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WIEN / Theater im Zentrum: CHATROOM

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum: 
CHATROOM von Enda Walsh
Premiere: 14. Jänner 2012,
besucht wurde eine Voraufführung

Der irische Dramatiker Enda Walsh schrieb sein Stück „Chatroom“ 2005, aber in den sieben Jahren seither hat sich an der Grundsituation nichts geändert. Vielmehr ist das Internet noch tiefer in das Leben vieler Menschen gekrochen. Man weiß, in welchem Ausmaß vor allem Jugendliche in Facebook und Twitter schier ununterbrochen ihre Befindlichkeiten austauschen. Wie gefährlich es sein kann, ins „Netz“ zu gehen, will Walsh an der Geschichte von sechs etwa 15jährigen zeigen, wobei man allerdings am Ende mit der Überzeugung aus dem Stück geht, dass in Chatrooms ohnedies nur Gestörte, Freaks oder latente Verbrecher unterwegs sind…

Drei Boys, drei Girls. Die Banalitäten der Unterhaltungen sind für die Erwachsenen erschütternd, aber redet man wirklich über Gescheiteres, wenn man Kochrezepte austauscht und über Enkel schwätzt? Die jungen Mädchen analysieren endlos, was Britney Spears für sie bedeutet oder nicht. Aggressiver wird es, wenn zwei Jungs über Jugendbücher diskutieren und dabei die Idee aufkommt, Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling zu killen… Und zur Sache kommt das 75minütige, pausenlose Stück, wenn mit Jim ein wirklich vereinsamter, unglücklicher Jugendlicher das Gespräch sucht, von einigen Hilfe bekommt, von anderen zynischen Köpfen aber gnadenlos manipuliert wird – sogar mit der Absicht, ihn in einen öffentlichen Selbstmord zu treiben. Nun, man kennt inzwischen auch Selbstmord-Chatrooms, man weiß, dass das alles absolut nicht unwahrscheinlich ist.

Seltsam, dass Regisseur Gerald Maria Bauer für diese Aufführung des  Theaters der Jugend im Theater im Zentrum  die von ihm selbst gestaltete Bühne zwar mit sechs Bildschirmen bestückt, aber die Jugendlichen miteinander reden lässt, als säßen sie nicht an ihren Computern oder Handys oder iPods oder was immer – schließlich ist ja der Mangel an „lebendigem“ Kontakt die Essenz dieses Verhaltens. Ebenso stellt die Möglichkeit, sich hinter Nicknames zu verstecken und anonym Dinge zu tun, zu denen man privat nie stehen würde, einen der Reize dieser Kommunikationsform dar, die die Welt überschwemmt. Diese Isolation wäre zu zeigen gewesen und fehlt der Inszenierung ganz.

Die jungen Schauspieler wirken zwar nicht wie Teenager, überzeugen aber – Jan Hutter als der unglückselige Jim, den man per Videokamera bis vors Haus verfolgt, wo er den angekündigten Selbstmord glücklicherweise doch nicht begeht (die Passanten in der Liliengasse würden ganz schön erschrecken), Luzian Hirzel und Suse Lichtenberger als jene perversen Geister, die es anregend finden, einen Mitmenschen zu demütigen, herunter zu machen und bis in den Selbstmord zu treiben. Die Isolation von Natalie Ananda Assmann als Emily besteht offenbar darin, dass sie eine besondere mathematische Begabung besitzt, was der Durchschnitt nicht so gerne hat, auch Jack (Jan Alexander Zabbée) ist nicht gerade der Erfolgstyp. Laura (Claudia Kottal) versucht im Netz als hilfreiche Mediatorin zu wirken.

Die Figuren sind gut gewählt und gut gezeichnet, und das jugendliche Publikum verspürte das klassische Gefühl von „tua res agitur“ und reagierte entsprechend interessiert. Beim Weg aus dem Theater erhält man noch einen Zettel in die Hand gedrückt, in dem vor den Gefahren dieses „offenen“ Internets gewarnt wird. Aber sich einerseits persönlich auszuschleimen und andererseits die Persönlichkeit „schützen“ zu wollen, ist ein Widerspruch in sich – das funktioniert einfach nicht. Wer sich in Chatrooms oder gar vor „Friends“ ausbreitet, begibt sich in die Hand der anderen. Ob das Nachdenken über diese Tatsache irgendetwas am Verhalten junger Leute ändern wird, die ja diesbezüglich unter erheblichem Gruppenzwang stehen?

Renate Wagner

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