Stefania TOCZYSKA
Interview, 04/2011: STEFANIA TOCZYSKA, STEFANIA TOCZYSKA – Eine ganz persönliche Wiederbegegnung

STEFANIA TOCZYSKA – Eine ganz persönliche Wiederbegegnung
Im Juli 1992 hatten wir unser erstes Interview geführt. Damals sang Stefania Toczyska die großen Mezzo-Partien des italienischen, französischen und slawischen Repertoires an allen großen Opernhäusern der Welt. Die Münchner Opernfreunde hatten das Glück, dass die polnische Mezzosopranistin mit dem gurrend erotisch lockenden Timbre während dieser Zeit auch recht oft in der bayerischen Hauptstadt auf der Nationaltheaterbühne auftrat. Hier war sie u. a. eine maßstäbesetzende Carmen, sowohl vokal wie auch optisch, und sie sang die großen Mezzorollen Verdis mit Furor. Sie war eine der aufregendsten Ebolis und Amnerisse, die man sich denken kann.
Bei jenem Interview während der Münchner Opernfestspiele 1992 lernte ich dann neben der Künstlerin auch die liebenswerte Frau Stefania Toczyska kennen. Unser danach noch einige Zeit gepflegter Kontakt, riss leider irgendwann umzugsbedingt ab.
Lange Zeit hatte Frau Toczyska sehr viel in Amerika zu tun, so dass sie in Europa etwas aus dem Focus geraten war. Aber sie war keineswegs „weg“.
Irgendwann meinte sie, sie sei nun in dem Alter, sich auf Mutterrollen zu verlegen. Das hatte nichts mit etwaigen stimmlichen Defiziten zu tun, denn die Stimme hat immer noch ihr unverkennbares Timbre und Power, wovon man sich bei der konzertanten Onegin-Aufführung des BR-Symphonie-Orchesters unter Jansons am 12. April überzeugen konnte, wo sie die Mutter Larina gab (siehe auch Radio-Übertragung). Mit diesem Onegin-Team ging es anschließend zunächst zum Oster-Festival nach Luzern und später geht‘s nach Amsterdam für szenische Aufführungen, ebenfalls unter Jansons‘ Leitung.
Von überall wo Stefania Toczyska in ihrem neuen Fach auftritt, kann man gute Kritiken lesen. Immer wird konstatiert, dass die Stimme vollkommen in Ordnung sei.
1992 klagte die Sängerin darüber, dass der CD-Markt sie zu wenig berücksichtigte. Im Rahmen der mehr und mehr aufgelegten Livemitschnitte sind inzwischen jedoch erfreulicherweise einige Ton- und Bilddokumente zu haben. Mit zu den tollsten Aufnahmen gehören hier wohl die La Gioconda aus San Francisco neben Renata Scotto und die Bregenzer Anna Bolena als Giovanna Seymour neben Evgenij Nesterenkos prallem Heinrich VIII.. Und unter Sammlern kursieren noch viele weitere Schätze „from all over the world“….
Als Stefania Toczyska und ich uns nach dem BR-Onegin am 13.4. wiedertrafen, war die beiderseitige Freude riesengroß, erinnerten wir uns doch beide gerne an das seinerzeitige Gespräch. – Frau Toczyska war glücklich, nach so langer Zeit einmal wieder in München zu sein, in dieser Stadt der Hochkultur, und hier auftreten zu dürfen. Überhaupt ist sie ganz zufrieden, wie sie in all den Jahren immer richtig die Kurve gekriegt hat für die richtigen Rollen zum richtigen Zeitpunkt, gemäß einer stimmlichen wie persönlichen Weiterentwicklung. Und jetzt ist sie froh, dass einige Komponisten doch recht schöne Mutterrollen geschrieben haben, mit denen sie jetzt genauso um die Opernwelt reist, wie zuvor mit den großen Mezzo-Schinken. Sie zitiert hier eine Aussage Domingos: „Ich werde singen, solange Gott es mir erlaubt“. So sieht es auch Stefania Toczyska, solange die Stimme voll funktioniert und die Gesundheit stabil bleibt, solange es ihr Gott also erlaubt zu singen, wird sie singen – zur Freude aller, die diese Stimme und diese Frau schätzen und lieben.
Erstaunlicherweise bleibe der Stress, der Leistungsdruck der gleiche, ob großer Schinken oder kleinere Mutterrolle, beteuert sie, und das sei keineswegs Koketterie.
Ihren Wohnsitz hat Stefania Toczyska zusammen mit Mann und Töchtern aus der Stadt Wien in eine Randregion verlegt, wo sie einen schönen Garten ums Haus hat, dessen Pflege ihr einen entspannenden Ausgleich zum Künstlerdasein bietet – „ich bin eine leidenschaftliche Gärtnerin“.
Die beiden erwachsenen Töchter sind nicht in Mutters Fußstapfen getreten, obwohl die jüngere eine wunderschöne Stimme hat, aber sie ist vielleicht zu vernünftig um sich in den risikoreichen Sängerberuf zu stürzen. Die ältere Tochter ist Psychologin.
Im Rahmen des Schwärmens über die Zusammenarbeit mit Mariss Jansons erzählt Frau Toczyska eine nette Episode: Während der Generalprobe setzte sie einmal etwas zu früh ein, worauf Jansons meinte, „…also wenn sie zu früh einsetzen ist das ihre Schuld, wenn sie zu spät kommen, ist es meine“.
Die Unterhaltung über Sänger, die zwar schon etwas gehobenen Alters sind, aber dennoch voll im stimmlichen Saft, und trotzdem weniger Angebote bekommen und andere, die schon lange abgenutzte Stimmen haben und dennoch weiter hoch im Handel stehen, führt zu dem Resümee, „wir stehen alle unter der Macht der Agenturen“.
Möge der liebe Gott Stefania Toczyska noch lange erlauben, zu singen – TOI-TOI-TOI!
D. Zweipfennig 4/2011

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