Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: NACKTE MÄNNER

 

WIEN / Leopold Museum:
NACKTE MÄNNER
Von 1800 bis heute
19. Oktober 2012 bis 28. Jänner 2013 

Von der Subkultur zur Hochkultur

Vor dem Leopold Museum im Wiener MuseumsQuartier lagert riesig und sehr nackt der „Mr. Big“, eine Installation von Ilse Haider, neun Meter lang, über vier Meter hoch. Er lädt zur Ausstellung „Nackte Männer“, und wenngleich das Museum sich entschließt, das beanstandete Ausstellungsplakat (mit den drei nackten Fußballern) mit dem berüchtigten „roten Streifen“ zu überkleben, also die Genitalen vor dem Auge der vorbeigehenden Öffentlichkeit wieder zu verbergen – drinnen bekommt man sie reichlich. „Wo nackte Männer draufsteht, sind auch nackte Männer drinnen“, meint Tobias Natter, Direktor der Leopold Museums.

Von Renate Wagner

Frauen ja – Männer nein?    Die Erregung um das Plakat, die dem Leopold Museum einen noch nie gekannten Ansturm auf die Website (und die Telefone) beschert hat, war – wie man durchwegs unschuldig versichert – natürlich nicht geplant (obwohl man sie sich natürlich ausrechnen konnte). Warum allerdings empörte man sich über die drei nackten Fußballer, während eine Nackte von Klimt, die für das Kunsthistorische Museum wirbt, nun schon seit Monaten Wiens Plakatwände ziert und absolut niemanden aufregt? Weil es sich um eine schöne Frau handelt? Jedenfalls sei der „nackte Körper dem Menschen zumutbar“, wie Natter einen Spruch von Ingeborg Bachmann paraphrasiert. Allerdings behandelt das Leopold Museum das Thema eindeutig auf hohem Niveau: Hatte männliche Nacktheit, wenn sie denn ausgestellt wurde, üblicherweise etwas mit schlüpfriger Subkultur zu tun, so hebt man das Thema hier eindeutig in die Hochkultur. So seriös, dass für den möglichen Spaß an der Sache geringer Platz bleibt und für den immerhin möglichen erotischen Reiz der Sache auch. Man ist wirklich über die Maßen seriös hier.

Durch die Jahrtausende       Der zentrale Saal zeigt in fünf Skulpturen das anspruchsvolle Programm: Da stehen nebeneinander ein nackter Ägypter von 2400 v. Christus;  der Jüngling vom Magdalensberg (es war ein logistisches Kunststück, ihn vom Kunsthistorischen Museum zu Leopold hinüber zu schaffen), der zwar eine Kopie aus dem 16. Jahrhundert ist, aber an sich eine römische Statue; Rodins stehender Mann aus Bronze von 1876/76; ein steinerner Torso von Fritz Wotruba aus dem Jahr 1930; und Heimo Zobernig hat 2011 einer männlichen Schaufensterpuppe zwar ein T-Shirt, nicht aber eine Unterhose angezogen. Nackte Männer aus fünf Jahrtausenden, die zusammen mit ein paar antiken griechischen Vasen deutlich machen: der „nackte Mann“, der uns im 21. Jahrhundert immer noch zu erregen imstande war, ist ein ewiges Thema der Kunst.

Das Ideal des Klassizismus      Man wird zwar im Lauf der Ausstellung auf eine „Badeszene“ von Albrecht Dürer (1496) stoßen, die eine echte Überraschung darstellt, aber tatsächlich beginnt sie mehr oder minder im Zeitalter des Klassizismus, wo man sich der griechischen Kultur als Ideal zuwandete – und gerade bei den Griechen hatte der nackte Mann (zumal als heroischer Sportler) eine besondere Rolle gespielt. Für diese Wiederbelebung des nackten Helden gibt es nun zahlreiche Beispiele, die allerdings in ihrer Glätte dem heutigen Geschmack kaum entsprechen.

 

Schiele und die seelische Nacktheit     Es war, wie man in derPressekonferenz erfuhrt, Elisabeth Leopold selbst, die immer in alle Museums-Geschehnisse eng involvierte Gattin (jetzt Witwe) von Rudolf Leopold, die vor Jahren die Idee dieser Ausstellung entwickelte. Das logische Zentrum sind jene Künstler, für die das Haus berühmt ist, zumal Egon Schiele – er war sich selbst das Modell für zahlreiche Variationen des „nackten Mannes“, und hier geht es nicht um Muskel, Kraft, Selbstdarstellung der Potenz, sondern einzig und allein um das entkleidete Individuum, zurückgeworfen auf sich selbst: Der „Sitzende Männerakt“ im Großformat zeigt, was man weiß, dass dieser Künstler kein Tabu kannte. Drei Selbstbildnisse von Richard Gerstl, davon eines nackt, und mehrere nackte Männerdarstellungen von Anton Kolig teilen sich mit Schiele einen Raum, der vielleicht doch der eindrucksvollste, künstlerisch intensivste der Ausstellung ist.

 Munch

Kraft durch Schönheit?     Wie erwähnt versucht die von Tobias Natter und Elisabeth Leopold kuratierte Ausstellung das Thema nicht sensationell anzuheizen und auch nicht künstlich zu problematisieren. Wenn sich ein Themenschwerpunkt den „Badenden“ widmet, gibt es Gemälde von Liebermann, Munch oder Cezanne, die das Thema der nackten Männer am Strand geradezu unbefangen gestalten. Es liegt im Auge des Betrachters, wenn er ein Bild von nackten Buben (Henry Scott Tuke) deshalb als unbehaglich empfindet, weil uns Missbrauch von Kindern heute so bewusst ist (und man dergleichen womöglich auf Pornosites findet). Und weil gelegentlich auch „Kraft durch Schönheit“  zu winken scheint (eine Nazi-Zeitschrift ist hier als einziger Hinweis dieser Entwicklung eingebracht).

Exzesse tunlichst vermieden   Dass männliche Nacktheit natürlich auch stark mit Homosexualität verbunden ist, behandelt die Ausstellung bestenfalls am Rande (um ja nicht in den Vorwurf zu geraten, schmuddeligen Voyeurismus zu bedienen): Dennoch werden die Bilder und Fotos immer exzessiver, je näher man der Gegenwart kommt. Immerhin, Elisabeth Leopold ist nicht zimperlich – ein nackter Jesus am Kreuz von Otto Mühl, der Körperflüssigkeit aus allen Körperöffnungen schießt (um es so diskret wie möglich zu formulieren), fehlt auch nicht. Und nicht ein “Filetstück” von Louise Bourgeois. Und nicht die Fotoserie eines sehr alten Mannes in jeder Körperposition (Timoslov Gotovac): Feig war man dann auch wieder nicht. Doch der Anspruch der Hochkultur schwebt unveränderlich über der Ausstellung.

Bis 28. Jänner 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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