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Tara ERRAUGHT

Interview, 03/2011: TARA ERRAUGHT, Das Wichtigste: Eine Geschichte erzählen!

TARA ERRAUGHT
- Aufstrebende Jung-Mezzosopranistin und Irin, frisch wie der junge Morgen –
*
Das Wichtigste: Eine Geschichte erzählen!
Als Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper hat sich das Charmebündel Tara Erraught bereits enorme Sympathien erspielt und ersungen, u. a. in einer Studio-Produktion von Rossinis „La Cenerentola“ (siehe Youtube, Amsterdamer Grachtenkonzert 2010 mit Jean-Yves Thibaudet am Klavier *).
Nach der Übernahme ins Festensemble der Bayer. STO hat sie sich mit jeder neuen, wenn auch kleinen Rolle mehr und mehr einen festen Platz in den Herzen des Münchner Publikums errungen. Die bisherige Krönung war Tara Erraughts erste Premiere am 27.2. mit einer Hauptrolle, Ravels „L’Enfant et les Sortilèges“. Für dieses unartige Kind hätte man ganz sicher keine bessere Besetzung finden können (Kritik vom 3.3. **). Tara selbst sagt, dass ihr diese Rolle besonders entgegenkam, weil sie wie „das Kind“ ebenfalls die Schule inbrünstig gehasst hat, und die Aufmachung als Bub mit rotem Haarschopf und grünem Anzug (mit kurzer Hose) ziemlich irisch anmutete. So fühlte sie sich in dieser Rolle ganz „zu Hause“.
Irische Leute „like to tell stories”,  bitte erzählen Sie uns Ihre Story (und schon ging’s munter los…)
„Meine ganze Familie spielte Violine und ich zunächst auch. Mit 10 Jahren fing ich ernsthaft mit Singen an; das lag mir mehr als die Geige, zum einen weil ich weniger üben musste, zum anderen weil ich mit der Stimme besser Geschichten erzählen konnte. Allerdings spielte ich als Geigerin im Jugendorchester und beim Singen war ich mehr auf mich selbst gestellt.
Als ich 13 war nahmen mich meine Eltern mit nach Verona zur Aida in der Arena – ‚and that was it!‘ – da war’s passiert, da stand fest, das ist das, was ich will!
Ich hatte viel Glück mit meinen beiden Lehrerinnen, zunächst bei uns zu Hause, Geraldine McGee und dann an der Royal Irish Academy of Music in Dublin bei Dr. Veronica Dunne. Bei ihr studierte ich in einer altmodischen Weise: Ich lebte mit meiner Lehrerin zusammen, wir arbeiteten 7 Tage die Woche, morgens früh um 7:30 ging es los mit Technik und Übungen, am Nachmittag ging ich zur Akademie und arbeitete mit einem Pianisten an Arien, Liedern, Repertoireaufbau. 4 Jahre lief das so.“ –
Nach zahlreichen Wettbewerbspreisen, war Tara auch beim Belvedere-Wettbewerb in Wien unter den Preisträgern, wo sie den ersten Kontakt mit der Bayer. STO knüpfen konnte. Das war im Juli 2008 und im September desselben Jahres war sie bereits Mitglied des Opernstudios in München. Sie hatte aber ihr Abschlussexamen an der Royal Academy noch gar nicht gemacht. Die Operndirektion zeigte sich zur hilfreichen Unterstützung bereit, Mrs. Dunne kam nach München zur Vorbereitung und beide reisten nach Dublin, wo Tara schließlich ihr Examen machen konnte.
2 Jahre war sie Mitglied des Opernstudios und nun ist sie bereits ein hochgeschätztes Mitglied der Bayer. STO – im zarten Alter von 24 Jahren. Das erste Jahr in einem Ensemble – „and it’s great!“
Alles lief sehr schnell und zügig seit Taras erstem Wettbewerb 2007. Danach wurde sie an der Uni in Dublin weiter gefördert. Großen Anteil an dieser scheinbar problemlosen Entwicklung hatte natürlich Taras Lehrerin Mrs. Dunne. Zu einer L’Enfant-Aufführung war sie kürzlich angereist und arbeitete wieder ein bisschen mit ihrer Meisterschülerin.
Von dieser Lehrerin hat Tara italienischen Gesangsstil gelernt, jetzt an der Oper lernt sie mehr Stil und Sprachen – und Spielen (!). Spielen, eine Geschichte erzählen (auch, wenn man stimmlich vielleicht mal nicht so gut drauf sein sollte; dem Publikum eine Geschichte nahebringen – „that’s it!“ Und das funktioniert derzeit am besten bei Mozart und Rossini.
Die Cenerentola: „I love it! It’s my very, very favorite thing to sing!”  – Und so gehen Tara Erraughts Zukunftswünsche derzeit vorrangig in Richtung Mozart und Rossini. Mit Mozart hat sie das Publikum bereits als absolut niedlicher Cherubino becircen dürfen, und nach Rossinirollen ist Tara süchtig. Die gehen ihr immer flott von der Zunge. Aber auch damit will sie eine „Story“ erzählen. Nicht nur akrobatische Shownummern abliefern, sondern wirkliche Figuren zum Leben erwecken, das will sie „für Rossini“ tun. (Die alte Ponnelle-Cenerentola schlummert noch im Fundus – vielleicht….,  es wäre schön…)
Im Opernstudio arbeiten die jungen Sänger auch häufig mit der Regisseurin und Vizedirektorin der Otto-Falckenberg-Schule, Sigrid Herzog, zusammen, eine Arbeit die Tara schauspielerisch weiterbrachte. Gerne holt sich Tara bei Bedarf weitere Impulse von Frau Herzog. „Je mehr ich mit ihr arbeite, desto leichter funktioniert das Spielen.“
Tara Erraught hat die richtige Entscheidung getroffen, in das hiesige Ensemble zu gehen, mit der Möglichkeit des künstlerischen Wachstums in alle Richtungen. Intendant Nikolaus
Bachler und seine Assistenten im Betriebs- und Castingbüro sind stets sehr entgegenkommend und hilfreich, sagt Tara; auch was die Rollenauswahl betrifft oder auch als es darum ging, sich einem Manager anzuvertrauen. Der kam bereits nach ihrer ersten Premiere als drollige Giannetta in Donizettis Elisir auf sie zu und betreut sie nun weltweit.
Taras wichtigste Personen auf dem Weg dahin, wo sie jetzt steht, waren ihre Lehrerinnen und ganz besonders ihre Mutter (beide Eltern sind Chefs de cuisine). Weil die Eltern so sehr in ihre Arbeit eingebunden waren, wuchs Tara auf dem Bauernhof ihrer Großeltern in Ravensdale auf, in schönster Natur, ein gutes Stück nördlich von Dublin.
„Meine Mutter hat meine Entwicklung und die damit verbundenen Entscheidungen immer sehr sensibel gehandhabt, sie hat mich immer unterstützt, auch als es darum ging, für längere Zeit nach München zu gehen.“ – Erstmals fern der Heimat, erstmals ein Leben in einer großen Stadt, eine neue Erfahrung für das geborene Landkind. Jetzt hat sich unser Opern-Starlet inzwischen gut eingelebt und für das lebensnotwendige Grün sorgen in München der Englische Garten und in Theaternähe der Hofgarten.
Tara hatte das Glück, stets familiären Schutz und familiäre Unterstützung erfahren zu dürfen. Man akzeptierte alles, was sie sich vornahm, – „im Notfall sind wir ja da“.
Mit dem Flieger mal eben von München nach Dublin, das ist ja auch kein Problem. Außer vielleicht ein zeitliches. So konnte Tara Weihnachten 2010 erstmals nicht im Schoße der Familie verbringen. Das war hart, im Theater waren auch nur diejenigen, die unbedingt da sein mussten, so widmete sich Tara zur Ablenkung diversen Stimmexerzitien um ihre Einsamkeit etwas zu vergessen.
Vorbilder sind für Tara u. a. – „Cecilia Bartoli, weil sie sich um Musik kümmert, die sonst niemand singen wollte, und sie tat es, tat es so überzeugend und mit Herz, das Publikum spürte das – und Joice di Donato, die hat ein unglaubliches Instrument, fließende Technik und – ‚she tells a story!‘ Ich könnte ihre Rosina hundertmal hören und sie ist bestimmt jedes Mal anders. Wie jedermann, bewundere ich auch Joan Sutherland. Sie hat viel mit meiner Lehrerin gearbeitet an Covent Garden.“
Was für ein Mensch sind Sie ihrer Meinung nach – ein temperamentvoller?
„Lachen ist wichtig, nicht immer zu ernst sein. Aber, wenn du ernsthaft sein musst, solltest du es auch sein können. Wenn man einen Job hat wie unseren, ständig eine Rolle spielt, ständig verkleidet ist, besteht die Gefahr, eine andere, nicht ernsthafte Person zu werden. Manchmal muss man sich zur Ordnung rufen und realisieren, da gibt’s auch noch eine echte, eine normale Welt. Und dazu ist es nötig, dass man Personen um sich hat, die einen daran erinnern, die braucht man, auch wenn man später viel reisen muss. Es ist also wichtig, dass man eher ein ausgeglichenes Temperament pflegt, weil ja alles um uns herum ständig so dramatisch ist. Aber ich bin ja erst am Anfang und lerne jeden Tag; auch von den bereits etablierten Sängern, über deren Leben, musikalische Erfahrungen, auch das Geschäftliche manchmal.“
Hobbys?
„Sticken! Während Auftrittspausen in der Garderobe rede ich immer viel zu viel, da ist es besser, wenn ich mich mit Sticken beschäftige.
Ich gehe auch oft ins Fitnessstudio. Da geht’s nicht nur um Fitness, das ist auch eine soziale Angelegenheit. Dort treffen wir uns mit Orchestermusikern und anderen Sängern, reden und frühstücken zusammen. Zweimal pro Woche treffen wir uns mit ein paar Leuten (Jungsängern) zum gemeinsamen Kochen und Spaß haben.“
Was war nicht so schön?
„Die Schule, die ich richtig gehasst habe; das einsame letzte Weihnachten. Schwierig ist es manchmal, weil ich in meinem Alter kaum Dinge tue, die andere junge Leute sonst tun. Ich bin 7 Tage die Woche hier im Opernhaus und ‚practice‘. Dann muss ich wieder zum Fitness, um eine ordentliche Figur für diese oder jene Rolle zu haben. Ich war auch nicht mehr im Sommerurlaub seit 2004. Wenn ich nicht an der Uni zu tun hatte, war ich bei Meisterklassen oder Wettbewerben. Immer lernen, lernen, lernen. Für mich ist das ok. –
Wenn das Opernhaus im kommenden August wegen der Theaterferien geschlossen wird und ich wieder mal heimkomme, heiraten zwei meiner besten Freunde. Wie konnte das passieren, alle sind so erwachsen geworden, haben Häuser gebaut … Für mich erscheint das alles noch so weit weg. Ich habe derzeit nicht einmal einen Boyfriend. Ich weiß gar nicht, wie andere das managen, ich habe gar keine Zeit dafür; aber ich bin ja auch erst 24…“ , jubelt sie.
Besondere Wünsche?
“Einmal in meinem Leben die allerschönste Musik machen, die ich nur kann! –
Manchmal denke ich schon, wenn meine Stimme nur ein bisschen größer oder reifer im Klang wäre, dann könnte ich dieses oder jenes singen. Da das aber nicht so ist, muss ich meinen ganz persönlichen Weg finden. Auch wenn ich 20 Jahre lang dasselbe Repertoire singen sollte, es wird immer wieder anders sein. Je mehr ich fürs und vom Leben lerne, desto differenzierter wird mein Spiel werden und je mehr meine Stimme wächst, desto unterschiedlicher wird das auch akustisch sein.
Das Allerwichtigste ist mir, dass ich am glücklichen Ende meiner Karriere sagen kann: ‚I told people a lot of stories‘, ich habe die Leute berührt, egal ob stimmlich oder darstellerisch. Auf der Bühne spüre ich ganz genau, ob die Leute mit mir sind oder ob ich sie verloren habe. Das ist so aufregend, wenn man spürt, wie die Leute mit einem sind.
Ich bin wirklich glücklich, eine Stimme zu haben und hier arbeiten zu können und all diese tolle Musik singen zu dürfen. Auch, dass ich hier vieles ausprobieren kann. Ich bin glücklich, dass die Intendanz sich so fürsorglich um uns junge Sänger kümmert. Auch das Münchner Publikum ist so lieb, Leute kommen hinter die Bühne oder an die Bühnenpforte und wollen mit mir reden. Ich fühle mich so wohl damit, es gibt mir ein Gefühl von Heimat. Ich weiß natürlich nicht, ob das anderswo auch so sein könnte.“
Die Feststellung, dass das Niveau der Opernstudio-Sänger derzeit sehr hoch ist, veranlasst Tara zu der stolzen Bemerkung, dass inzwischen ein weiterer irischer Sänger dazu gekommen ist, dieses Mal ein Tenor – und der ist ein ganz großer Story-Erzähler…
Am Ende des Interviews ‚verabreden‘ wir uns für ein weiterführendes Interview in 2-3 Jahren. Mal sehen, was es dann für interessante Storys zu erzählen gibt…
Dorothea Zweipfennig, München 3/2011 (auch Foto)

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