht sehen kann …
Wenn man mit ansehen muss, wie etwa Herzlosigkeit und Unmenschlichkeit in der Welt möglich sind, und das nicht nur durch Einzelpersonen sondern immer wieder durch unzählige Mitläufer. Das zeige doch, dass in allen Menschen auch viel Böses stecke und deshalb sei es so ungemein wichtig, die guten Energien in sich und anderen zu mobilisieren und zu stärken. – „Ich bin so froh, mit meinem Beruf etwas in diese Richtung bewirken zu können – durch die Musik! Die Musik hat eine magische Kraft, die etwas Unsichtbares, Unerklärliches in uns auslösen kann.“ –
Regisseure: „Wenn jemand eine Oper inszenieren will, sollte er mit Respekt an die Sache herangehen; Respekt dem Komponisten gegenüber, Respekt aber auch gegenüber den Menschen, die sich das anschauen wollen. Er muss eine gelungene Symbiose aus Musik und Szenischem finden um ein geglücktes Gesamtpaket zu bekommen. Die Musik macht ja in der Regel das Stück stärker, und wenn man das vernachlässigt, kommt unter Umständen eben nichts so Tolles dabei heraus – schade …“.
Zu Kušejs Münchner Rusalka : „Eine Produktion, die nicht so romantisch ist wie gewöhnlich, die aber sehr zum Nachdenken anregen kann über das Gute und Böse im Menschen, oder was Menschen Menschen antun können“ – (siehe Premieren-Kritik > http://www.der-neue-merker.eu/mod,criticism/id_menuitem,15 )
Worüber freuen Sie sich? – „Ich freue mich über vieles im Leben:
ich freue mich, wenn ich wieder in Wien bin und auf die dort bevorstehenden Aufführungen –
ich freue mich auf gemeinsame Stunden mit meiner Tochter –
ich freue mich, wenn ich meine Eltern in Sofia wieder besuchen kann –
es gibt ja so viel, worüber man sich freuen darf, auch über ganz kleine Dinge des Alltags.“ –
„Über allem darf man nicht vergessen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, die inneren Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen: Zeit für die Seele haben, Kraft aus der Musik und der Natur schöpfen, Besinnung auf die wirklichen Werte des Lebens, die Dinge, die ich von Kindheit an in mir getragen habe. –
Meine innere Balance ist mir ungemein wichtig. Etwas, das man pflegen kann. Nicht unbedingt auf eine medienträchtige Superkarriere hinarbeiten, keine Gesangs-Maschine für Geld werden, was zu Lasten der seelischen Balance gehen würde. – In allem und bei allem die goldene Mitte wahren!“
Toi-toi-toi und hoffentlich auf ein baldiges Wiedersehen in München!
D. Zweipfennig (München 10/2010)
als Fremde Fürstin/Rusalka/München 10/10 (Hösl)
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