Simone SCHNEIDER
Interview, 03/2011: Simone SCHNEIDER, Ich nehm was kommt und für die Stimme gut ist
INTERVIEW MIT SIMONE SCHNEIDER / Staatsoper Stuttgart“
... Simone Schneider ist die Entdeckung des Abends, sie singt mit wunderbarer, geschmeidiger Stimme. Ihr Sopran strahlt vor Kraft und Schönheit, macht feinste Nuancen möglich. Sie, die ihrem Verlobten Don Ottavio vorspielt, sie sei durch eine Vergewaltigung traumatisiert, geniesst es sichtlich, sich daran zu erinnern …” Zitat aus Marcel Paolino’s Kritik der Don Giovanni-Première vom 24.02.2011 am Berner Stadttheater:

Simone Schneider
Im Gespräch vom 27.März, ein Monat später, zeigt sich eine liebenswürdig-charmante Künstlerin einerseits geschmeichelt, andrerseits bestätigt, dass es ihr gelungen sei, das von der Regisseurin Elisabeth Linton geforderte “Anna-Bild” erfolgreich dem Publikum zu vermitteln; in der Eingangsszene Interesse am Don zu zeigen und sich nur halbherzig zu verteidigen, sei noch einfach. Jedoch im Rezitativ vor der “Or sai chi l’onore”-Arie Don Ottavio glaubhaft anzulügen, ihr Trauma zu schildern und die Mitleidstour zu bedienen, jedoch gleichzeitig – respektive paralell dazu dem Publikum zu vermitteln, dass sie den Verlobten nur anschmiert und das Abenteuer durchaus genüsslich in Erinnerung Revue passieren lässt, das sei echt anspruchsvoll. Frau Schneider mag Regisseure, die mit einem klaren Konzept zu den Proben kommen, ein Rollenportrait, wie sie es empfinden, erklären und einfordern; sie rühmt die Probenarbeit und die kollegiale Atmosphäre am Haus der Schweizer Hauptstadt. Dies ist nicht selbstverständlich, da wir um die schwierige Lage mit all den aktuellen Diskussionen um eine neue Struktur wissen.
Nach diesem der Aktualität geschuldeten Beginn unseres Gesprächs wollen wir von Frau Schneider wissen, wie alles begann …
Die in Westfalen geborene Simone Schneider stammt aus einer musikalischen Familie, ist mit Musik aufgewachsen: ihre Ur-Oma war Konzertsängerin, ihr Grossvater Chorleiter in Berlin, ihr Vater Sänger und Stimmpädagoge; das erste Live-Erlebnis im Theater war die Zauberflöte mit Herrn Papa als Papageno. Klavierunterricht gehörte ebenso dazu wie Stimmbildung bei Ihrem Vater ab dem zwölften Altersjahr. Als die Tochter 9 war, zog die Familie nach München um.
Es folgten fünf Jahre Studium an der Musikhochschule München, direkt danach zweieinhalb Jahre am Opernstudio der Bayerischen Staatsoper: In einer Studioproduktion sang sie die Norina, an Konzerten Ausschnitte der Fledermaus-Adele, wirkte aber auch schon am grossen Haus, u.a. in der Uraufführung von Henzes “Venus und Adonis”, in Boses “Schlachthof 5″ und in Minipartien im FroSch und der Butterfly mit; ja, Ehrfurcht mit KollegInnen mit grossen Namen auf derselben Bühne zu stehen, sei zu Beginn schon ein Thema gewesen. Frau Schneider erwähnt auch die Pädagogen Astrid Varnay und David Thaw für dramatischen Unterricht am Studio.
Nach abgeschlossenen Studien singt sie ab 1997 am Gärtnerplatztheater unter der damaligen Intendanz von Prof.Hellmuth Matthiasek das Koloraturfach: Olympia, Königin der Nacht, Konstanze, Philine (Mignon), Zerbinetta, zuletzt noch die Elettra.
Während den 10 Jahren am Gärtnerplatz gastierte sie am San Felice in Genua, in Leipzig, an der Semper Oper in Dresden, an der Staatsoper Hannover: Neu erarbeitet sie sich die Giunia in Lucio Silla, die Alcina und die Alceste von Anton Schweitzer (Uraufführung 1773, Libretto Christoph Wieland).
Im Konzertsektor kommt die Missa solemnis unter Helmuth Rilling in Stuttgart und die Neunte von Beethoven unter Marek Janowski in Berlin hinzu.
Die Stimme wird während diesen Jahren reifer, wächst, bekommt mehr Rundung und so verabschiedet sich Simone Schneider mit dem Wechsel an die Staatsoper Stuttgart in Sommer 2006 von den Partien mit Spitzentönen in der dreigestrichenen Oktave: good-bye Olympia, Adele, Königin der Nacht, Norina und Zerbinetta; der Abschied von der Letzteren tut etwas weh, denn die bereits am Studio während zweier Jahre er-arbeitete Komödiantin in der Ariadne war ihr sehr ans Herz gewachsen, war als Studentin sogar ihre absolute Traumpartie!
In Stuttgart wiederholte sie mit grossem Erfolg die Konstanze, die Giunia, die Elettra; neu fügte sie Donna Anna und Maria Stuarda, ein erster Ausflug ins Belcanto-Fach, ihrem Repertoire hinzu.
Die neuen Aufgaben im kommenden Jahr lauten: Christine in Strauss’ Intermezzo konzertant in Garmisch, Rosalinde, Figaro-Gräfin und Chrysothemis an ihrem Stammhaus in Stuttgart.
Und wie steht es mit Liederabenden? Frau Schneider räumt ein, dass sie grossen Respekt vor dieser Kunstgattung und aus Zeitmangel bisher diesen Schritt noch nicht gewagt habe; jedes Lied ist eine kleine Szene, eine Miniatur mit einer eigenen Geschichte: ein Strauss von Lieder fügt sich folglich zu einer Oper mit vielen Rollen zusammen.
Zum Schluss fragen wir Frau Schneider nach Wunsch-Partien und einer eventuellen Traumrolle: viel Strauss möchte sie singen und Angebote für weitere Belcanto-Partien würde sie gerne prüfen. Eine Traumrolle hat sie nicht im Visier, bescheiden meint sie “ich nehm was kommt und für meine Stimme gut ist”.
Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Frau Schneider viel Erfolg!
Alex Eisinger und Marcel Paolino
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