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WIEN / KosmosTheater: VON HOLLYWOOD NACH UGANDA

 

WIEN / Kosmos Theater: 
VON HOLLYWOOD NACH UGANDA
nach dem gleichnamigen Roman von Jane Bussmann
Koproduktion von dieheroldfliri.at und KosmosTheater
Premiere: 10. Mai 2012  
Besucht wurde die Vorstellung am 16. Mai 2012 

In ihrer englischen Heimat ist die Schreiberin und „Komödiantin“ (was den Begriff „Comedy“ nicht wirklich übersetzt) Jane Bussmann sehr bekannt. Hierzulande dankt man „dieheroldfliri“ – der Kombination von Autorin/Regisseurin Barbara Herold und der Schauspielerin Maria Fliri – nicht nur die Bekanntschaft mit ihr, sondern auch das genauere Schürfen in einem Problem, das westliche Medien immer nur nebenbei betrachten: Was da eigentlich wirklich vorgeht in Uganda, was mit den vom Westen reichlich zur Verfügung gestellten Mitteln tatsächlich geschieht, welche Edelmenschen da gegen Verbrecher vorgehen – oder sind es möglicherweise Verbrecher auf beiden Seiten?

Jane Bussmann hat sich das aus der Nähe angesehen, möglicherweise eher unfreiwillig. Mit dem Roman, den sie darüber geschrieben hat, tourt sie als viel beachtete Show durch England. Wir erleben ihre Erfahrungen nun in brüllend witzigen, brillanten Eindreiviertel Stunden im WienerKosmosTheater, nachdem die Protagonisten schon in Feldkirch damit lachen und nachdenklich gemacht haben. Also: Jane – die echte Jane, kein Zweifel, dass der Kern ihrer Geschichte bei aller komödiantischer Überzeichnung stimmt – war aufgeregte britische Freelance-Journalistin in Hollywood. So, wie sie ihr Abenteuer mit Ashton Kutcher erzählt, kann man verstehen, dass jeder halbwegs intelligente Mensch auf der blödesten Meile der Welt einfach verzweifeln muss, vor allem angesichts dessen, was sich Stars,Presseagenten und leider auch die Redakteure in den Zeitungen unter Promi-Berichterstattung vorstellen… Egal, Jane hatte begreiflicherweise die Nase voll.

Dass sie nun „Auslandskorrespondentin“ werden wollte, beschönigt sie nicht – sie jagte dabei zuerst bloß einen attraktiven amerikanischen Friedensvermittler, hinter dem sie mir nichts, dir nichts herreiste, um sich allein in Uganda zu finden. Nun bietet sie Geschichten an, die keine westliche Presse interessierten, die aber auch durch die komischen Begleiterscheinungen von Janes Erlebnissen im Land (etwa: Was geschieht, wenn man dort Bus fährt?) nicht überdeckt werden können: Die Kindersoldaten des religiösen Irren Joseph Kony, die Korruption der Machthaber, das blauäugige Verhandeln der westlichen Mächte (mit fetten Spesenkonten in Luxuslimousinen) mit den offiziell Herrschenden, die vermutlich auch nicht viel besser sind als Idi Amin einst, die Millionen und Abermillionen Westwährung, die hierher fließen und genau dort landen, wo sie nicht sollen. Ein gefährliches Pflaster. Kurz, Jane musste froh sein, am Ende nur andauernd bestohlen, aber sonst unbeschädigt wieder aus dem Land zu kommen. Der Flirt mit dem feschen Amerikaner, von dem sie immer wieder träumt, hat nie geklappt…

Die Fassung, die Barbara Herold für die Bühne findet, ist von Ironie und Selbstironie getränkt, verschleudert aber nie den bitteren Kern der Geschichte, um den es letztendlich geht. Vor einer Strohwand (das wirkt letztlich afrikanisch) und unterstützt von einer brillanten Dia-Show punktgenau zur jeweiligen Situation (Ausstattung und Animation: Caro Stark) steht Maria Fliri auf der Bühne – und wie! Kaum, dass sie die ganze Vorstellung über Zeit hat, Atem zu holen, so flächendeckend überzieht sie den Zuschauer mit Janes Erlebnissen und Erfahrungen, wobei ihr letztlich nicht viel mehr zur Verfügung stehen als ihre Sprache und ihre Körpersprache. Aber für eine Schauspielerin wie diese, die so verblüffend viel kann (das sieht man nicht alle Tage), reicht das vollkommen.

Am Ende hat sich eine intelligente, humorvolle Frau (gemeint ist jetzt Jane Bussmann) gnadenlos über sich selbst lustig gemacht und dennoch eine wichtige Geschichte erzählt. Und genau das haben Barbara Herold und Maria Fliri umgesetzt. Kompliment. Das sollte man gesehen haben. Das gut besuchteKosmosTheaterfeierte die Interpretin, wie sie es verdient.

Renate Wagner

Vorstellungen nur noch bis Samstag

 

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WIEN / Akademietheater: DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ

  Foto: Burgtheater / Ruth Walz

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
Koproduktion mit den Wiener Festwochen
DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ von Peter Handke
Uraufführung: 15. Mai 2012  

„Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit verlassen es nicht heiterer. Wir sind vergebens hier gewesen. Brechen sie dies rätselhafte Schweigen.“ So beginnt bekanntlich der „Don Carlos“ von Friedrich Schiller. Schweigsam sind die beiden Darsteller, die Peter Handke für sein „Aranjuez“-Stück auf die Bühne schickt, nicht. Sie reden viel, wenn auch absolut nicht immer klar wird, was.

Apropos Bühne: Die beiden stehen auf jener des Akademietheaters, die aber in der Inszenierung von Luc Bondy vielleicht auch tatsächlich als Bühne gemeint ist. Des Autors Tochter Amina Handke, Bühnenbildnerin, rückt ein Bühnenportal mit rotem Vorhang in den Hintergrund. Also können die beiden, die da stehen, ja wohl Schauspieler (als Rolle) sein? Die Frau trägt ein Kostüm (Eva Dessecker), in dem sie in einer klassischen „Don Carlos“-Inszenierung gut und gern die Elisabeth spielen könnte. Der Mann, noch in der Unterhose, hat zumindest andeutungsweise den spanischen Kragen des 16. Jahrhunderts um. Die beiden entledigen sich der „Kostüme“ allerdings bald, die Frau springt dann luftig in einem Fähnchen von Kleidchen herum, er zieht sich oftmals um. Ob sie Schauspieler sind, die in „Don Carlos“ gespielt haben? Wer vermöchte das zu sagen? Weitere Hinweise darauf gibt es jedenfalls nicht. Vielleicht ist all das Hin und Her der Gewänder ja nur Beschäftigungstherapie zwecks Textbelebung.

Worum geht es? Von einem „Sommerdialog“ ist zwischen den beiden oft die Rede. „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“ fragt der Mann die Frau. Das klingt eher neugierig nach Sexgeständnissen als nach einem Gespräch über „Liebe“, wie es angekündigt wurde. Jedenfalls wird umständlich und in bunten Wortgebilden mit wenig Klarheit parliert. Handke mag Zitate mitten drin – die Frau verweist auf Blanche DuBois (Darstellerin Dörte Lyssewski ist, wie man weiß, die aktuelle Blanche des Burgtheaters, sie kennt deren tremolierende Schlussworte auswendig, es gibt sie als Draufgabe auf Englisch), und wenn die „Katze auf dem heißen Blechdach“ erwähnt wird , lässt Bondy im Hintergrund Szenen aus der Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Paul Newman laufen. Wenn es auf der Bühne nur Gerede gibt, ist man für jedes bisschen Action dankbar…

Als das Thema Liebe vorwurfsvoll ausgelutscht scheint, macht der Mann Aranjuez zum Thema, das Schloss der spanischen Könige südlich von Madrid, wo er offenbar das Haus von Arbeitern gesucht hat, aber die Casa del Labrador entpuppte sich nur als ein weiteres Schloss. Irrtum also. Später ergeht er sich in Betrachtungen über Zoologie und Botanik, wo man den Verdacht nicht los wird, hier handle es sich um eine Parodie, zumal er einen absolut riesigen Indianer-Kopfschmuck aufsetzt, um den Winnetou ihn beneiden würde. Dann erklingen Schüsse, aus der Brust des Mannes quillt reichlich Blut, und als es dann irgendwann zu Ende ist, ist er gänzlich blutbeschmiert und die Frau davon ebenso gänzlich ungerührt. Das könnte man nun vermutlich lang und breit interpretieren, aber man kann es auch bleiben lassen.

Trotz dieser „szenischen“ Bemühungen ist dieses Handke-Stück wieder einmal bestensfalls ein Hörspiel (er ist nicht der einzige, der so agiert – erst kürzlich ging Simon Stephens rein dialogisch auf die Bühne). Handke, der „Ich-verweigere-das-konventionelle-Theater“-Guru, hat erneut stolz zugeschlagen. Wenn man sich in so starken Netzwerken verankert weiß zwischen Salzburg-Festwochen-Burgtheater, kann man dergleichen leicht riskieren. Und Luc Bondy ist ein so treuer wie anbetender Regisseur, dass er auf jeden Fall alles auf die Bühne schickt, was aus Handkes Feder (Computer) kommt.

Auf der Bühne stehen Dörte Lyssewski und Jens Harzer, zweifellos ein starkes Paar, wobei man sie in der Ära Hartmann in Wien schon sehr ausführlich kennen gelernt hat, er immer noch ein seltener und umso interessanterer Gast in der Stadt ist. Sie bohrt in Handkes Text ernsthaft, er scheint das Bohren eher unernst zu unternehmen, wobei auf Wiener seine „maulige“ Sprache ganz seltsam (und stark) wirkt. Da Handke sich auf Kleinigkeiten wie Psychologie oder Entwicklung nicht einlässt, ist er verdammt schwer zu vermitteln, abgesehen davon, dass es ganze Passagen gibt, wo man einfach nur Bahnhof versteht. Da nützen auch aufreibende darstellerische Bemühungen wenig.

Fazit: Peter Handke ist ganz sein enigmatisches Selbst, Luc Bondy belässt es dabei, und die Schauspieler entfesseln alle ihre Künste, um über eindreiviertel pausenlose Stunden zu kommen, ohne das Publikum in den Schlaf zu wiegen. Es geling nicht immer. Der Dichter verbeugte sich nicht.

Renate Wagner

 

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WIEN / Armes Theater: TRILOGIE DER SOMMERFRISCHE

WIEN / Armes Theater im Novomatic Forum: 
TRILOGIE DER SOMMERFRISCHE von Carlo Goldoni
Premiere: 5. Mai 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 13. Mai 2012  

Ensembles, die keine fixen Häuser „bewohnen“, haben nicht nur den Vorteil, dass die Gemeinde Wien sie nicht hinauswerfen kann. Es besteht auch die Möglichkeit, sich für gewisse Produktionen an stimmigen Spielstätten einzumieten. Wenn man also Goldonis berühmte „Trilogie der Sommerfrische“ spielt, dann ist das ehemalige Verkehrsbüro (vis a vis von der Secession) gewissermaßen ein idealer Rahmen. Auch wenn heute Novomatic drinnen wohnt, gibt es noch immer die Palmen, die einst den Hauptsaal zierten, wo man seine Reisen buchen konnte. Heute hängen großformatige moderne Werke an der Wand, und es ist Platz genug für ein paar Sesselreihen und die Darsteller.

Zumal das „Arme Theater“ seinem selbst auferlegten „Armuts“-Gebot folgt, und das mühelos. Wenn man die Produktion so sieht, fragt man sich, wozu man mehr brauchen sollte als die paar Koffer, die herumstehen, und die paar Liegestühle, die für den zweiten Akt gebracht werden. Das Prinzip des Ensembles, Werke einfach zu spielen, aus den Schauspielern und Situationen zu begreifen, bewährt sich auch bei Goldoni – in heutigen Alltagskostümen.

Diese „Trilogie“, die uns am Burgtheater einst Giorgio Strehler in einer unvergesslichen Aufführung beschert hat, ist normalerweise ein ungemein langes, weil (wie der Titel sagt) dreiteiliges Werk. Das Arme Theater kommt mit 2 Stunden 20 Minuten aus, das ist ungefähr die Hälfte dessen, was normalerweise dafür benötigt wird. Und trotz dieser perfekten Striche ist die Geschichte nicht nur völlig erhalten – Regisseur Erhard Pauer hat auch dafür gesorgt, dass alles, was für uns besonders interessant daran ist, schonungslos hervorgeholt wird.

An und für sich ist Goldoni mit diesem Stück von 1761 aktuell genug. Wie viele Leute fahren nicht nur auf Urlaub, um (wie im ersten Teil „vor der Sommerfrische“ gezeigt) den gesellschaftlichen Konkurrenzkampf dort auf anderer Ebene weiterzuführen, mit Kleidern, Gelagen, Unterkunft. Das sich-gegenseitig-beobachten, sich-gegenseitig-übertrumpfen, wer kennt es nicht in der einen oder anderen Form?

Teil zwei, „in der Sommerfrische“, zeichnet genau nach, wie langweilig so ein Ausnahmezustand sein kann, wenn man ihn nicht mit sinnlosen Aktivitäten totschlägt – und wie sehr man hier in eine Verwirrung der Gefühle geraten kann, die oft nur durch die permanente Nähe (und auch den Mutwillen mancher Beteiligter) hervorgerufen wird.

Teil drei, „nach der Sommerfrische“, ist dann jener, der uns heute am allernähesten auf den Leib rückt: Denn so gut wie alle Figuren des Stücks leben gewissenlos auf Pump und Borg als gäbe es kein Morgen, und sie zerbrechen sich nicht einmal den Kopf darüber, wie sie die leichtfertig gemachten Schulden je zurückzahlen können… Das ist die Mentalität, die derzeit nicht nur Einzelne, sondern offenbar ganze Länder an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Und darum sind in dieser Inszenierung die Menschen am Ende nicht nur unglücklich, weil sie ihre Gefühle opfern müssen – sondern weil sie im wahrsten Sinn des Wortes am Ende sind. Erstaunlich, wie nahe uns ein Stück aus dem 18. Jahrhundert kommen kann.

Es wird, wie gesagt, einfach und schnörkellos gespielt – im fast leeren Raum, in heutigen Gewändern. Und doch gewinnen alle Figuren ohne Hilfe von außen die völlig richtige Kultur. Vor allem zwei unglückliche junge Frauen – die übrigens auch ganz lästig und vollmundig sein können – bestricken: Krista Pauer als Giacinta, die das schmerzliche Erlebnis wirklicher Liebe machen muss, und Piroska Szekely, die laut beginnt (einen Bruder sekkierend) und immer leiser wird, als sie merkt, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Schön machen sie das.

Manfred Jaksch ist der scheinbar wohlhabende Mann, der mit großer Freundlichkeitsgeste zweifellos ehrlich gemeint alle einlädt und sich überhaupt nicht den Kopf zerbricht, ob er das finanzieren kann. Jörg Stelling liest ihm und allen anderen auch diesbezüglich souverän die Leviten. Im gnadenlosen Konkurrenzkampf ist Markus Pol als Leonardo von Anfang an untergegangen – er hat die Nervosität eines in die Enge getriebenen Tieres. Ungemein direkt, schamlos und dadurch wenig schillernd ist die Schmarotzerfigur des Georg Leskovich, der eine reiche Alte (Doris Richter) ja doch noch ausnimmt. Im übrigen gibt es den unglücklichen Liebhaber, der die eine liebt und die andere nehmen muss (Lawrence Karla). Was das geplagte Dienerpaar betrifft, so ist Dieter Hofinger glaubhafter als Isabella Fritdum.

In der Pause gab’s Wein oder Prosecco (inbegriffen), aber es hätte dieser freundlichen Gabe nicht bedurft, um das Publikum freundlich zu stimmen: Es folgte der Geschichte mit jenem Interesse, das man aufbringt, wenn Dinge einen angehen.

Renate Wagner  

Noch am 2., 3., 16. und 17. Juni 2012

 

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WIENER FESTWOCHEN: GROSS UND KLEIN

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: 
GROSS UND KLEIN (BIG AND SMALL)
von Botho Strauß / Martin Crimp (Übersetzung ins Englische)
Produktion: Sydney Theatre Company
Premiere bei den Wiener Festwochen: 12.Mai 2012 

Während sich in deutschen Landen der einst so überdimensionale Ruhm des Botho Strauß mittlerweile zur Ruhe begeben hat, entdeckt man anderswo eines seiner ganz alten Stücke neu: Aber „Groß und klein“ wurde wohl weniger zum Selbstzweck, denn als absolute Paraderolle für Star Cate Blanchett hervorgeholt. Diese wird auf der Leinwand zurecht hoch geschätzt (sie wäre mehr „Oscars“ wert gewesen als der eine für eine Nebenrolle, den sie bekam), spielt aber offenbar von Zeit zu Zeit gerne Theater – und nun tourt sie mit dieser Produktion ihrer australischen Heimat durch Europa. Die Wiener Festwochen sind da nur eine Station unter vielen.

In Wien hat man „Groß und klein“ bisher zweimal gesehen – einmal bald nach der Uraufführung von 1978 als Festwochengastspiel der Münchner Kammerspiele mit der ungemein intensiven Cornelia Froboess. 2002 war Andrea Eckert (diesmal bei der Blanchett-Premiere im Publikum zu sehen) in einer Inszenierung von Frank Arnold die Lotte. Und nun erlebt man das Stück dank Cate Blanchett wieder anders. Nach wie vor anstrengend, das hat die Sache so an sich (drei Spielstunden sind es unweigerlich geworden, und Kurzweiligkeit ist Botho Strauß’ Sache nicht), aber trotz der dreieinhalb Jahrzehnte, die das Stück am Buckel hat, gar nicht besonders „gestrig“.

Denn das Problem, das Strauß weniger als geschlossenes Stück als vielmehr in Form einer Szenenreihe auf die Bühne stellt, ist heute so aktuell wie damals – das Gejammere über unser aller Vereinsamung (was ja, als Kehrseite, auch besagt, dass wir uns nicht mehr für die anderen interessieren) wird ja bei jeder Diskussion anklagend in den Raum gestellt. So neu ist das also nicht. Und wer einmal in der U-Bahn zugehört hat, wie ein junges Mädchen ununterbrochen ins Telefon schreit: „Hast du gelesen, was ich in Facebook geschrieben habe?“, der weiß auch, dass das angebliche Kommunikationsmedium auch nur der Selbstdarstellung und nicht dem Interesse am Nächsten dient… Facebook gab es Ende der 70er Jahre so wenig wie das Handy, und doch wusste Strauß, dass wir einander nicht mehr erreichen…

Das Stück beginnt mit einem berühmten Monolog der Lotte (vielleicht die überzeugendste Szene von allen): Von ihrem Gatten getrennt, ist sie irgendwo im Rahmen einer Gruppenreise in Marokko und erwägt unsicher die Möglichkeiten, mit Mitreisenden Beziehungen zu knüpfen. Danach lässt Strauß sie durch Begegnungen irrlichtern, die alle gemeinsam haben, dass sie letztlich nicht stattfinden – besonders tragisch, wie sie vor einem Haus steht, von einer ehemaligen Freundin aufgenommen werden möchte, aber von dieser durch die Sprechanlage nur gefühllos abgeschasselt wird…

Cate Blanchett geht die Rolle mit aller Verve an, von dem Anfangsmonolog bis zu ihrem stolzen, gar nicht gebrochen wirkenden Entschreiten am Ende. Sie agiert von Beginn an mit einer fast bewussten Brillanz, die sich im Laufe des Abends noch steigert, weil sie in verschiedenen Szenen auch oft ganz verschiedene Töne anschlägt und durchaus die Virtuosität ihres Könnens ausspielt. Obzwar 43, ist sie schier unglaublich schlank und rank (in einer Szene im Glitzerbody tanzt und zuckt sie bis zur Perfektion herum), kann aber auch plötzlich alt und resigniert wirken. Zwischen der immer wieder hoch geputschten Aufgekratzheit und der gelegentlichen tiefen Müdigkeit der Figur spielt sie die darstellerischen Variationen hinauf und hinunter. Das ist keine elegante, minimalistische Leistung, wie man sie von ihr so oft auf der Leinwand gesehen hat – hier feuert sie aus den Kanonenrohren ihres Könnens frontal bis in die letzte Zuschauerreihe. Und da Strauß schließlich kein diskretes Stück geschrieben hat, liegt sie goldrichtig.

In unseren Breiten würde man „Groß und klein“ vermutlich mehr verfremden, als es Regisseur Benedict Andrews für diese glänzende Aufführung tut: In angedeuteten Bühnenbildern, die dem Geschehen helfen (Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Alice Babidge) geht er zwar durchaus stilisiert abgehoben vor, mit Sinn für die absurden Schlenker von Strauß, aber doch als psychologische Geschichte erkennbar: So wandert man mit Lotte durch die Leere der Welt und ihres Lebens.

Umgeben von einem durchwegs glänzenden Ensemble, das die deutschen Figuren des Botho Strauß gänzlich in die englischsprachige Welt umsetzte und ein Panoptikum tragisch-komischer Gestalten beschwor, wurde Cate Blanchett nach allen Regeln der Kunst verdient umjubelt.

Renate Wagner

 

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WIEN / International Theatre: MARK TWAIN’S AMERICA

WIEN / International Theatre: 
MARK TWAIN’S AMERICA
An Entertainment by Samuel L. Clemens
Herbert Moulton and Jack Babb
Premiere:  8. Mai 2012  

Dieser „Samuel L. Clemens“, der hier vordringlich für diesen Theaterabend verantwortlich zeichnet, der so kurzweilig wie schön ist, wurde unter seinem Künstlernamen bekannt: Mark Twain. Man hat ihn viel bewundert und viel gescholten, aber für die Bewunderung war wohl mehr Anlass. Eine eigentlich viel zu kurze Reise durch das Leben und Werk dieses Originals bringt neben Geliebtem und Bekanntem auch viel Neues: Ehrlich, wer hätte gewusst, dass der Name „Mark Twain“, den er sich gab, aus der Sprache der Mississippi-Schiffer stammt, denen er angehörte, und einfach einen Hinweis auf die Flusstiefe bedeutete?

Herbert Moulton and Jack Babb lassen vier Schauspieler durch das Werk von Twain führen, als Erzähler und durchaus lebhafte Spieler: So wie Alan Burgon den trickreichen Tom Sawyer gibt, der das Recht, an seiner Stelle seinen Zaun malen zu dürfen, teuer verkauft, lacht man sich schief. Wie Jack Babb (auch der Regisseur des Abends) mit allen darstellerischen Tricks vorliest, wie Huck Finn seinen Negerfreund Jim rettet. Wie Marilyn Close (mit Burgon) durch die Tücken der deutschen Sprache führt, über die Twain, der vielfache Europa-Reisende, sich so souverän lustig macht. Ja, und das Tagebuch der biblischen Eva (Twains Huldigung an seine Frau, mit der er Jahrzehnte in glücklichster Ehe lebte) könnte man nicht liebevoller und reizvoller lesen als Laura Mitchell es tut…

Wunderbar neben dem Populären auch das Unbekannte, nicht nur seine witzigen, sarkastischen Reiseeindrücke aus Europa, in seinem legendären Werk „Innocents Abroad“ festgehalten. Nein, es stockt der Atem, wenn man von Twains kurzfristigen Erlebnissen als Soldat hört: Dass er einen ihm fremden Menschen, der ihm nichts getan hat, dem er unter normalen Umständen mit Freundlichkeit begegnet wäre, im „ehrlichen Kampf“ erschossen, getötet, gemordet hat, das mochte er nicht zu verwinden. Soldatentum war seine Sache nicht.

Kritischer Humor hingegen weit mehr. Wenn am Ende Captain Stormfield viel Mühe hat, über die Hürden der Bürokratie (Marilyn Close krächzt einen ungehaltenen Buchhalter des Himmels) endlich auf seine Wolke aufzusteigen und nach ewig gleichen Harfentönen feststellt, wie sehr er sich langweilt (nein, so toll, wie man ihm das in der Kirche erzählt hat, ist das himmlische Nachleben wirklich nicht) – da lacht man wieder aus ganzem Herzen. Und hat doch einen weit komplexeren Mark Twain kennen gelernt, als die meist oberflächliche Kenntnis von Tom und Huck anbietet.

Schön war’s. Das war’s. Soll es das wirklich gewesen sein für das International Theatre? Zusperren am 30. Juni, Schluss, aus, basta? It’s a shame. Shame upon you, Gemeinde Wien und ihre Handlanger!

Renate Wagner

May 8 – June 27, 2012 Tuesdays and Wednesdays  Curtain: 19:30

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WIEN / Burgtheater-Vestibül: YELLOW MOON

Sophie Christine Behnke  (Foto: Barbara Zeininger)

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
YELLOW MOON – DIE BALLADE VON LEILA UND LEE von David Greig
Premiere: 6. Mai 2012,
besucht wurde die Vorstellung vom 7. Mai 2012 

Schon einmal hat das Burgtheater ein Stück des in seiner Welt sehr erfolgreichen schottischen Autors David Greig in sein Vestibül verfrachtet, und schon damals, im Dezember 2012, erwies sich „Eine Sommernacht“ formal nach demselben Muster gestrickt wie nun „Yellow Moon“ des Autors (aus dem Jahre 2006). Er nennt sein Stück im Untertitel „Die Ballade von Leila und Lee“ und bezieht sich dabei auf die oft „besungene“ Geschichte des Messerstechers Stagger Lee, wobei er der Story eine ganz eigene Form gegeben hat, so dass man das Stück gerne zur schottischen „Bonnie & Clyde“-Story erklärt hat. Ganz so ist es wohl nicht.

Der formale Trick besteht darin, dass die Darsteller zwar gelegentlich in normale Dialoge verfallen, vordringlich jedoch in dritter Person von sich erzählen. Wenn das nicht sehr gut gemacht wird (in der Burg ist das glücklicherweise der Fall), könnte es nerven. Was tatsächlich nervt, ist nicht nur das vordergründige Pathos der Geschichte, sondern auch die höchst unebene Dramaturgie.

Um zwei Jugendliche geht es, den aggressiven Lee und die von der Realität weitgehend abgehobene Leila, wobei die Tatsache, dass sie Muslima ist, kaum eine Rolle spielt (sie lässt das Kopftuch, das sie anfangs trägt, auch bald weg). Vielmehr ist sie sich so entfremdet, dass sie nur zum Leben zu erwachen scheint, wenn sie unter die Ritzer geht und mit Rasierklingen ihr eigenes Blut fließen lässt (was unter Jugendlichen verbreiteter sein soll, als man glaubt). Sich Lee anzuschließen, der eben den Freund seiner Mutter in Wut ermordet hat und in die schottischen Highlands flüchtet, scheint ihr interessanterweise einen Lebenssinn zu verleihen.

Im Hochland, wo Lee seinen Vater sucht und in einem versoffenen Wildhüter findet, passieren dann die seltsamsten Dinge (inklusive dem Auftritt eines exzentrischen Stars namens Holly), und man hat keinesfalls das Gefühl, dass diese vage, ohne richtiges Ende verschwimmende Geschichte Hand und Fuß hat.

Aber sie wird im Vestibül des Burgtheaters so vorzüglich gespielt, dass sie ihre Berechtigung aus der Inszenierung von Peter Raffalt und den vier Darstellern bezieht, wobei das ältere Paar – die tatsächlichen Burgschauspieler – und das im Rahmen der „Jungen Burg“ engagierte junge Paar durchaus gleichwertig sind, vorzüglich ineinander greifen und das meist pathetische Gesülze mit einer Wahrhaftigkeit durchdringen, die bemerkenswert ist.

Sophie-Christine Behnke, schon einige Male in der „Jungen Burg“ zu sehen, schießt mit der wunderbar stillen Verschlossenheit der Leila den Vogel ab und kontrastiert perfekt zur Wut, die ihr jugendlicher Kollege Tino Hillebrand so lautstark, ja manchmal wirklich beängstigend  herauslässt.

Hervorragend Petra Morzé, wobei die Szenen, in denen sie in die Rolle eines überhitzten, hektischen Stars schlüpft, fast grenzgenial wirken. So gut wie selten ist hier Dirk Nocker, ob Widerling, der sich seinen Mord fast verdient zuzieht, ob Schwächling, der sich stark gibt. Sie alle spielen sich und erzählen von sich und retten, was von der Substanz her zwar dick aufgetragen, aber eigentlich bescheiden ist.

Das Publikum schien sich buchstäblich die Hände wund zu klatschen.

Renate Wagner  

 

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WIEN / Burgtheater: ROBINSON CRUSOE

 

Ignaz Kirchner / Joachim Meyerhoff     (Fotos: Barbara Zeininger)

WIEN / Burgtheater: 
ROBINSON CRUSOE – PROJEKT EINER INSEL
nach Daniel Defoe
Premiere: 20. April 2012
Besucht wurde die Vorstellung am 7. Mai 2012  

Einer der nach wie vor berühmtesten Romane der Weltliteratur – fälschlich gerne als „Kinderbuch“ betrachtet – erschien 1719, spielt im 17. Jahrhundert und ist eine Überlebensgeschichte und Kulturphilosophie bzw. Kultursatire erster Ordnung: Es ist der „Robinson Crusoe“ des Engländers Daniel Dafoe, den das Burgtheater nun als „Projekt einer Insel“ in den Zuschauerraum des Hauses stellt, wobei es keinerlei Hinweise dafür gibt, wer die Fassung erstellt hat. Vermutlich Regie, Dramaturgie, Schauspieler miteinander. Agiert wurde vor allem aus der Theatersinnlichkeit heraus – ob im Endeffekt etwas wirklich Sinnvolles herausgekommen ist, mag im Auge des Betrachters liegen.

Dass das Ganze von Regisseur Jan Bosse a priori auf „Event“ ausgelegt ist, zeigt schon die ungewöhnliche Situation, mit der man die Besucher konfrontiert: Die Bühne selbst und der vordere Teil des Zuschauerraum sind nun (im Vergleich zu sonst: verkehrt) als Tribünen für die Besucher gestaltet. Robinson spielt inmitten des Zuschauerraums vor den restlichen Sesselreihen, nach und nach auch in den Logen, schwingt sich per Leiter auf den Balkon, kurz, die Burg ist sein Schiff…

Der Abend ist dreiteilig, im ersten erzählt Joachim Meyerhoff, für den dieser Abend Spielwiese seiner (allerdings schon ausführlich bekannten) Virtuosität ist (neue Züge an ihm werden nicht offenbart), in Ich-Form den Robinson des Buches, der schottische Sohn aus wohlhabendem Haus. Dabei figuriert Ignaz Kirchner hier als sein Vater und singt das Hohelied des reichen Großbürgertums als angenehmster Lebensform (womit er vielleicht gar nicht unrecht hat…) Robinson erzählt von seiner Sehnsucht, zur See zu fahren, von den zahlreichen Abenteuern, die er hier erlebt (u.a. gerät er in Sklaverei) – bis zu jenem Schiffbruch, der ihn dann 28 Jahre auf eine Insel verbannt.

Teil 2 beginnt damit, dass man – neben dem Theater an der Wien und der Josefstadt – nun auch im Burgtheater einen splitterfasernackten Mann genießen kann (sofern das ein Genuss ist – als später auch Ignaz Kirchner Anstalten machte, seine Hose auszuziehen, stöhnte eine Dame hinter mir: „Nicht noch einer!“, aber dieser kleidete sich nur in ein Baströckchen). Der nackte Robinson betrachtet das Burgtheater als jenes „Schiff“, mit dessen Hilfe er sein Leben auf der Insel ausstaffiert. Das ist nun der „Happening“-Teil des Stücks, und es schmerzt das Herz, wie hier Stühle aus der Verankerung gerissen, Vorhänge zerfetzt, alle möglichen Bestandteile der Einrichtung grob kaputt gemacht und umgewidmet werden – immerhin, wenn das die Aufgabe des Bühnenbildners (Stéphane Laimé) war, das Burgtheater zu demolieren, so ist es eindrucksvoll gelungen.

Der dritte Teil gilt dann Robinson und Freitag (jetzt kommt Ignaz Kirchner wieder), und das ist ja nun tatsächlich eine für uns psychologisch und soziologisch hochinteressante Geschichte, die „Zähmung“ des Wilden durch den überlegenen Herrenmenschen (im Grunde ist es ja, als Variation, dasselbe, wenn Old Shatterhand seinen Freund Winnetou so großartig belehrt) – da hängt sich Robinson sogar in einer Loge ans Kreuz, um die Überlegenheit des Christentums zu demonstrieren…

 

Dieser Teil des Abends ist dann die ultimative Verarschung und Verblödelung des Geschehens, ob Robinson und Freitag da „High Society“ singen und swingen oder „ich bin Hochkultur“ brüllen, ob Freitag in Frauenkleidern herumalbert oder Robinson mit immer neuen Bärten oder alternativ Kahlköpfen prunkt, hier ist nur noch Blödsinn angesagt, und das auf ziemlich primitiver Ebene.

Wenn man zu den unsäglichen Theaterbesuchern gehört, die immer noch meinen, dass das Gebotene Sinn machen muss, wird man vielleicht mit leeren Händen dastehen. Sicher, ein Virtuosenstück für Joachim Meyerhoff – aber, entschuldigen schon, sooo gut, dass man dies als Selbstzweck rechtfertigen könnte, ist der Abend auch wieder nicht… (Der bei einer 18 Uhr-Vorstellung, gut zwei Wochen nach der Premiere, nicht überwältigend besucht war.)

Renate Wagner

 

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WIEN / Josefstadt: ENDLICH SCHLUSS

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
ENDLICH SCHLUSS von Peter Turrini
Premiere: 3. Mai 2012   
Besucht wurde die Generalprobe

Vor vielen, vielen Jahren (genau: im Juni 1997) war das eine Auftragsarbeit: Ein Monolog, den Peter Turrini dem großen Gert Voss auf den Leib schrieb (damals noch der Superstar des Burgtheaters) und der im Akademietheater unter der Regie von Claus Peymann mit all jenem Erfolg uraufgeführt wurde, den die prominenten Protagonisten erwarten konnten. Über das weitere Schicksal des Stücks weiß man hier in Wien nichts weiter (möglicherweise ist es anderswo landauf, landab gespielt worden?) – und nun hat es die Josefstadt 15 Jahre später wieder angesetzt. Ursprünglich für Heribert Sasse. Aber Spielpläne, die mindestens ein Jahr und mehr davor erstellt werden, halten nicht immer. Nun spielt Alexander Pschill den Einakter, der in der Regie von Herbert Föttinger gerade 70 Minuten dauert und einen etwas dürftigen Eindruck hinterlässt.

Es ist vermutlich die letzte Ausstattung des verstorbenen Rolf Langenfass, stimmungsmäßig phantastisch, inhaltlich etwas in der Luft hängend: Warum ein hoch erfolgreicher und sicherlich auch super verdienender Mann in mittleren Jahren, der sich umbringen will, dafür eine muffige Altbauwohnung mit schäbigen Tapeten wählt, ist kaum klar. Vermutlich handelt es sich um das Kinderzimmer des Sohnes, als dieser klein war, denn der einsame Held des Geschehens reitet immer wieder ein Schaukelpferd, wenn er sich nicht damit beschäftigt, die altmodisch hohen Fenster mit schwarzem Klebestreifen zuzupicken und den Ort ihn eine schwarze Höhle zu verwandeln… Es ist überhaupt meist sehr dunkel auf der Bühne, was für die Zuschauer bekanntlich anstrengend ist, und auch 70 Minuten können sehr lang werden.

 Foto: Barbara Zeininger

Allerdings besteht die Hoffnung, dass auch ein Mann, der nicht bis drei, nicht bis zehn, nicht bis hundert, nein bis tausend zählt, bis er sich erschießen will, endlich doch einmal dort anlangt – und es dann tut. Dass „Endlich Schluß“ ist, nicht nur für ihn, auch für die Theaterbesucher… Natürlich unterbricht er das Zählen (manchmal springt er auch in Zehnergruppen, man muss sich nicht jede einzelne Ziffer anhören) mit Reflexionen über sein Leben, das so erfolglos nicht war.

Möglicherweise gab es 1997 einen aktuellen Anlass, auf den Turrini angespielt hat, einen Erfolgsjournalisten, der ein übler Opportunist war und gerade deshalb Karriere gemacht hat (könnte er damals, nur eine Vermutung, Günther Nenning gemeint haben, der sich in allen Ideologie-Farben umtat?). Also, ein Mann, der mit sich selbst und seinem Erfolg unzufrieden ist.

Gut, aber dass man sich deshalb umbringen muss – das wird in diesen Überlegungen nicht ausreichend begründet. Man bekommt den Selbstmörder nicht so recht in den Griff. Und das hat nichts mit dem Interpreten zu tun, außer dass Alexander Pschill vielleicht doch ein wenig zu jung dafür wirkt – und eigentlich gar nicht sonderlich resigniert und gebrochen: Man möchte ihm anbieten, ins Kaffeehaus oder zum Heurigen zu gehen und noch ein bißl darüber zu reden. So essentiell, dass er wirklich abdrücken muss… na, wie dem auch sei. Am Ende tut er es jedenfalls.

Bis dahin hat Regisseur Herbert Föttinger ihn in düster-flackerndem Ambiente in Bewegung gehalten, aber Glaubwürdigkeit oder auch Anteilnahme sind damit nicht zu erzielen. Dieser Text ist einfach zu dünn. Irgendwas zwischen Belanglosigkeit und Schlafmittel. Das war einfach nicht zu retten.

Renate Wagner

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WIEN / International Theatre: RELATIVELY SPEAKING

WIEN / International Theatre: 
RELATIVELY SPEAKING by Alan Ayckbourn
Premiere: 3. Mai 2012   
Besucht wurde eine Voraufführung

Andreas Mailath-Pokorny wird einst mit dem Beinamen „der Kultur-Killer“ in die Wiener Lokalgeschichte eingehen. In einem Kahlschlag ohnegleichen hat er in den letzten Jahren die ungemein reiche „kleine“ Szene Wiens bereits scharf reduziert, aber der Zerstörungswut ist noch kein Ende gesetzt. Frau Gabor wurde aus der Kammeroper geschmissen, angeblich soll Hubsi Kramar seinen originellen 3raum-Schauplatz verlassen, und mit Ende Juni wirft man Marilyn Wallace nach 32jähriger Tätigkeit aus dem von ihr und ihrem Mann gegründeten International Theatre Ecke Porzellangasse / Müllnergasse. Was nicht den modernen Mainstream bedient und verschmäht hat, sich politische Netzwerke der richtigen Couleur zu schaffen, findet bei der Gemeinde Wien keine Gnade.

Die vorletzte Produktion nach all den vielen Jahren gibt sich leichtfüßig, will keine Trauer aufkommen lassen: Lachen mit Alan Ayckbourn, einem der großen britischen  Boulevardiers. Sein Vier-Personen-Stück „Relatively Speaking“ (zu Deutsch als „Halbe Wahrheiten“ immer wieder gespielt) ist ein Meisterstück der Ökonomie – wie kann man, rein verbal (die Situationskomik ist da, aber sekundär) einen Theaterabend lang Missverständnisse über die Bühne jagen, die das Publikum zu seinem eigenen Vergnügen durchschaut, die Beteiligten allerdings nicht (oder erst gegen Ende?).

Da sind die leichtfertige Ginny, ihr seriöser Verlobter Greg, ihr alter Ex-Chef und Ex-Freund Philip, den sie besucht und der fix als ihr Vater ausgegeben wird, als Greg auftaucht, und Philipps Gattin Sheila, die ärgerlicherweise nicht, wie erwartet, in die Kirche gegangen ist, sondern es nun mit Gästen zu tun hat, von denen sie nicht einmal weiß, wer sie sind… Aber britische Höflichkeit waltet, und es ist ein teuflisches, schon ein wenig sadistisches Vergnügen zuzusehen, wie in ausgefeilten sprachlichen Wendungen und Pointen die Lügner zappeln und die Unschuldslämmer nichts begreifen…

Don Fenner hat dies in zwei so hübschen wie praktischen Bühnenbildern auf die schmalen Bretter des International Theatre gestellt, und ein Quartett reüssiert: Joanna Laverty lügt und lügt und lügt, Alan Burgon greift in seiner resoluten Ahnungslosigkeit ans Herz, Jack Babb als lüsterner Ehebrecher hantelt sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs entlang, und Laura Mitchell als betrogene Ehefrau schießt den Vogel ab: Beschwingt und liebenswürdig wie einst Queen Mum, ist sie bei aller Freundlichkeit und Höflichkeit nicht so dumm, wie alle meinen. Sie lässt das Publikum an ihrem großzügigen Begreifen des erotischen Qui-pro-quo ergötzlich teilnehmen…

Sicher, das ist „nur“ Boulevard, das International Theatre hat in den Jahrzehnten seiner Arbeit für Wien vieles mehr und vieles Anspruchsvolle gebracht (abgesehen von dem zur Institution gewordenen alljährlichen „Christmas Carol“): Man wird die kleine Bühne vermissen.

Renate Wagner

Till June 30, Thursdays, Fridays, and Saturdays
Curtain: 19:30

 

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WIEN / Scala: ANTONIUS UND KLEOPATRA

WIEN / Scala
ANTONIUS UND KLEOPATRA von William Shakespeare
Premiere: 21. April 2012,
besucht wurde die Vorstellung vom 3. Mai 2012 

Von den Geschichten, die das Leben schrieb, spielen ein paar der außerordentlichsten in der römischen Antike, denn dies war eine Welt der extremen Persönlichkeiten, rasender Leidenschaften, kaltblütigster Ruchlosigkeit. Marc Anton, der römische Feldherr, der zeitweise ein Herrscher der damaligen Welt war, und die ägyptische Königin Cleopatra, die schon Julius Caesar in ihren Bann gezogen hat, liefern eine solche immer wieder erzählte überdimensionale Story. Da es um Macht, Reichtum und Herrschaftsanspruch ging, konnte das Ganze nur letal enden.

Aber die Welt hat sich immer gefragt, wie es möglich war, dass ein Mann auf alles verzichtete, was ihm als Römer von Bedeutung sein musste – nicht zuletzt seine Ehre -, und sich in die Arme einer Frau warf. Nun, Antworten gibt es viele (neben Erotik hatte Cleopatra noch eine Menge an materiellen Gütern zu bieten), aber jene, die William Shakespeare fand, spiegelt doch vor allem den Reiz des Exotischen, Fremden, Andersartigen, Besonderen, Abweichenden in Gestalt der ägyptischen Königin. Sie steht als ebenso leidenschaftliche wie berechnende Frau auf der Bühne, eine, die treibt und getrieben wird. Gegen ihre Welt des sinnlichen, verführerischen Orients steht die kalte Machtpolitik Roms – ein Stück voll prächtiger Spannung.

Nun hat man in der Scalaauf der Wiedner Hauptstraße schon eine Menge interessanter Shakespeare-Umsetzungen gesehen. Dass diese dem Direktor / Regisseur Bruno Max (der sich einen ganz schlichten Raum mit rundem Podest gebaut hat) nicht so gelungen zu sein scheint wie frühere, lag vielleicht an der Besetzung. Zwar stand Alexander Rossi als Antonius durchaus glaubhaft im Raum, man glaubte ihm den Ehrgeiz des Soldaten und die Sinnlichkeit des Liebhabers, aber schon bei Cleopatra hatte die Interpretin Melanie Waldbauer (exquisit eingekleidet von Alexandra Fitzinger) nur optische Reize zu bieten, scheiterte bereits an der Sprache, schon gar an den von Shakespeare so exzessiv gezeichneten Stimmungsumschwüngen. Aus dem ganzen großen Ensemble ragten gerade Michael Reiter und Leopold Selinger hervor, vielleicht noch der von Shakespeare so unsympathisch gezeichnete spätere Kaiser Augustus (der „Bösewicht“ des Stücks) in Gestalt von Thomas Groß.

Der Abend ist lang, nicht immer so spannend, wie er sein müsste, und ohne den souveränen Einfallsreichtum, mit dem Bruno Max andere Shakespeare-Werke gestaltet hat. Aber immerhin hat er aus dem Werk keine Dodel- und Trottelschau gemacht, wie man es zuletzt im Burgtheater erleben musste… Wer in dieScalageht, sieht zumindest das Stück. Und das ist heutzutage ja eine Rarität und folglich etwas wert.

Renate Wagner

 

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