Der Neue Merker
Thomastik-Infeld Ticketpoint das Theater-Portal für Wien

WIEN: EIN KUSS VERÄNDERT DIE WELT – VOM JUGENDSTIL ZUR MODERNE

Wien – „Ein Kuss verändert die Welt“. Vom Jugendstil zur Moderne, 28. 08.2011
von Ursula Wiegand
„Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“ steht in güldenen Lettern am Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, erbaut 1898.
Wiener Secession, erbaut 1897. Foto: Ursula Wiegand
Gekrönt wird der weiße Bau am Naschmarkt von einem ebenso güldenen Blättergebilde, von den Bewohnern der Donaumetropole spöttisch „goldenes Krauthappel“ (goldener Kohlkopf) genannt.
Vorausgegangen war die Gründung der Wiener Secession im Jahr 1897. Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich gehörten zu den maßgeblichen Vertretern der neuen Richtung. Im Café Sperl (Gumpendorfer Straße 11) diskutierten sie ihre Ideen.
 Wien, Café Sperl. Foto: Ursula Wiegand
Die Wiener wissen das natürlich, andere Leser vielleicht nicht. Doch eines ist klar – für die Bilder von Gustav Klimt (1862-1918) schwärmen Menschen in aller Welt. Außerdem gilt er als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne und steht 2012 im Mittelpunkt des Interesses.
 „Ein Kuss verändert die Welt“, titelt Wien zu seinem 150. Geburtstag. Damit ist Klimts berühmtestes Werk „Der Kuss“ gemeint, beheimatet im Oberen Belvedere, das mit 22 Klimt-Gemälden ohnehin die weltweit größte Sammlung seiner Bilder besitzt.
Gustav Klimt, Der Kuss, von 1908. Foto: Ursula Wiegand
„Der Kuss“ gehört in Klimts goldene Phase, und offenbar ist es dem Künstler mehr auf die exquisite Darstellung des güldenen Gewandes der jungen Frau angekommen als auf die Gesichter der beiden Liebenden. Die schon 1901 gemalte Judith, die wie in Trance den halb entblößten Oberkörper präsentiert, wirkt sehr viel erotischer.
Erneut soll nun Klimt posthum Wien und die Welt wach küssen. Daher startet das Untere Belvedere schon in diesem Jahr mit der Sonderausstellung „Gustav Klimt/Josef Hoffmann. Pioniere der Moderne“ (25.10.2011-04.03.2012). Klimt also gemeinsam mit dem kongenialen Architekten und Gestalter. (www.belvedere.at). Die Zusammenarbeit der beiden setzte mit der Beethoven-Austellung von 1902 neue Kunst-Maßstäbe. Klimts Beethoven-Fries ist im Untergeschoss des Secessionsgebäudes zu finden.
Das Kunsthistorische Museum widmet sich vom 14.02.-06.05.2012 der mittleren Periode des Malers, also der Zeit von 1886-1897 (www.khm.at) , während die Albertina vom 13.03.-17.06.2012 Zeichnungen von Klimt aus der eigenen Sammlung, ergänzt durch Leihgaben, ausstellen will.
Wien Museum, Gustav Klimt, Porträt Emilie Flöge, 1902, Detail. Foto: Ursula Wiegand
Diesbezüglich hat jedoch das Wien Museum weit mehr herzuzeigen und dürfte den wohl umfassendsten Einblick in Klimts Werdegang bieten. Das Haus besitzt wegweisende Gemälde, so die martialisch anmutende „Pallas Athene“ von 1898 und das schöne Porträt seiner Lebenspartner Emilie Flöge von 1902. Klimt schenkt aber schon bei diesem Porträt dem aparten Kleid der Frau – sie war allerdings Modedesignerin – mehr Aufmerksamkeit als ihrem Gesicht.
Der wahre Schatz des Wien Museums sind jedoch 400 Zeichnungen von Gustav Klimt, eine weltweit einmalige Sammlung. Diese Skizzen führen zu den Wurzeln seines Schaffens und markieren seinen weiteren Weg. „Erstmals sollen alle 400 Zeichnungen in unserer großen Ausstellung ab 14. Juli 2012 zu sehen sein,“ betont Kuratorin Dr. Ursula Storch. Ein großes Fest ist aus diesem Anlass ebenfalls geplant.
 
 Wien Museum, Gustav Klimt, Allegorie der Oper, 1883. Foto: Ursula Wiegand
Das bereits erwähnte Secessionsgebäude mit seiner klaren Linienführung war jedoch nicht Klimts Werk. Vielmehr erbaute es Joseph Maria Olbrich, ein Schüler des berühmten Architekten Otto Wagner (1841-1918). Der gilt als Vater des Wiener Jugendstils.
Wagner, der zuvor dem Historismus gehuldigt hatte, bekam als Generalplaner für die Wiener Stadtbahn ein Gespür für die zeitgemäße Verbindung von Form und Funktion.
Wien, Stadtbahn-Pavillon von Otto Wagner. Foto: Ursula Wiegand
Der Stadtbahn-Pavillon für die Station Karlsplatz zählt zu seinen bekanntesten Werken. Der Anstrich des Pavillons nimmt Bezug auf das damalige Stadtbahn-Grün. Weißer Marmor und Gold stellen die Verbindung zur barocken Karlskirche her, erbaut durch Fischer von Erlach. Die Wiener, die den geplanten Abriss des Pavillons verhinderten, genießen nun dort ihren Kaffee.
Ein Genuss ist auch der Anblick von Otto Wagners Wienzeilenhäusern am Naschmarkt. Exquisit gibt sich die Nr. 38, reinweiß, mit güldenem Dekor von Koloman Moser und einer gekonnten Ecklösung in Form eines Viertelkreises.
Wienzeilenhäuser, Naschmarkt, Majolikahaus von Otto Wagner. Foto: Ursula Wiegand
Daneben die Nr. 40, das so genannte Majolikahaus, dessen Fassade durch florale Muster auf den Kacheln belebt wird. Die sind abwaschbar, hatte doch schon Otto Wagner die nachhaltige Schönheit des Hauses im Sinn.
Diese Jugendstilbauten von 1898/99 gewannen alsbald die Herzen. Doch 1910/11 – beim Bau des Loos-Hauses am Michaelerplatz – hagelte es Proteste. Die nackte Fassade empörte sogar den Kaiser. Nach einem Baustopp gab Architekt Adolf Loos nach und ließ bronzene Blumenkästen als Schmuck unter den Fenstern anbringen. Das „augenbrauenlose“ Haus hieß es dennoch mit Wiener Schmäh.
Um 1990 gingen die Wogen nochmals hoch. Eine mediale Hetzkampagne wurde gegen Hans Holleins „Haas-Haus“ angezettelt. Schon der Bau erregte Proteste, noch mehr aber sein Standort gegenüber dem Stephansdom. Doch wie schön spiegeln sich die Domtürme in seiner Glasfront! Inzwischen gilt das Haas-Haus als gelungener Kontrapunkt im historischen Zentrum und Hans Hollein (geb. 1934) schon lange als Stararchitekt.
Hans Holleins Haas-Haus als Spiegel. Foto: Ursula Wiegand
Das MuseumsQuartier MQ von 2001 wurde schneller akzeptiert, vor allem das weiße Leopold Museum. Dagegen war das aus strengen grauen Basaltblöcken bestehende MUMOK (Museum Moderner Kunst) eher gewöhnungsbedürftig. In diesem Jahr hat es sein 10jähriges Bestehen gefeiert und ist voll akzeptiert. Womöglich ist der Erfolg des MQ aber nicht nur den dortigen Ausstellungen zu verdanken, sondern ebenso den kunterbunten Liegen, auf denen sich die Wiener gerne sonnen.
Zur Parademeile für modernes Bauen ist jedoch das Donaukanalufer mit seinen drei futuristischen Hochhäusern avanciert. Von der gegenüberliegenden Seite betrachtet steht links der Vorreiter, der im Jahr 2000 von Hans Hollein realisierte Generali Media Tower. Rechts außen ragt Heinz Neumanns Uniqa Tower (von 2005) stolze 75 Meter hoch empor.
Wien, Holleins Media Tower (links) + PS1 von Nouvel und Neumann. Foto: Ursula Wiegand
Dazwischen, sich aber freundlich zum Hollein-Bau neigend, steht nun Wiens neuester Stolz: das Ende 2010 fertig gestellte PS1 des französischen Stararchitekten Jean Nouvel, dessen Glasfassade – ähnlich wie bei seinem Gasometerhaus – versiert mit Lichtreflexen spielt.
Die Bauausführung oblag weitgehend dem Büro Heinz Neumann & Partner.
Das PS1 beherbergt das Edel-Einrichtungshaus Stilwerk und mit dem „Sofitel Vienna Stephansdom“ auch das modernste Luxushotel der Stadt. Der Name ist kühn gewählt, denn der Dom ist nur in der Ferne zu sehen. Doch die Dachschräge des PS1 korrespondiert mit dem Dach des Gotteshauses, allerdings nur in hellen und dunkelgrauen Abschnitten.
Eine Besonderheit ist der vertikale Garten von Patrick Blanc an der nächsten Hauswand. Der zeigt sich aber erst, wenn Besucher und Hotelgäste den gläsernen Fahrstuhl hinten in der Halle benutzen. Für gut betuchte Gäste ist das Dachrestaurant mit Blick auf Wien eine angesagte Adresse und Wochen im Voraus ausgebucht.
So gesehen haben die Stararchitekten von heute erfolgreich den Weg von Otto Wagner, Gustav Klimt und ihrer Mitstreiter fortgesetzt. Denn auch jetzt gilt: „Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“.
Infos: Weiteres zu Wien unter www.vienna.info, zum Klimt-Jahr unter www.klimt2012.info.
Den Besuchern werden Führungen auf den Spuren von Gustav Klimt geboten.
Kunstsinnigen Gästen sei das „Hotel Altstadt Vienna“, Kirchengasse 41, 1070 Wien, empfohlen. Originalkunstwerke schmücken alle Zimmer und Aufenthaltsräume in den vom Hotel belegten Altbau-Etagen. Sehr freundlicher Service. Tel. 0043-15226666, www.altstadt.at.
Restaurant 1070, Gutenberggasse, Alois Linner kocht. Foto: Ursula Wiegand
In dieser Gegend, den Seitengassen der Burggasse, gibt es auch zahlreiche gute Gasthäuser. Zu den originellsten gehört das „Restaurant 1070“ in der Gutenberggasse 28 mit seinen leckeren Überraschungsmenüs (Tel. 0043-6765661774, www.restaurant-1070.com ).

Ursula Wiegand

Diese Seite drucken